Filmcharmeur und Mutmacher

Das Schwule Museum informiert in einer Ausstellung über »Rock Hudson und die AIDS-Krise«

  • Von Volkmar Draeger
  • Lesedauer: 4 Min.

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Vorbei an den Porträts bekannter Homosexueller führt der Weg, ehe man das Herzstück der neuen Ausstellung im Schwulen Museum erreicht: vorbei an der Terrakotta-Büste des Harald Glööckler, dem Bleistiftkonterfei des Arndt von Bohlen und Halbach, dem Foto der schrillen Divine mit ihren Bulldoggen. Vorbei auch an dem »heilenden Altar« des/der 2005 verstorbenen KabarettistIn Ovo Maltine. Auch Weiteres aus dem Bestand des Museums wird in der Serie »Tapetenwechsel« zu sehen sein. Was Kurator Wolfgang Theis diesmal zu Kapiteln geordnet hat, war nur mit Hilfe eines privaten Archivars möglich. Seit Jahren trägt der Kölner Björn Klimek Material zu Rock Hudson zusammen. Die Ausstellung »Rock Hudson und die AIDS-Krise« zeigt nicht nur das Auf eines großen Hollywood-Stars, sondern auch sein Ab: den Tod infolge einer HIV-Erkrankung.

Die erste Wand stellt Hudson als Objekt von »Beefcake-Fotos« vor, Fotos mit freiem Oberkörper, die bei den weiblichen Fans Sehnsüchte wecken sollten nach einer Begegnung: freilich nur im nächsten Film. Seine Karriere hatte Hudson, als Sohn einer Telefonistin und eines Kfz-Mechanikers 1925 im Bundesstaat Illinois geboren, 1948 begonnen. Der Kriegsdienst bei den US-Marines lag da gerade hinter ihm. Frisch und knackig posiert er auf den Bildern, ob ausgestreckt am Strand, das Badetuch um die Hüften, in Shorts vor einem Fitnessgerät, malerisch vor einem Lattengerüst. Nicht bodygestählt auf späteren Aufnahmen, doch mit einem ansteckenden Lächeln, ein Junge von nebenan.

Als den hat ihn wohl auch Regisseur Douglas Sirk gesehen und seinen Ruhm begründet, mit Streifen wie »Duell in den Wolken«. Im Jahr zuvor, 1956, gelang Hudson der Durchbruch mit »Giganten«, an der Seite von Elizabeth Taylor und James Dean, mit dem er eine Romanze hatte. Hudson festigte seinen Ruf als Liebhaber vom Dienst bei immerhin 1,96 Metern Körperhöhe in Komödien mit Doris Day: 1959 »Bettgeflüster«, 1961 »Ein Pyjama für zwei«, 1964 »Schick mir keine Blumen«. Mit Italiens Exportschlager Gina Lollobrigida drehte er 1965 »Fremde Bettgesellen«.

Während der 1970er ging die magnetische Anziehungskraft des »schönsten Manns Hollywoods«, wie er von der Boulevardpresse damals genannt wurde, zurück. Gerüchte über seine Homosexualität machten erneut die Runde. Um einem Karriere-Selbstmord vorzubeugen, heiratete er schon 1955 Phyllis Gates, die Sekretärin seines Agenten. Fotos zeigen neben Hudsons Mutter ein strahlendes Paar. Drei Jahre später landete die ahnungslose Gattin in der Psychiatrie und verfasste 1987 ihr Anklage- und Enthüllungsbuch »My Husband, Rock Hudson«, in dem sie sich als Spielball einer Verschleierungskampagne beschreibt.

In der Ausstellung zeichnet eine Großwand ein Leben in 30 Porträts nach. Ob im karierten oder gestreiften Hemd, mit Binder oder salopp, als junger Matrose oder älter mit Schnauzer, als smarter Elegant oder ernst und gealtert mit Brille - er bleibt sich seltsamerweise immer gleich, ist die Marke Hudson, im Gesichtsausdruck alterslos, ohne emotionale Schattierungen. Hudson funktionierte, bis er nicht mehr funktionierte. Nach dem Karriereknick, als neue Stars wie Al Pacino, Robert de Niro, Jack Nickolson die Leinwand erobern, tritt er am Broadway und in Fernsehserien auf, letztmals 1985 als Gaststar in »Denver-Clan«.

Da weiß Hudson, den das Publikum liebte, der dennoch nie einen Oscar gewann, dafür je fünfmal Bambi und Bravo Otto, schon von seiner AIDS-Erkrankung. Auf einem Fotoposter von 1983 sieht man ihn zwischen Liza Minnelli und, stolz mit ihrem Oscar, Liz Taylor. Spät erst, resümiert die Ausstellung traurig und auch etwas süffisant, fand er zur größten Rolle, als Bekennender in Sachen AIDS. Auf Filmplakaten ist er in der Schau noch einmal der Strahlemann, »In einem anderen Land« nach Hemingway, »Die Unbesiegten« mit Haudegen John Wayne, »Happy End im September« mit der kurvenreichen Lollobrigida.

Der Abstieg war tragisch. Fast zwei Jahre vor seinem Tod 1985, mit knapp 60, erfuhr er die verhängnisvolle Diagnose, reiste zur Therapie nach Paris, kollabierte, wurde dort ins Krankenhaus, dann zum Sterben heim nach Los Angeles gebracht: in einer extra gecharterten Boeing, da aus Ansteckungsangst keine Linie ihn transportieren wollte. Erst wenige Monate vor dem Tod machte Hudson seine Sexualität und die Krankheit öffentlich, wurde vom gefeierten Filmstar und Titelhelden der Illustrierten zum Gesicht einer verfemten, weil noch unbekannten Krankheit. Die Presse schlachtete das - auch dies im Original zu besichtigen - weidlich aus. Dennoch brachte Hudsons Bekenntnis die Wende in der Sicht auf AIDS. Nicht nur Liz Taylor und Doris Day hielten zu ihm, luden zu einer Benefizveranstaltung ein, auf der Burt Lancaster eine Nachricht von Hudson verlas, dann zur Gedenkfeier. Seine Asche war da bereits verstreut, wie das Testament, zu sehen in Kopie, es festlegte. Um sein Erbe von geschätzten 30 Millionen Dollar entbrannte unter den »Freunden« Streit - Rock Hudsons Lebensleistung als Leinwandcharmeur und, angesichts des Todes, als Mutmacher für andere Infizierte kann das nichts anhaben.

Bis 27.3., Schwules Museum, Lützowstr. 73; www.schwulesmuseum.de

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