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Rekorde, Tränen und ein Dieb

Das Finale der Darts-WM bietet jede Menge Unterhaltung, doch die bierselige Show ist nun leider zu Ende

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Und nun? Was soll sich der gemeine Sportfan jetzt abends anschauen, da die Darts-WM vorüber ist? Das Ende der Fußball-Winterpause ist noch Wochen entfernt, und wer will schon auf Sport1 Hinterwäldlern aus Texas dabei zusehen, wie sie verlassene Garagenlager ausräumen? Und was hat das überhaupt mit Sport zu tun? Aber genug davon, wir schweifen ab. Obwohl: die Frage, ob dies ein Sport sei, hatte sich ja auch beim Darts jahrelang gehalten. Spätestens nach dem WM-Finale am Montagabend im »Ally Pally« genannten Alexandra Palace von London sollte sie aber beantwortet sein. Das, was der Niederländer Michael van Gerwen und der Schotte Gary Anderson da trotz ihrer dicken Bäuche geleistet haben, war großer Sport - keine Frage!

Van Gerwen war als Favorit ins Endspiel gegangen und bestätigte dies eindrucksvoll. Er ließ Anderson, immerhin Weltranglistenzweiter und Sieger der vergangenen zwei Titelkämpfe beim 7:3 nicht den Hauch einer Chance. Immer dann, wenn es mal so aussah, als könnte Anderson dem 26-maligen Saisonsieger ein Bein stellen, traf der ein hohes Finish, es flogen also alle drei Pfeile (Darts) genau in die kleinen Felder, in denen sie steckenbleiben mussten, um den Satz noch für van Gerwen zu drehen.

Er stellte gemeinsam mit seinen Gegnern in den letzten Runden so einige WM-Rekorde auf. Niemand warf in einem Match je einen höheren Punkteschnitt als der 27-Jährige aus Boxtel im Halbfinale gegen seinen Landsmann Raymond van Barneveld. Beide zusammen spielten an den Punkten gemessen das beste Match aller Zeiten. Im Finale gelangen dann wiederum Anderson mit 22 die meisten perfekten Aufnahmen von 180 Punkten mit drei Pfeilen, die je ein Spieler in nur einer Partie erreicht hat. Trotzdem war das nicht genug, denn auch der neue Weltmeister warf 20, weshalb sie gemeinsam auf bislang unerreichte 42 dieser »One-hundred-and-eighties« kamen. Van Gerwens Schnitt für drei Würfe lag übers gesamte Turnier hinweg mit 106,32 Punkten auch noch fast zwei Zähler über der alten Bestmarke.

Nun sind Rekorde im Überfluss kein Merkmal für Sport - wer weiß schon, wie stark die Gewinnspanne der Garagensammler aus Texas jüngst gestiegen ist -, doch die Schnelligkeit van Gerwens, gepaart mit seiner Präzision und dem Abrufen bester Leistungen unter hohem Druck sehr wohl. Er ließ sich nicht einmal von Lee Marshall aus dem Konzept bringen, dem einzigen Mann, der es am Montag geschafft hatte, van Gerwen für wenige Sekunden den etwa 20 Kilogramm schweren Siegerpokal wegzunehmen.

Dieser Mann nennt sich gern Disco Boy und hat sich mit ein paar anderen Menschen zum Prankster-Kollektiv »Trollstation« zusammengeschlossen. Sie filmen regelmäßig mit versteckter Kamera Streiche. Die sind oft so dummdreist wie das Klauen des Pokals auf der WM-Bühne, manchmal jedoch auch gefährlich, als sie etwa einen Museumsüberfall fingierten, bei dem sich panisch reagierende Besucher gegenseitig niedertrampelten. »Trollstation« ist aber hin und wieder auch für interessante soziologische Experimente gut. So filmten sie vor Kurzem, wie ein als Polizist verkleideter Schauspieler eine ebenfalls verkleidete Strandbesucherin zum Ausziehen ihres Burkinis zwingen wollte, was wütende Proteste von anderen Badegästen nach sich zog.

Diesmal schien Lee Marshall die Sache jedoch nicht ganz durchdacht zu haben, denn nachdem er den Pokal in den Händen hatte, stoppte er prompt mitten auf der Bühne. Ganz offensichtlich hatte er keine Exit-Strategie parat. Vielleicht hatte ihm van Gerwen einfach nicht genug Zeit für die Planung gelassen, als der im Eiltempo durchs Finale gerast war. Nun ja, die Security überwältigte den Disco Boy, und van Gerwen warf fünf Minuten später doch noch den entscheidenden Pfeil in die Brettmitte.

»Alle haben gesagt, dass ich einen zweiten Titel brauche, um ein Großer zu sein. Das habe ich heute geschafft«, sagte van Gerwen später. Dabei ist allen in der Szene klar, dass van Gerwen längst der Beste unter ihnen ist. »Der Junge ist ganz gut«, sagte etwa der unterlegene Anderson mit reichlich Ironie in der Stimme. »Der wird mal ein Spitzenspieler. Nein, im Ernst, der Kerl ist einfach zu gut. Er hat in diesem Jahr nicht ohne Grund alles gewonnen.«

Und dann flossen die Tränen. Der Druck, der auf van Gerwen gelastet hatte, holte ihn zu seinem Glück erst nach dem Finale ein, als er mit feuchten Augen seiner Familie für die Unterstützung dankte. Manchmal müssten auch »big men« weinen, sagte der sonst ziemlich selbstbewusste Weltmeister, obwohl er mit dieser Selbstbeschreibung zur Abwechslung mal nicht auf seine Großartigkeit anspielte, sondern nur auf seine Körperfülle. Auch Dicke müssen weinen.

Womit wir wieder bei der Trauer der Sportfans wären. Nicht nur unter all den knapp zwei Millionen Deutschen, die in der Spitze den Spartensender Sport1 eingeschaltet hatten, sondern vor allem unter den Tausenden Verrückten, die im »Ally Pally« Abend für Abend ihre Schilder in die Kameras reckten, auf denen stand: »Mama ich lebe noch, ich bin nur ziemlich besoffen.« Dazu grölten sie den englischen Stadionklassiker:

Bring mich noch nicht heim!

Ich will nicht arbeiten geh’n.

Ich bleibe lieber hier

und trinke all dein Bier,

bitte bring mich noch nicht heim!

Ein paar Stunden nach van Gerwens eindrucksvollem Finalsieg war der Saal aber doch leer. Irgendwann muss eben jeder zurück zu Mutti.

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