»Ich werde dieses Drecksloch verlassen«

Elena Ferrante: Der zweite Teil der »Neapolitanischen Saga« scheint fast noch besser als der erste

  • Von Irmtraud Gutschke
  • Lesedauer: 6 Min.

Lieber nach der Lektüre eine Pause einlegen, das Gelesene wirken lassen und nicht gleich zum nächsten Buch greifen. Denn das könnte seltsam schal wirken, künstlich, bloß ausgedacht, was womöglich ein ungerechtes Urteil wäre. Vielleicht ist es ja nur in einer anderen Farbpalette gemalt als Elena Ferrantes Roman, ein sanftes Aquarell im Vergleich zu einem Ölgemälde in kräftigen Farben.

Was das Ausgedachte betrifft: Es ist noch nicht erwiesen, dass die auf vier Bände angelegte »Neapolitanische Saga« wirklich autobiographisch ist. Bekanntlich ist der Name Elena Ferrante ein Pseudonym. Die Autorin (oder der Autor, aber es wirkt doch wie das Werk einer Frau) hält sich im Dunkeln. Daran änderten auch die »Enthüllungen« eines in den USA lebenden italienischen Journalisten nichts, der durch Einsichten in Grundbücher und Verlagsabrechnungen in Ferrante die Übersetzerin Anita Raja zu erkennen glaubte, einfach weil diese eine sehr teure Wohnung im Zentrum Roms kaufte, als die Verfilmung von »Meine geniale Freundin« in Aussicht stand.

Nichts ist bewiesen. Dass dieser Claudio Gatti in seinem Artikel der »Spur des Geldes« folgte, spricht Ferrantes Romanwerk Hohn. Denn es ist ja gerade die »Fassade des Geldes«, die hier kritisiert wird. Indes: Das Bestsellerwesen ist ein gigantisches Geschäft. Wie soll Elena Ferrante sich nicht davon anstecken lassen, dass Literaturagenten und Verlage in aller Welt euphorisch sind, was die Verkaufszahlen betrifft, und sich auch einiges einfallen lassen, um sie in die Höhe zu treiben?

Ihr Buch möge absolut aus sich selbst heraus wirken, würde nicht einmal Reklame benötigen, sagte Ferrante in einem E-Mail-Interview für das kanadische »Brick Magazin«. Davon erfährt man auf einer Webseite »elenaferrante.de«, die freilich nicht von ihr selbst, sondern vom Suhrkamp Verlag erstellt worden ist. Dort kann man einen Newsletter über sie bestellen, Bücher gewinnen, bei Facebook Urteile abgeben und was nicht alles noch. Werbung in Zeiten des Internets.

Aber dafür muss ein literarisches Werk erst einmal »tragfähig« sein. Dazu findet sich in jenem E-Mail-Interview ein interessanter Gedanke. Manche ihrer Korrekturen hin zu größerer Genauigkeit und Verfeinerung habe sie später durch die ursprüngliche Fassung ersetzt, die ihr zunächst nicht so perfekt erschienen war, bekennt die Autorin. So könnte es gewesen sein: Ein Text wurde geschrieben, dann bis in seine Feinheiten überarbeitet, redigiert, aber am Schluss wurden einige dieser stilistischen Änderungen mit Bedacht wieder rückgängig gemacht, weil die Natürlichkeit des Erzählens an erster Stelle steht.

Erst also am Text gefeilt, dann aber der Gefahr einer Glättung entgangen. Dabei entsteht ein Gewebe von unterschiedlicher künstlerischer Dichte. Wie schon »Meine geniale Freundin« liest sich »Die Geschichte eines neuen Namens« so eingängig leicht, dass auch ungeübte Leser damit nicht überfordert sein dürften. Dabei hat der Roman Tiefen, in die sich hineinbegeben kann, wer will.

Wie nicht anders zu erwarten, wird weiter erzählt von den Freundinnen Elena und Lila. Am Schluss des vorigen Romans hatte letztere reich geheiratet und mit Erschrecken festgestellt, dass Stefano Carracci, ihr Mann, nicht so unabhängig war, wie sie glaubte, sondern mit den Solara-Brüdern im Bunde war. Das sind »Camorra-Typen«, die durch allerlei undurchsichtige Geschäfte reich und einflussreich geworden sind. Nun sehen wir, wie bald auch von Stefanos Sanftheit nichts mehr übrig ist. Aus einer beneideten Freundin wird eine bemitleidete.

Wobei Lila immer wieder auf bewundernswerte Weise Erniedrigung von sich abschütteln kann und Elena - aus ihrer Sicht wird meist erzählt - dadurch in Verwirrung stürzt. Neid, Bewunderung, Sehnsucht, Eifersucht, Stolz, Minderwertigkeitsgefühle, Erstaunen, Zorn, Liebe - in was für einen Strudel wird man da Seite für Seite hineingezogen. Es ist ein Kampf um Selbstvertrauen, genährt durch Ehrgeiz und Leistungswillen. Aber was Elena auch gelingen mag, es lässt sie nicht los: dieses Gefühl der Unzulänglichkeit.

Ich habe die vielen Verwicklungen und Liebesgeschichten im Roman durchaus genossen - da schien mir »Die Geschichte eines neuen Namens« sogar noch eindringlicher als »Meine geniale Freundin« zu sein -, aber was mich vor allem bewegte (wie auch schon im vorigen Buch), das ist Elena Ferrantes Aufschrei wider die soziale Ungleichheit.

Denn solches hört man nicht so oft in der heutigen Literatur, die von »Gebildeten« geschrieben wird - für ihresgleichen. Zu diesen intellektuellen Kreisen haben sich inzwischen viele hinzugesellt, die sich auch erst hocharbeiten mussten und so zufrieden damit sind, dass sie nicht an ihre Herkunft erinnert werden möchten. Sie kuscheln sich in das bequemere Milieu und tun schon fast so, als ob es das der Allgemeinheit sei.

Nun gibt es hierzulande vielleicht wirklich nicht solche krassen Verhältnisse wie im Rione, diesem armen Vorort von Neapel, wo Elena und Lila geboren wurden und es bereits einen großen Unterschied macht, ob man die Tochter eines Pförtners bei der Stadtverwaltung oder eines Schusters ist. Und dennoch trügt die Wahrnehmung. Die sogenannte politische Korrektheit, ja niemanden durch Sprache zu diskriminieren, hat als Kehrseite die Beschwichtigung: Regt euch nicht auf, ihr seid doch alle gleich. Dabei zehrt sogar schon die Mittelschicht von fremder Arbeitskraft hier und anderswo. Von den wirklich Reichen gar nicht zu reden. Wie ist es bloß gelungen, dass die schlimmsten Verschwender so ganz ohne Empörung, ja sogar mit Bewunderung betrachtet werden? Mehrere bunte Zeitschriften leben davon.

Es ist bei aller Unterhaltsamkeit ein politischer Roman, der sich zudem, auch das ist selten, gegen linksintellektuelle Selbstgerechtigkeit richtet. Elena, stolz zur Feier bei einer Professorin eingeladen worden zu sein, hat Lila dazu mitgenommen und wird von ihr hinterher mit einer Schimpfkanonade bedacht: »Willst auch du dich zu einer Witzfigur aus dem Rione machen, die Theater spielt, um bei solchen Leuten eingeladen zu werden? Wollt ihr uns allein in unserer Scheiße sitzenlassen, während ihr plappert und plappert, der Hunger, der Krieg, die Arbeiterklasse, der Frieden?« Andererseits: Hatte es nicht auch Zeiten gegeben, da Lila an der Seite ihres Mannes (verprügelt!) wie eine reiche Diva auftrat? Ist das Bemühen um Gerechtigkeit ohne egoistische Beweggründe zu haben? Reicht es für alle, wenn jeder nach dem größten Anteil giert?

»Die, die unten sind, wollen nach oben, die, die oben sind, wollen oben bleiben, und so oder so endet es immer damit, dass man sich ins Gesicht spuckt oder tritt«, sagt Lila. Nino, der Student, in den sie sich bald verlieben wird, was Elena rasend eifersüchtig macht, hält ihr die gängige Vorstellung von einem »Gleichgewicht zwischen den Klassen« entgegen. Lila: »Und die von oben bewegen sich freiwillig nach unten? Und die von unten verzichten darauf, noch weiter nach oben zu wollen?«

Lila wird für Nino alles auf eine Karte setzen, sie wird ihren Mann verlassen, und der Geliebte wird nicht zu ihr halten, sie wird sich für Freiheit statt Reichtum entscheiden und Elena beschämen, die durch Leistung und Anpassung um Wertschätzung ringt. Doch Elena scheint es zu schaffen: »Ich werde dieses Drecksloch verlassen.«

Am Schluss des Romans gelingt ihr ein Roman, in dem der Lektor auf jeder Seite »etwas Kraftvolles« entdeckt. »Ehrlichkeit, Natürlichkeit und etwas Geheimnisvolles im Stil« - da hat Elena Ferrante sozusagen bei Elena Greco ein Eigenlob untergebracht. Treffend durchaus.

Elena Ferrante: Die Geschichte eines neuen Namens. Band 2 der Neapolitanischen Saga. Roman. Aus dem Italienischen von Karin Krieger. Suhrkamp. 624 S., geb., 25 €. Bestellungen auch über nd-Bücherservice: 030 2978 1777

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