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Was von »Little Syria« übrig ist

Die 100 Jahre alte St. Joseph’s Maronite Church erinnert an das arabische Erbe New Yorks. Von Fabian Köhler

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Noch mehr Symbolik hätte auch Hollywood nicht in die Geschichte packen können: Ausgerechnet jenes Ereignis, das wie kein zweites das amerikanische Bild vom Araber zum Schlechteren veränderte, sollte die Erinnerung an eine Zeit zurückbringen, in der arabisches Leben mitten in New York einmal selbstverständlich war. Nur wenige Dutzend Meter von Ground Zero entfernt fanden Arbeiter bei Aufräumarbeiten im Oktober 2002 den Grundstein einer alten libanesischen Kirche. Die Wiederentdeckung der Überbleibsel der 100 Jahre alten St. Joseph’s Maronite Church sollte zugleich der Beginn der Wiederentdeckung des arabischen Erbes New Yorks sein.

Ein Touristenführer und ein junger Collegestudent, dessen libanesische Großmutter einst in Little Syria gelebt hatte, taten sich damals zusammen, um die Erinnerung an die einstige arabische Parallelkultur lebendig zu halten. Der Name ihre Initiative, »Save Washington Street«, verrät schon, dass es dabei um mehr geht, als den alten Eckstein einer Kirche. Denn auch wenn New Yorks Bauboom nicht viel übrig gelassen hat vom einstigen Viertel aus libanesischen Wasserpfeifen-Cafés und syrischen Bäckereien, sind Spuren Kleinsyriens bis heute in New York zu sehen.

Rund fünf Gehminuten südlich von Ground Zero stehen die letzten drei verbleibenden Häuser des Viertels, das sich um die Jahrhundertwende bis zur Südspitze Manhattans erstreckte: eine katholische Kirche, ein Wohnhaus und ein ehemaliges Gemeindezentrum. Der Kontrast, den die im Vergleich zu den sonstigen Hotels und Bankhochhäusern winzigen Gebäude erzeugen, blieb Reportern schon 1926 nicht verborgen. Zur Einweihung des Gemeindezentrums, in dem Migranten aus Nahost einst Englisch lernen oder Hauswirtschaftskurse besuchen konnten, schrieb die »New York Times« damals: »Wall-Street-Banker stehen Seite an Seite mit nordischen, slawischen und morgenländischen Nachbarn in den bunten Menschenmassen, die die Washington Street bevölkern.« Auch nach dem Untergang Little Syrias zeugte die weitere Nutzung der Gebäude von diesem »bunten« New York: Das Gemeindezentrum wurde zu einem buddhistischen Tempel, die einstige syrische Kirche St. Georges zum Irish Pub. Nur das Wohnhaus aus rotem Klinkerstein beherbergt bis heute verhältnismäßig günstige Appartements.

Ob das auch in Zukunft so bleibt, ist ungewiss. Immer wieder spekulierten Medien in den vergangenen Jahren über den möglichen Abriss der Gebäude zugunsten eines Hotelneubaus. Für den Erhalt der Gebäude setzt sich neben Anwohnern auch die Initiative »Save Washington Street« ein. Ein erster Erfolg: Im Jahr 2008 stellten die New Yorker Behörden die alte syrische Kirche unter Denkmalschutz. Ein weiteres Ziel der Initiative: Mit Ausstellungen und öffentlich sichtbaren Plaketten und Hinweisschildern wollen sie den New Yorkern die verblasste Erinnerung an ihr arabisches Erbe wieder wachrufen.

Wie schwer ein solches Unterfangen heute sein kann, zeigt sich, wenn man von Ground Zero fünf Minuten in nördliche Richtung läuft. Auch dort wirkt im Streit um ein Gebäude aus dem 19. Jahrhundert die Geschichte nach. Nicht die der Jahrhundertwende, sondern die vom 11. September 2001. Im Jahr 2009 sollte an der Stelle ein Zentrum für interreligiösen Dialog errichtet werden. Neben einem Theater, Museum, Kindergarten und Buchladen solle das »Cordoba House« auch einen muslimischen Gebetsraum beherbergen. Zwar sprach sich eine überwältigende Mehrheit der Anwohner für das Bauprojekt aus, verwirklicht wurde es trotzdem bis heute nicht.

Wochenlang protestierten Demonstranten gegen die vermeintliche »Ground Zero Mosque«. Rechte Medien wie Breitbart und FoxNews vermuteten ein Al-Qaida-Rekrutierungsbüro. Republikanische Politiker entdeckten das Thema für ihren Wahlkampf: Von einem »Symbol des islamischen Triumphs« sprach der damalige Präsidentschaftskandidat John McCain. Und der damalige Sprecher des US-Repräsentantenhauses Newt Gingrich kommentierte, der Bau des Cordoba House sei, als würde man »ein Nazisymbol neben dem Holocaust-Museum errichten«.

Von rechtspopulistischen Anfeindungen dieser Intensität blieb »Save Washington Street« bisher verschont. Ein möglicher Grund: Für Islamfeinde eignet sich Litte Syria nur bedingt als Feindbild, handelte es sich bei der überwiegenden Mehrheit der damaligen Migranten doch um katholische und orthodoxe Christen. Und noch etwas spricht dafür, dass es mit der Bewahrung der arabischen Vergangenheit New Yorks klappen könnte: Sie ist nicht vergangen. Wer sich heute auf die Suche nach dem alten Eckstein der St. Joseph’s Maronite Church macht, landet nicht in irgendeinem städtischen Museum, sondern in einer auch heute noch genutzten libanesischen Kirche auf der anderen Seite des East Rivers. Wie in Litte Syria prangen auch dort arabische Schriftzeichen von kleinen Geschäften, treffen sich junge Männer in Wasserpfeifen-Cafés. Rund 250 000 Menschen mit arabischen Wurzeln und damit mehr als je zuvor leben heute in New York. Nur eine abgeschottete Parallelkultur findet man heute nicht mehr. Das Zentrum des heutigen arabischen New Yorks ist der Multikulti-Stadtteil Brooklyn.

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