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Abschied am Sonntag in Vilnius

Schon vor Auflösung der Sowjetunion machte sich das Baltikum unabhängig - Litauen trotzte am 12. Januar 1991 Moskauer Gewalt. Nach dem Untergang des Staatenbundes kostete es viel Zeit, bis Russland unter Präsident Putin in die Weltpolitik zurückkehrte. Von Anastasia Müller

  • Von Anastasia Müller
  • Lesedauer: 8 Min.

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Ende 1990 erhielt der KGB-Chef Wladimir Krjutschkow einen Anruf. Leonid Schebarschin, stellvertretender Abteilungsleiter in der Hauptverwaltung Aufklärung des KGB, teilte seinem Vorgesetzten nüchtern mit, dass der Zusammenbruch des Sowjetreiches nicht mehr aufzuhalten sei. Die Republiken begehrten auf, Gorbatschow verliere an Autorität und Macht, das Schicksal von Armee, Innenministerium und Sicherheitsdiensten läge künftig in der Hand des russischen Präsidenten Jelzin.

In der Tat war die Auflösung des Riesenreiches längst im Gange. Am 11. März 1990 erklärte sich Litauen als erste sowjetische Republik für unabhängig, im Mai 1990 schlossen sich ihr Lettland und Estland an. Trotz der mit Verve vorgetragenen Freiheitsbekundungen der Balten war die vordringliche Sorge Schebarschins und der sowjetischen Nomenklatura, doch noch die Implosion der Sowjetunion zu verhindern. Die Hoffnung richtete sich auf den neuen Präsidenten Boris Jelzin und die Russische Föderation, die den Kern der Union bilden sollte. Jelzin beteuerte zwar seine Bereitschaft, den Fortbestand der Sowjetunion unter neuen politischen Bedingungen zu sichern. Gleichzeitig stellte er 1991 der litauischen Regierung einen Grundlagenvertrag über wirtschaftliche und politische Kooperation in Aussicht, die den Obersten Sowjet als zentrale Gewalt obsolet werden ließ.

Mit der Entfernung der zentralen Machtapparate sollte, wie etwa Alexander Jakowlew, der »Vater der Perestroika« und engste Berater Gorbatschows, noch 1989 formulierte, der Weg in die Freiheit beschritten werden. Der Reformer wusste, dass den Freiheitsforderungen der Unionsrepubliken in dem Maße Rechnung getragen werden konnte, wie sich die politisch legitimierte Beseitigung der Kommunistischen Partei und des Politbüros in Moskau vorantreiben ließ.

Dass Jakowlew es nicht scheute, Lenins bekannte Formel »das Land den Bauern, die Fabriken den Arbeitern und die vollständige Unabhängigkeit den Republiken« zu bemühen, war kein Anlass zur Sorge. Schließlich verbarg sich hinter der wohlmeinenden sozialistischen Rhetorik ein zukunftsweisendes Programm. Nicht die Unversehrtheit des Sowjetimperiums sollte garantiert, sondern vielmehr die Chance auf vollständige Unabhängigkeit eröffnet werden: »Wir nutzten den Umstand, dass alle sowjetischen Parteifunktionäre ihre Karriere mit pathetischen Äußerungen begannen - von Freiheit, von sozialistischer Demokratie… Auf dem Plenum 1985 wurde erstmals der Begriff der ›demokratischen Entwicklung‹ eingeführt. Er wurde stillschweigend hingenommen. Es regte sich kein Widerstand«, erinnerte sich Jakowlew.

Spätestens 1990, mit dem Austritt der Russischen Föderation aus dem Verband der Sowjetunion, kündigte sich an, dass auch der demokratische Präsident Boris Jelzin für den Erhalt des Sowjetimperiums nicht einzustehen gedachte. Sosehr er die Einheit Russlands beschwor, so gelassen sah er den Unabhängigkeitsbestrebungen der Unionsrepubliken entgegen.

Der nationale Protest, der 1990 mit den Souveränitätserklärungen der baltischen Republiken Estland, Lettland und Litauen begonnen hatte, blieb zunächst auf die Einforderung von politischer, kultureller und wirtschaftlicher Selbstbestimmung begrenzt. Tiefgreifende Reformen im Zentrum, die Gorbatschow Ende 1989 angestoßen hatte, waren der Forderung vollständiger Unabhängigkeit vorausgegangen. Die politische Massenmobilisierung im Baltikum erfolgte nicht zuletzt angesichts der Entstehung einer auf Kritik und Anprangerung sozialer und politischer Missstände ausgerichteten Öffentlichkeit unter Gorbatschow. Die Balten erkannten ihre historische Chance. In ihrer Protesthaltung gegenüber der Sowjetmacht knüpften sie unumwunden an die leidvollen historischen Erfahrungen wie den Hitler-Stalin-Pakt, die Annexion des Baltikums durch die Sowjetunion nach 1945 und den Kalten Krieg an, die zum festen Bestandteil des öffentlichen Bewusstsein geworden waren.

Waren die Republiken unter den Bedingungen einer repressiven Sowjetisierungspolitik unter Stalin auf das Zentrum ausgerichtet, begünstigte der zusehends an eigener Dynamik gewinnende Prozess des politischen und ökonomischen Zersetzungsprozesses Mitte der 80er Jahre ihre Loslösung. Wie der deutsche Politikwissenschaftler Alexander Rahr mit Blick auf die Perestroika konstatierte, verhalf der Reformkurs Gorbatschows endgültig der Nationalstaatlichkeit an den Rändern des in die Schieflage geratenden Imperiums zum Durchbruch. Der Wille zur Unabhängigkeit dürfte im Baltikum wegweisend gewesen sein, wenngleich die ethno-territorialen Forderungen der zentralasiatischen Republiken bis in die 90er Jahre hinein eine marginale Erscheinung bleiben sollten.

Die Tätigkeit der Regionalparlamente in Litauen, Lettland und Estland hatte zur Marginalisierung der kommunistischen Abgeordneten geführt, deren Rückhalt in der Bevölkerung ohnehin gering war. Die nationalen Volksfrontbewegungen, wie die »Sayudis« unter Vytautas Landsbergis in Litauen, verschafften sich in ihrer Ausrichtung auf die Programmatik des Reformkurses Gorbatschows einen unüberbrückbaren Vorsprung gegenüber den verbliebenen Kommunisten im eigenen Land, die sich immer mehr in Bedrängnis sahen. Bei den ersten freien Wahlen vom 26. März 1989 hatten die baltischen Volksfronten beachtenswerte Erfolge erzielt, in einem bereits in Litauen im Februar 1990 durchgeführten Referendum stimmten 90,2 Prozent der Wähler und 76,4 Prozent der Wahlberechtigten für die Unabhängigkeit.

Am 7. Januar 1991 spitzte sich die Lage in der litauischen Hauptstadt Vilnius zu. Eigenständige wirtschaftliche Reformen hatten zu rapiden Preiserhöhungen und Massendemonstrationen geführt. Die Regierung musste zurücktreten. Ein Komitee für nationale Rettung Litauens, das eine Anlehnung an Moskau suchte, sollte die Regierungsgeschäfte übernehmen. Bereits im November 1990 hatten sowjetische Sicherheitsdienste ihre Besorgnis über die nationalen Proteste im Baltikum vorgetragen und Generalsekretär Gorbatschow gedrängt, einen Maßnahmenkatalog zur Einführung des Notstandes auf dem Territorium der Unionsrepubliken auszurufen, um, wie der Chef des KGB Wladimir Krjutschkow mahnte, »Gewalt gegen die Zuwiderhandlung der Extremisten in Litauen und Lettland anzuwenden«.

Gorbatschow soll sich nicht nur den Plänen seines inneren Machtzirkels nicht verwehrt haben, sondern sicherte auch dem Komitee für nationale Rettung Litauens, das in hilfloser Opposition zur Galionsfigur der nationalen Protestbewegung Vitautas Landsbergis verharrte, Moskaus Unterstützung zu. In Absprache mit den kommunistischen Genossen in Litauen sollte zudem die Einführung des Präsidentenamtes diskutiert werden, wovon Gorbatschow jedoch wenig später abrückte.

Dass Gorbatschow auf Zeit spielte und einer Eskalation der Ereignisse im Baltikum nicht zuvorzukommen versuchte, ist Ausführungen des russischen Historikers Alexander Ostrowskij zu entnehmen. Dieser hatte in seiner Arbeit, die 2011 unter dem Titel »Dummheit oder Verrat? Rekonstruktion des Untergangs der UdSSR« erschienen ist, den Versuch unternommen, Gorbatschow vom Mythos zu befreien, er habe in den letzten Jahren seiner Führung einen »Rechtsruck« vollzogen und mit den reaktionären Kräften paktiert.

Der Ausruf des litauischen Kommunisten Wiktor Alksnis »Moskau hat uns im Stich gelassen. Der Präsident hat uns verraten, der Oberste Sowjet der UdSSR und der RSFSR haben uns verraten, Jelzin hat uns verraten« dürfte paradigmatisch für die wahren Intentionen Gorbatschows in der Frage der nationalen Befreiung des Baltikums gewesen sein. War die Rückkehr zur »Politik der harten Hand« am 12. Januar 1991 in der litauischen Hauptstadt Vilnius nicht letztlich darauf ausgerichtet, den ohnehin unabwendbaren Zerfall des Sowjetimperiums zu beschleunigen?

»Wenn wir gezwungen sein sollten, Gewalt anzuwenden«, beklagte Gorbatschow noch während eines Treffens mit dem amerikanischen Präsidenten Bush sen., »wäre dies das Ende der Perestroika«. Die Vorstellung einer politischen Willenseinheit, wie sie der neue Reformkurs begründete, konnte nicht länger mit Mitteln der Repression erreicht werden, darüber war sich die neue Führung, die Gorbatschow rigoros erneuert hatte, im Klaren. Indes schritten die nationalen Verselbstständigungsprozesse im Baltikum voran.

Nachdem es am 12. Januar 1991 in der litauischen Hauptstadt Vilnius zu gewalttätigen Ausschreitungen zwischen Anhängern der kommunistischen Bewegung »Jedinstwo« und der Nationalbefreiungsfront »Sayudis« gekommen war, ordnete die sowjetische Führung an, strategisch wichtige Objekte der Stadt zu blockieren. Militär und Sondereinheiten »Alpha«, die bereits am 7. Januar 1991 in die Hauptstadt verlegt worden waren, rückten vor das Parlament und den Fernsehturm vor.

Litauen sollte gezwungen werden, die Unabhängigkeitserklärung von 1990 für ungültig zu erklären und den am selben Tag mit der Russischen Föderation unter Boris Jelzin ausgehandelten Kooperationsvertrag über wirtschaftliche und politische Zusammenarbeit zu revidieren. 14 Demonstranten verloren an jenem Tag ihr Leben, Dutzende wurden verletzt oder gerieten unter die schweren Panzerfahrzeuge.

Der Befehlshaber der sowjetischen Luftlandetruppen, Alexander Lebed, der beim Putschversuch in Moskau im August 1991 eine bedeutende Rolle spielen sollte und später von Boris Jelzin den Posten des Sekretärs des Sicherheitsrates der Russischen Föderation übertragen bekam, entlarvte rückblickend Gorbatschows Befehl, die nationalen Proteste in Vilnius mit militärischer Gewalt niederzuschlagen, als Farce. Hinter dem vorgeblichen Bestreben der sowjetischen Führung mit Blick auf die Bewahrung der Unionseinheit verbarg sich, so Lebed, eine schleichende Destabilisierungsstrategie, die den Zerfall des Sowjetreiches beschleunigen sollte. Verantwortung fürs Blutvergießen und zahlreiche Menschenopfer bei der Niederschlagung der nationalen Proteste in Tiflis 1989 und Vilnius 1991 habe Gorbatschow stets von sich zu weisen gewusst.

Wenngleich der Zerfall des Sowjetimperiums nicht aufzuhalten war, so bleiben bis heute - ähnlich wie bei den blutigen Auseinandersetzungen auf dem Majdan, deren Aufklärung sich die Regierung in Kiew verweigert -, Hintergründe und Motive des Blutsonntags in Vilnius nicht vollends geklärt. So hatte der litauische Schriftsteller Vytautas Petkevičius dem Gründervater der nationalen Befreiungsbewegung »Sayudis« Vytautas Landsbergis und dem Ex-Verteidigungsminister Audrius Butkevičius vorgeworfen, Scharfschützen auf dem Dach des Fernsehturms eingesetzt zu haben, die auf Demonstranten geschossen hätten. Eine Unterstellung, die bis heute nicht widerlegt wurde. Zudem geben Protokolle und Interviews Aufschluss darüber, dass in Schusswunden der Verletzten Munition gefunden wurde, über die sowjetische Streitkräfte nicht verfügten.

Der Blutsonntag in Vilnius hat zu jener Abneigung gegenüber autoritären Regimen beigetragen, die für die sowjetische Geschichte bezeichnend war. Es dürfte kaum erstaunlich sein, dass die nationalen Proteste auf dem Majdan in Kiew sich widerspruchslos in die Geschichte der Befreiungsbewegungen von der sowjetischen Besatzungsmacht einschreiben. Sie knüpfen an jenes historische Gedächtnis an, das die Unvereinbarkeit von Freiheit und Autorität zur Maxime eines selbstbestimmten Lebens erklärt.

Doch diejenigen, die vor der Gewissheit des Faktums nicht zurückschrecken und Brüche in den historischen Perspektiven zulassen, sollten zuvörderst erkennen, dass im Bewusstsein der politisch Verantwortlichen, ob Systembewahrer oder Demokraten, die Sowjetunion ohnehin begraben war, als die ersten sowjetischen Panzer durch die Straßen von Vilnius rollten. Aus dieser Perspektive erscheint Gorbatschows Bemühen, Litauen zum Einlenken zu bewegen, als eine Kulisse, hinter der sich die sowjetische Führung an der Auflösung eines Systems abarbeitete, das ihr längst widerstrebte.

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