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Herr der Schwarzen Löcher

Der britische Astrophysiker Stephen Hawking wird 75. Von Martin Koch

Er ist vermutlich der berühmteste lebende Physiker der Welt: Stephen Hawking. Manche vergleichen ihn sogar mit Albert Einstein, der zu Lebzeiten ebenfalls höchste Popularität genoss. Dabei hat Hawking nicht einmal den Nobelpreis erhalten. Die Frage nach den Gründen muss sich gelegentlich auch die Schwedische Akademie der Wissenschaften gefallen lassen. »Wir sind mit den Jahren vorsichtig geworden«, sagt das frühere Mitglied des Nobel-Komitees für Physik Lars Brink. »Hawking hat in der Theorie einige wichtige Entdeckungen gemacht. Aber wir müssen sicher sein, dass sie stimmen.«

Als zweiter Einstein will Hawking indes nicht gesehen werden. Er verdanke seine Berühmtheit nicht nur seinen Leistungen, sondern auch seiner Behinderung, äußerte er unlängst in aller Offenheit. Immerhin sei er so etwas wie reiner Geist in einem fast funktionslos gewordenen Körper. Hawking war 21, als bei ihm Amyotrophe Lateralsklerose (ALS) diagnostiziert wurde, eine unheilbare Nervenkrankheit, die mit fortschreitenden Lähmungen einhergeht. Die Krankheit verläuft schmerzlos und beeinträchtigt nicht den Intellekt, allerdings führt sie gewöhnlich nach wenigen Jahren zum Tod. Nicht so bei Hawking. Einem medizinischen Wunder gleich begeht der vom Rollstuhl aus agierende Physiker an diesem Wochenende seinen 75. Geburtstag.

Am 8. Januar 1942, auf den Tag genau 300 Jahre nach dem Tod von Galileo Galilei, kam Hawking als Sohn eines Arztes in Oxford zur Welt. Er studierte Physik an der dortigen Universität und ging anschließend als Doktorand an die Universität Cambridge, wo er 1966 mit einer Arbeit über die Eigenschaften des expandierenden Universums promoviert wurde. Gemeinsam mit dem Mathematiker Roger Penrose konnte Hawking 1970 zeigen, dass es in der allgemeinen Relativitätstheorie keine Lösungen der Einsteinschen Feldgleichungen ohne Singularitäten gibt. Eine Singularität ist kurz gesagt ein Punkt, in dem der analytische Ausdruck für eine physikalische Größe unendlich wird und die bekannten physikalischen Gesetze ihre Gültigkeit verlieren. Das trifft auf die Anfangssingularität des Urknalls ebenso zu wie auf die Raumzeit-Singularität eines Schwarzen Lochs.

Schwarze Löcher sind Hawkings Steckenpferd. Lange schien es, als würden diese sonderbaren kosmischen Objekte, denen nicht einmal Licht zu entkommen vermag, auf ewig existieren und nichts Verschlungenes je wieder freigeben. Mit Hilfe der Quantenfeldtheorie sowie thermodynamischer Überlegungen gelang Hawking 1974 der Nachweis, dass ein Schwarzes Loch durchaus Masse verlieren und langsam »verdampfen« kann. Die dabei ausgesandte Strahlung nennt man Hawking-Strahlung. Dank dieser faszinierenden Erkenntnis, schrieb der US-Physiker Heinz Pagels, seien die Schwarzen Löcher »vom Stand mathematischer Kuriositäten in das Zentrum der spekulativen Astronomie« gerückt. Was bis heute fehlt, ist der experimentelle Nachweis der Strahlung.

1979 wurde Hawking in Cambridge auf den Lucasischen Lehrstuhl für Mathematik berufen, den einst Isaac Newton innehatte. In seiner Antrittsvorlesung »Ist ein Ende der theoretischen Physik in Sicht?« gab sich Hawking optimistisch, dass die lange gesuchte Weltformel bzw. Theorie von Allem am Ende des 20. Jahrhunderts vorliegen werde. Eine Hoffnung, die sich bekanntlich nicht erfüllt hat. Und die sich, betrachtet man die nicht-reduktionistische Vielfalt der Welt, wohl auch nicht erfüllen wird.

Während er 1985 das europäische Kernforschungszentrum CERN bei Genf besuchte, erkrankte Hawking an einer schweren Lungenentzündung. Ärzte retteten sein Leben durch einen Luftröhrenschnitt. Dabei verlor der Physiker seine natürliche Sprachfähigkeit und war fortan auf einen Sprachcomputer angewiesen, um mit seiner Umwelt zu kommunizieren. Konnte er diesen anfangs noch mit den Fingern bedienen, benutzt er dafür heute subtile Augenbewegungen.

Von 1965 bis 1990 war Hawking mit der Romanistin Jane Wilde verheiratet. Die Ehe, aus der eine Tochter und zwei Söhne hervorgingen, endete im Streit. Nach der Scheidung lebte Hawking mit seiner Pflegerin Elaine Mason zusammen, die er 1995 heiratete. Nach neun Jahren wurde auch diese Ehe geschieden, wobei Mason in Verdacht stand, ihren Mann misshandelt zu haben.

1988 schrieb Hawking »Eine kurze Geschichte der Zeit«. Er habe Geld für die Ausbildung seiner Tochter gebraucht und den Menschen etwas von der Faszination der Kosmologie vermitteln wollen, erklärte er später. Das Buch wurde in 40 Sprachen übersetzt und millionenfach verkauft. Für die Londoner »Times« war Hawking damit endgültig zum »Popstar der Physik« geworden, der es sich nicht nehmen ließ, auf dem Pink-Floyd-Album »The Division Bell« einen Song mittels Sprachcomputer einzuleiten.

Bis heute nutzt Hawking beinahe jede Gelegenheit, um sich und seine Ansichten medienwirksam zu präsentieren. Er hatte Gastauftritte in den US-Fernsehserien »Star Trek« und »The Big Bang Theory« und nahm an einem Parabelflug der NASA teil, bei dem er ohne Rollstuhl den Zustand der Schwerelosigkeit genießen durfte. Bekannt ist Hawking auch für seinen trockenen britischen Humor. So erklärte er gelegentlich, dass er mehr Bücher über Physik verkauft habe als Madonna über Sex. Und auf die Frage eines Journalisten, was er als Erstes täte, wenn er für einen Tag in einen gesunden Körper schlüpfen könnte, surrte sein Sprachcomputer: »Die Antwort wäre nicht jugendfrei.«

Seit einigen Jahren plädiert Hawking für die Legalisierung der Sterbehilfe bei todkranken Personen, die ausdrücklich darum bitten. »Wir lassen Tiere nicht leiden, wieso dann Menschen?«, fragte er in einem Interview mit der BBC. Die Zukunft des Homo sapiens malt der Physiker in düsteren Farben. Wegen der Verschwendung von Ressourcen und der fortschreitenden ökologischen Zerstörung der Erde müsse der Mensch wohl oder übel zu fremden Planeten aufbrechen, um sein eigenes Aussterben zu verhindern. Hilfe »von oben« sei nicht zu erwarten, spöttelt der Atheist Hawking, für den Gott - wissenschaftlich betrachtet - eine überflüssige Hypothese ist.

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