Werbung

Resteverwertung de luxe

Wally Daudrich baute sich in Churchill an der Hudson Bay in Kanada seine Traumlodge aus den Überbleibseln eines riesigen Waldbrands und dem, was andere wegwarfen. Von Heidi Diehl

Echt jetzt? Ihr wollt Geld von mir?

Ja, herrgottnochmal, es kostet!

Auch, wenn's nervt – wir müssen die laufenden Kosten für Recherche und Produktion decken.

Also, mach mit! Mit einem freiwilligen regelmäßigen Beitrag:

Was soll das sein

Wir setzen ab sofort noch stärker auf die Einsicht der Leser*innen, dass linker Journalismus auch im Internet nicht gratis zu haben ist – mit unserer »sanften« nd-Zahlschranke.

Wir blenden einen Banner über jedem Artikel ein, verbunden mit der Aufforderung sich doch an der Finanzierung und Sicherstellung von unabhängigem linkem Journalismus zu beteiligen. Ein geeigneter Weg besonders für nd-Online-User, die kein Abo abschließen möchten, die Existenz des »nd« aber unterstützen wollen.

Sie können den zu zahlenden Betrag und die Laufzeit frei wählen - damit sichern Sie auch weiterhin linken Journalismus.

Aber: Für die Nutzung von ndPlus und E-Paper benötigen Sie ein reguläres Digitalabo.

Natürlich habe ich gewusst, worauf ich mich einlasse, wenn ich im Winter in den arktischen Norden Kanadas reise. In dieser Jahreszeit tobt sich Väterchen Frost hier richtig aus - kippt Schnee satt über Land und Leute, lässt fast alles erstarren und den Atem zu Eiszapfen gefrieren. Minus 25 Grad Celsius zeigte das Thermometer, mit einem bisschen Glück ein Grad weniger. Doch ich hatte es nicht anders gewollt, wollte unbedingt nach Churchill, um Eisbären zu beobachten. Nun musste ich es ertragen, dass ich trotz zig Schichten dicker Kleidung schon nach kurzer Zeit draußen zur Eissäule erstarrte. Doch ich war in guter Gesellschaft, denn keinem der anderen »verweichlichten« Mitteleuropäer, die in Wally Daudrichs »Lazy Bear Lodge« eingecheckt hatten, ging es anders.

Wenn wir am Nachmittag von unseren mehr oder weniger erfolgreichen Polarbär-Erkundungstouren dorthin zurückkamen, fühlten wir uns trotz der Kälte irgendwie immer wie Trapper nach erfolgreicher Jagd: Im offenen Kamin prasselte das Feuer, um das sich alle niederließen, um sich zu wärmen und mit einer dampfenden Tasse Tee in der Hand von den Abenteuern des Tages zu erzählen. Da konnte draußen der Sturm noch so ums Blockhaus pfeifen, hier drinnen fühlten wir uns sicher und geborgen. Einmal setzte sich Wally dazu, und so erfuhren wir von einem wirklichen Abenteuer, davon, wie er sich seinen Lebenstraum von einer eigenen Blockhütte erfüllte. Genau jener nämlich, die uns für ein paar Tage zur Heimat wurde.

Aufgewachsen ist der Sohn osteuropäischer Einwanderer im knapp drei Flugstunden von Churchill entfernten Winnipeg, der Hauptstadt der Provinz Manitoba. Mit 17 hatte der Junge genug von der Großstadt, seine Abenteuerlust und sein Freiheitswille zogen ihn in den kleinen Ort an die Hudson Bucht, wo es mehr Eisbären und Wale gibt als Menschen. Gut zehn Jahre lang arbeitete er für einen lokalen Reiseunternehmer und genoss das Leben in und mit der Natur. Der Traum vom eigenen Blockhaus begleitete ihn all die Jahre. Anfang der 90er Jahre hörte er von einem etwa 35 Kilometer von Churchill entfernten 150-jährigen Wald, in dem ein Feuer gewütet hatte. Die kleineren Äste hatten den Flammen nichts entgegenzusetzen gehabt, den Stämmen aber, die hier im Permafrostgebiet nur sehr, sehr langsam wachsen und deshalb extrem fest und widerstandsfähig sind, hatte das Feuer - außer verbrannter Rinde - nichts anhaben können. Wally Daudrich kaufte den Wald und fällte gemeinsam mit einem Freund in mühsamer Handarbeit Baum für Baum. Mit einem Schneemobil schleppten die Männer jeden einzelnen bis zur nächsten Straße, und wenn sie 15 zusammenhatten mit einem Tieflader nach Churchill. Zunächst bauten sie einen Kiosk in Blockbauweise, die Touristen waren begeistert. Die »Pommesbude« entsprach genau ihren Vorstellungen von Häusern im Eisbärenland. Wally Daudrich und der Kiosk mussten für so manches Erinnerungsfoto herhalten. »Wenn die Touristen so darauf abfahren, warum nicht eine Blockhauslodge bauen«, sagte sich Wally, und zog mit seinem Freund erneut los, um weitere Stämme zu schlagen. 1999 waren die ersten 16 Gästezimmer und ein Restaurant fertig, ein Jahr später bekam das Haus eine zweite Etage mit weiteren 17 Zimmern. Noch lebte Wally gemeinsam mit seiner Familie und den Gästen unter einem Dach. Doch so, wie Jahr für Jahr sein Traumhaus größer wurde, wuchs auch Wally Daudrichs Familie - insgesamt fünf Kinder hatte seine Frau Dawn inzwischen geboren. Jetzt wurde es Zeit für ein eigenes Haus, das er gleich neben der Lodge baute. Als 2005 alles fertig war, hatte er 1250 Stämmen aus einem toten Wald neues Leben eingehaucht.

Auch die Fenster und Fußböden haben eine lange Vorgeschichte und verrotteten vor sich hin, bevor sie in der Lazy Bear Lodge eine neue Bestimmung bekamen. Die Fenster der Lobby schützten vor 200 Jahren ein Handelshaus der Hudson's Bay Companie, die hier mit Fellen handelte, vor der Kälte, die Fußbodendielen stammen aus einem verlassenen Eisenbahndepot, das 1919 gebaut wurde. Auch viele Möbel tischlerte Wally aus den knorrigen Stämmen seines Waldes selbst, und den Kamin baute er aus Steinen, die ihm die Landschaft »spendierte«. Obwohl fast die gesamte Lodge aus »Abfall« besteht, müssen die Gäste nicht auf modernen Komfort wie Bäder, Telefon, Internet oder Fernseher verzichten. Die Gäste jedenfalls sind so begeistert, dass man frühzeitig buchen sollte, wenn man in der Lazy Bear Lodge einchecken will.

Im Spätherbst bis zum Winteranfang kommen sie ausschließlich, um von hier aus auf Eisbärensafari zu gehen, im Sommer, um Wale zu beobachten. Zwischen Dezember, wenn die Hudson Bay zugefroren und die Polarbären draußen auf dem Eis zum Jagen sind, und Juni, wenn sie wieder aufgetaut ist und die Wale kommen, haben die Lodge und alle anderen Hotels geschlossen und Churchill versinkt in eine Art Winterschlaf. Dann hat Wally endlich Zeit, sich neue Träume zu erfüllen und die Einsamkeit zu genießen.

Im Moment ist er gerade dabei, eine weitere Blockhütte zu bauen, weit weg von Churchill, mitten in der Tundra am South Knife River, die man nur mit dem Wasserflugzeug erreichen kann. »Für Leute wie mich, die sich am wohlsten dort fühlen, wo sie ganz allein mit der Natur sind«, sagt er. Nur sechs Zimmer wird sie haben, wenn sie in diesem Sommer endlich fertig ist. Dann können hier die ersten Gäste ihr ganz besonderes Abenteuer erleben, so wie Wallys Kindheitsheld Jack London - Angeln, Jagen und mit dem Kajak die Weiten der Tundra erkunden.

ndPlus

Ein kleiner aber feiner Teil unseres Angebots steht nur Abonnenten in voller Länge zur Verfügung. Mit Ihrem Abo haben Sie Vollzugriff auf sämtliche Artikel seit 1990 und helfen mit, das Online-Angebot des nd mit so vielen frei verfügbaren Artikeln wie möglich finanziell zu sichern.

Testzugang sichern!

9 Ausgaben für nur 9 €

Jetzt nd.DieWoche testen!

9 Samstage die Wochenendzeitung bequem frei Haus.

Hier bestellen