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Televisionäre Chromosomen

Freitags Wochentipp: »Kalt ist die Angst«

Er ist in vollem Gange - der peinliche Wettstreit, welcher Wintersportreporter deutsche Erfolge debiler giggelnd feiert, als wären es die der eigenen Kinder: Michael Antwerpes, Norbert König, Matthias Opdenhövel, Sigi Heinrich, noch Vorschläge?

Schon merkwürdig, wie wenig Distanz Profis mit Journalistenausweis zu ihrem Berichtsgegenstand aufbringen. Das muss sich vor Augen halten, wer das Schicksal seriöser Kollegen vor Augen hat: Von denen wurden nach Recherchen der »Reporter ohne Grenzen« voriges Jahr 74 im Einsatz getötet und 348 inhaftiert. Gar nicht zum Jubeln.

Zumal die Situation auch in Zivilisationen kritischer wird, Polen zum Beispiel, Ungarn, der Türkei, bald den USA. Einst das Land der Freiheit, in dem der scheidende Springer-Angestellte Kai Diekmann mal ein Praktikum zur digitalen Zukunft absolvierte, ist es längst das der Rendite, in dem mit Apple vorige Woche einer von Diekmanns Ausbildungsbetrieben auf Befehl der Machthaber hin die chinesische App der »New York Times« sperrte.

Da hat der »Postillion« ja noch mal Glück, dass sich dort keiner für die Satireplattform interessiert. Auf ihr ist nämlich der beste Beitrag zur Debatte ums Polizeikürzel für vermeintliche Intensivtäter aus Nordafrika erschienen. Und während sich der WDR dafür rechtfertigen musste, die Extraportion »Nafri«-Testosteron in Köln und anderswo »gewaltgeile Männerhorden« genannt zu haben, wird planvoll vergessen: wo immer sich Männer gleich welcher Herkunft zusammenrotten, wird’s für Frauen unangenehm.

Wie unangenehm es auch mit weniger Subjekten für weibliche Objekte werden kann, zeigt der ARD-Film »Kalt ist die Angst«. Als Peter Heller unerwartet stirbt, stößt seine Frau Claire auf dessen Doppelleben, in dem es vor Intrigen, Prostitution und dunklen Geschäften nur so wimmelt. Stets mittendrin: Sein zwielichtiger Chef einer Entwicklungshilfe-Organisation, eine Art Bodyguard, psychische Störungen und viel Macht, um die sich alle Protagonisten ihrem televisionär kodierten Chromosomensatz gemäß mal feminin feinfühlig, mal maskulin robust scharen.

Als Psychothriller ist Claires Entdeckungstour durchs Paralleluniversum des Gatten dabei sogar sehenswert. Besonders Caroline Peters agiert, untermalt vom stimmigen Soundtrack, angemessen verstört angesichts der Abgründe, die sich peu à peu offenbaren. Dramaturgisch, vor allem aber ästhetisch verheddert sich das Ganze flugs im Netz deutscher Melodramenkultur: Claire fährt Mini und macht Mode, Peter fliegt Business und macht Projekte. Ihr kühler Lebensstil mit Designervilla wirkt so aufgesetzt aseptisch wie die Landhaus-Psychiatrie, in der Claire landet, weshalb all die inszenierte Klaustrophobie darin effekthaschend wirkt.

Und bei Christoph Maria Herbst wartet man als kerniger Typ zwischen den Fronten ständig auf was Ulkiges, das dann eher unfreiwillig komisch wird. Fazit: Für Zuschauer mit Anspruch zu seicht, für Fans des Genres akzeptabel, fürs Medium Fernsehen bestenfalls Stagnation.

ARD, 14. Januar, 20.15 Uhr

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