Von Hubert Thielicke
10.01.2017

Vom »Stein der Weisen«

Sonderausstellung in Halle/Saale: »Alchemie - die Suche nach dem Weltgeheimnis«

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llustration aus den sogenannten Ripley Scrolls, einer Beschreibung der Suche nach dem Stein der Weisen, 15. Jahrhundert

Was wäre unsere Welt heute ohne Chemie und Physik? Industrie, Landwirtschaft, Medizin sind ohne die Erkenntnisse der Naturwissenschaften undenkbar. An deren Entstehung hat die Alchemie einen wesentlichen Anteil. Allerdings besteht in der Öffentlichkeit oft ein erhebliches Missverständnis: Das Bild des Alchemisten ist stark geprägt von der Vorstellung des Goldmachers und Schwarzmagiers, der in seinem Laboratorium geheimen Machenschaften nachgeht. Mit diesem vor etwa drei Jahrhunderten entstandenen Bild räumt die Sonderausstellung des Landesmuseums Halle gründlich auf.

Die Wurzeln der Alchemie reichen weit zurück. Bereits die alten Ägypter und Griechen waren auf der Suche nach dem Weltgeheimnis, wollten die Beschaffenheit der Materie ergründen. Diese antiken Ansätze wurden im mittelalterlichen arabischen Kulturkreis aufgegriffen, wo viele Naturforscher - oft Ärzte wie der berühmte Abu Sina (Avicenna) - das Wissen über die Elemente erweiterten und neue Laborgeräte entwickelten. Diese Entdeckungen und das damit verbundene Streben nach dem »Stein der Weisen« gelangten schließlich auch ins christliche Europa - eine frühe Form von Wissenstransfer.

Alchemistische Werke wie auch Darstellungen von Gerätschaften und Laboratorien aus dem 16. Jahrhundert gibt es zuhauf, während dingliche Hinterlassenschaften äußerst selten sind. Diese Lücke füllt in erheblichem Maße ein sensationeller Fund: Bei archäologischen Ausgrabungen in der ehemaligen Franziskanerkirche in Wittenberg stieß man 2012 auf eine Abfallgruppe mit Fragmenten von Retorten, Destilliergefäßen, Dreieckstiegeln und anderem - der bisher größte Fund alchemistischer Geräte des 16. Jahrhunderts nördlich der Alpen. In dem während der Reformation säkularisierten Kloster befand sich offensichtlich neben Einrichtungen der 1502 gegründeten Wittenberger Universität auch ein alchemistisches Laboratorium. Substanzreste in den Gerätschaften zeugen davon, dass die Alchemisten hier auch Pharmazeutika herstellten, so Quecksilberverbindungen gegen die damals grassierende Syphilis. Zwei ebenfalls in der Kirche gefundene Schädel belegen darüber hinaus, dass Gelehrte der Universität, eine der innovativsten ihrer Zeit, bereits sehr früh anatomische Untersuchungen vornahmen.

Der Wittenberger Fund steht im Mittelpunkt der Sonderausstellung des Landesmuseums Halle zum Thema »Alchemie«. Mehr als 30 europäische Museen, Archive und Sammlungen stellten dafür Exponate zur Verfügung. Während es im Wittenberger Labor vor allem um pharmazeutische Mittel ging, diente die 1980 in Oberstockstall (Österreich) ausgegrabene ähnlich alte Alchemistenwerkstatt vor allem hüttentechnischen Zwecken. Deutlich wird: Viele Alchemisten waren vom Drang nach Wissen und Erkenntnis beseelt und wollten mit dem »Stein der Weisen«, den sie allerdings vergeblich suchten, Macht, Wohlstand und Gesundheit erlangen. Unter ihnen verkörperten die »Chymisten« den praktisch-technischen Forschertyp. Das führte letztlich zur Chemie als Wissenschaft, die von Antoine de Lavoisier (1743 - 1794) und Justus von Liebig (1803 - 1873) begründet wurde.

Der »Stein der Weisen« sollte den Alchemisten auch dazu verhelfen, aus unedlen Metallen Gold zu machen. Das klappte zwar nicht, aber immerhin kam es zu solchen Erfindungen wie dem Rubinglas und dem Meißener Porzellan. Allerdings versprachen auch Scharlatane den oft an Geld klammen Fürsten die Herstellung von Gold. So mancher Betrüger wurde ertappt und hart bestraft. Auch Schwarzmagier wie der berühmt-berüchtigte Doktor Faust, bekannt vor allem durch Goethes gleichnamiges Werk, trieben ihr Unwesen. Faust starb 1540 unter mysteriösen Umständen, wahrscheinlich infolge einer Explosion bei einem Experiment, weshalb die Zeitgenossen befanden, den habe eben der Teufel geholt.

Die interessante Ausstellung spannt den Bogen von der Antike bis zu unserer Zeit, von der Suche nach dem Weltgeheimnis im Altertum bis zur heutigen Erforschung der Grundstruktur der Materie mittels Teilchenbeschleuniger im Genfer internationalen Großforschungszentrum CERN. Sie beschränkt sich durchaus nicht auf die Archäologie, wie man es von einem Landesmuseum erwarten würde, sondern warnt auch vor den Folgen eines Missbrauchs der Wissenschaft in Gestalt der Atombombe.

Bis 5. Juni im Landesmuseum für Vorgeschichte Halle, Di - Fr: 9 - 17 Uhr, Sa, So und Feiertage: 10 - 18 Uhr. Harald Meller/ Alfred Reichenberger/ Christian-Heinrich Wunderlich (Hg.): Alchemie. Die Suche nach dem Weltgeheimnis. 132 S., br., 11 €.

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