Von Ruben Stark, Monaco

Streit um mysteriöses Päckchen

Dave Brailsford galt als Dopingbekämpfer, jetzt gerät Skys Teamchef in Bedrängnis

Chris Froome wurde einmal gefragt, er wurde noch einmal gefragt und dann noch mal. Doch der dreimalige Tour-de-France-Champion verzichtete beim Pressetermin im Trainingslager darauf, seinem immer isolierteren Sky-Teamchef Dave Brailsford den Rücken zu stärken. »Es ist nicht an mir, das zu beurteilen«, sagte Froome, als es um die Glaubwürdigkeit des Architekten hinter der Erfolgsgeschichte des britischen Radsports ging. Um die wird in der Affäre um eine mysteriöse Medikamentenlieferung gestritten. »Das müsst ihr ihn selbst fragen. Ich weiß nicht, wie er antworten wird.«

Es sind ungemütliche Zeiten für Brailsford, der sich derzeit zahlreiche kritische Fragen gefallen lassen muss. Und mit dem Waliser, der sich stets vehement als Antidopingkämpfer positioniert hat, gerät auch das Team Sky mehr und mehr ins Zwielicht.

Stein des Anstoßes ist jene fragwürdige Lieferung, die die gerade zurückgetretene Radikone Bradley Wiggins am letzten Tag des Rennens Critérium du Dauphiné 2011 erhielt. Auch das Image von Wiggins, der 2012 als erster Brite die Tour gewann, hat unter dem Eindruck der Debatte gelitten. Zumal er überdies für die Inanspruchnahme medizinischer Ausnahmegenehmigungen kritisiert wurde, die zwischen 2011 und 2013 immer nur zu wichtigen Saisonzeitpunkten gegolten hatten.

Kurz vor Weihnachten musste Brailsford vor dem Sportausschuss des britischen Parlaments Stellung beziehen und sprach davon, das Päckchen habe nach Angaben des Teamarztes Richard Freemann den Hustenlöser Fluimucil enthalten. Seine Aussagen waren weithin als nicht aufklärend beurteilt worden, eine erneute Vorladung ist daher absehbar. Der als Lance-Armstrong-Jäger bekannt gewordene und als Sky-freundlich geltende Journalist David Walsh riet zur Trennung von Brailsford. Das sei für Sky, das in vier der letzten fünf Jahre den Tour-Gesamtsieger gestellt hat, der »einzige Weg«.

Auch der Chef der britischen Antidoping-Agentur UKAD, die die Vorgänge untersucht, hat sich nun zu Wort gemeldet. David Kenworthy erhöhte dabei den Druck auf Brailsford im Interview mit der BBC weiter. »Die Leute können sich an ein Päckchen erinnern, das nach Frankreich geliefert wurde. Sie erinnern sich, wer danach verlangte. Sie erinnern sich an die Lieferroute, wer es übergab, wann es ankam«, sagte er. »Also jeder erinnert sich an diese Dinge, obwohl sie fünf Jahre zurückliegen, aber keiner erinnert sich daran, was drin war. Das erscheint mir schon außergewöhnlich. Und es ist sehr enttäuschend.« Brailsford habe im Parlament nicht gesagt, er wisse, dass es Fluimucil war, sondern nur, dass ihm gesagt wurde, dass es das war: »Es gibt noch immer keine definitive Antwort«, urteilte Kenworthy.

Trotz allem bricht Sky vorerst den Stab nicht über Brailsford. »Wie wir am Beginn der Untersuchung mitgeteilt haben, sind wir zuversichtlich, dass es keine Verstöße gegeben hat. Wir kooperieren weiterhin vollständig mit der UKAD«, hieß es am Wochenende.

Froome, der 2017 seinen vierten Tour-Triumph anpeilt, sorgt sich einstweilen eher um seine eigene Glaubwürdigkeit. »Meine Maßstäbe sind unverändert. Ich habe meinen Standpunkt oft betont, um zu zeigen, dass man die Tour de France sauber gewinnen kann, auch mehrmals«, sagte er. Viele seiner Vorgänger wurden später disqualifiziert. Doch seine Gelben Trikots würden die Zeit überdauern, hatte Froome einst auf dem Podium versichert: »Ich meinte das so, wie es ich gesagt habe.« SID/nd

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