Von Kathrin Gerlof
10.01.2017

»Wir sagen jetzt ...

Kathrin Gerlof über neueste Erkenntnisse aus der Gekröse-Wissenschaft und Platzreservierungen in der Hölle

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... dass wir im Körper ein Organ haben, das bislang nicht als solches anerkannt worden ist.« Professor Calvin Coffey von der Universität Limerick in Irland hat zuerst der medizinischen Fachwelt und dann uns erklärt, dass wir fortan mit dem Gedanken leben müssen, unser Gekröse sei mehr, als wir immer glaubten. Nämlich vollwertig und ein Organ - nicht einfach eklig und bei einer Bauchverletzung das Erste, was uns im schlimmsten Fall in die Hände fällt. Die Zeitungen schreiben, dass allein die Anerkennung des Gekröses (Mesenterium genannt und das klingt irgendwie auch netter) als anatomische und funktionelle Einheit zu völlig neuen Erkenntnissen führen könne. Und weil das so ist, soll sich zu den hoch anerkannten Disziplinen der Gastroenterologie, Neurologie und Proktologie (am Stammtisch wird der Proktologe manchmal verschämt »Popodoktor« genannt) die Mesenterologie gesellen.

Politisch lässt sich das nur in eine Richtung ausschlachten: Die CSU ist möglicherweise wirklich ein eigenständiges Organ, der wir dann natürlich eine eigene, sie erforschende Wissenschaft zuordnen sollten, auch wenn wir - wie beim Gekröse - noch nicht genau wissen, welche Funktion das Organ CSU eigentlich erfüllt. Das trifft nicht auf Seehofer zu, der ja als Amokläufer eine ordentliche Arbeitsplatzbeschreibung hat und die auch brav ausfüllt. Wer hätte gedacht, dass dieses HB-Männchen wirklich reinkarnieren kann.

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Kathrin Gerlof ist Schriftstellerin und Journalistin und lebt in Berlin.

Wenn die CSU also wirklich viel, viel mehr als drei Buchstaben hinter dem CDU-Slash (zu deutsch: Schrägstrich) ist, dann könnte sie doch 2017 das tun, was ihr wirklich gut zu Gesicht stünde: Sie könnte ihren Slash (Schrägstrich) nehmen und ihn hinter die AfD packen, als so eine Art rechte Wanderniere, die mal hier, mal dort ihr Leben fristet - je nachdem, wie ihr gerade zumute ist. Und mit der AfD, das sei ihr gesagt, ließe sich die verfassungswidrige Obergrenze, von der dieser amoklaufende bayerische Hüne immer sabbelt, viel besser als Hauptforderung in diesem und allen kommenden Wahlkämpfen aufstellen lassen. Die AfD macht da auf jeden Fall mit. Frau Merkel noch nicht, das sei ihr angerechnet.

Natürlich sollte der CSU kein Recht auf Rückkehr gestattet werden, das ist wichtig - nicht nur wegen der Überleitung zum Thema Teilzeitjobs und Frauen. Die CSU müsste dann im siebenten, achten und neunten Kreis der Hölle bleiben.

Millionen Deutsche arbeiten in Teilzeit. Und Andrea Nahles möchte ihnen mit einem Gesetz die Rückkehr in einen Vollzeit-Job erleichtern. Das ist eine gute Idee. Mehr als die Hälfte aller Mütter arbeiten auch dann weiter in Teilzeit, wenn ihre Kinder längst groß genug sind, den Nachmittag allein zu verbringen und dies meist auch dezidiert wünschen. Wer möchte schon Pubertätsschübe, Weltschmerz und erste Sexualkontakte unter ständiger mütterlicher Beaufsichtigung ausleben? Bisher aber ist Teilzeit sozusagen ein One-Way-Ticket, was sich später auch heftig in der Rente niederschlägt, die dann entsprechend mickrig ausfällt. Das wiederum hat natürlich zuvörderst damit zu tun, dass hierzulande und überhaupt im Kapitalismus solche Gedönssachen wie Kindererziehung, Pflege von Angehörigen, Hausarbeit und Fürsorge keine anerkannten Tätigkeiten sind. Zumindest keine, die es verdienen, dann auch noch mit Rentenpunkten vergolten zu werden.

Teilzeitbeschäftigte verdienen - im Schnitt und über ein ganzes Arbeitsleben verteilt - rund 350 000 Euro weniger als Vollzeitbeschäftigte.

Was sagen die Arbeitgeber? Hier werde ein »Bürokratiemonster« geboren, das Kraft, Profite und den Mittelstand das Leben kosten werde. Das Recht auf Rückkehr in Vollzeit gefährde den Wirtschaftsstandort Deutschland. Wie die Frauenquote, wie die Lohngerechtigkeit, wie der Mindestlohn und überhaupt jede Regulierung wirtschaftlichen Freibeutertums. Im siebenten, achten und neunten Kreis der Hölle ist noch viel Platz, auch wenn die ganze CSU drin hockt.

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