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Die erschöpften Staaten von Amerika

Im Kino: »Hell Or High Water« von David Mackenzie ist Neo-Western, Überfall-Thriller und Sozialdrama in einem

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In meiner Familie wurde die Armut wie eine Krankheit weitervererbt, als steckte sie in den Genen. Ich unterbreche diese Kette.» Diese Erklärung eines jungen Bankräubers fällt erst spät in David Mackenzies stimmungsvollem und engagiertem Neo-Western «Hell Or High Water». Zunächst sieht man ein raubendes Brüderpaar bei einem unbeholfenen, aber nicht gerade zimperlichen Überfall, und am Anfang des Films könnte man noch denken, hier ginge es um hirn- und morallose Adrenalinjunkies. Die Vielschichtigkeit der Geschichte entfaltet sich langsam. Und am Ende spürt man tatsächlich Sympathien für die beiden Mörder und Räuber.

Hier ist etwas Hintergrund nötig: Was man bei den seit 2008 alltäglichen Meldungen über massenhaften Kreditausfall bei ärmeren Immobilien-Käufern meist nicht erfährt: Die Banken verlieren zwar die ausstehenden Raten, doch durch Zahlungsausfälle eignen sich die Geldhäuser oft die als Sicherheiten deklarierten Grundstücke und Häuser an. Der Traum für die Kreditsachbearbeiter: Eine arme Familie stottert jahrelang die Raten ab, gerät auf den letzten Metern in finanzielle Engpässe und verliert dann doch noch alles: die Raten und das Haus.

Dies droht mit der elterlichen Ranch der Brüder Toby (Chris Pine) und Tanner (Ben Foster) zu geschehen. Sie wollen das nicht hinnehmen. Und viele Bürger in der Gegend scheinen das insgeheim und augenzwinkernd zu unterstützen: Was ist schon ein Banküberfall, verglichen mit der Gründung einer Bank?

Bei allem Rausch, den die beiden bei den Überfällen erleben (und auch für Momente genießen), bleibt zumindest Toby immer bodenständig, während die Unberechenbarkeit Tanners für permanente Spannung sogt. Die Brüderkonstellation aus einem alles gefährdenden Heißsporn und einem alles bedenkenden Moralapostel hat man schon oft auf der Leinwand gesehen. Doch solche Duos stehen und fallen mit ihren Schauspielern, und die Energie zwischen Pine und Foster ist wild und glaubwürdig, roh und doch liebevoll.

Überraschend ist zudem, dass der kriminelle Plan nicht vom wütend-wilden und in keiner Weise bekehrten Ex-Knacki Tanner ausgebrütet wurde, sondern von seinem nachdenklichen und auf seine verquere Weise gewissenhaften Bruder Toby.

Während den Bonnys und Clydes der Neuzeit viele Sympathien entgegen fliegen, bleibt ein knorriger alter Texas Ranger davon unberührt: Marcus (Jeff Bridges) kann diese Art der Selbstjustiz nicht hinnehmen, wenn auch zunächst nicht aus moralischen Gründen, sondern weil es ihm sein Berufsethos vorschreibt. Jeff Bridges läuft hier noch einmal zu ganz großer Form auf. Dabei ist man nicht sicher, ob er ein solcher Routinier ist, dass ihm die Rolle des alten Bärbeißers federleicht von der Hand geht, oder er einfach nur noch sich selber spielt.

Vieles scheint in «Hell Or High Water» im Texas-Klischee erstarrt zu sein: Cowboys in flirrender Hitze, Pick-Ups mit der Pump-Gun auf der Ladefläche, Kautabak, Trägheit und Rassismus. Und doch erscheint dieses allzu bekannte Setting echt, wenn die Handlung erst einmal Fahrt aufgenommen hat. Auch erscheint die Klischeehaftigkeit nicht wie ein peinlicher Unfall, sondern (wohl um eine Grundsätzlichkeit in der Geschichte zu unterstreichen) als sei sie geplant. Nur hier und da, in kurzen Momenten, hat man das Gefühl, dass aus Versatzstücken berühmter Vorbilder wie «No Country for Old Men», «There Will Be Blood» oder «The Missing» so etwas wie die Quintessenz des Neo-Western geformt werden sollte. An diesen Stellen fühlt man sich etwas zu sehr an jene großen Vorläufer erinnert, vermisst man kurz die Originalität. Manchmal fehlte eigentlich nur noch der gruselige und altbekannte Hillbilly, der knurrt: «Hier wird sich nie etwas ändern - da können die Hippies im Weißen Haus machen, was sie wollen.»

Regisseur David Mackenzie vermeidet bei der Umsetzung von Taylor Sheridans Script konsequent jeden Anschein von Experimentierfreude, was zu einer betont unaufgeregten, aber auch zu einer sehr konventionellen Erzählweise führt. Der starke Wunsch, einen «Klassiker» abzuliefern, ist in seiner Offensichtlichkeit dann doch etwas störend.

Doch «Hell Or High Water» ist nicht nur ein Überfallfilm und eine lakonische Texas-Studie, sondern vor allem ein Sozialdrama, das ein müdes, ja ein erschöpftes Nordamerika zeigt, in dem im Stich gelassene Kriegsveteranen und um ihre Ranch geprellte Farmer in der Schlange vorm Pfandleiher auf die früher missachtete Unterschicht treffen. Die sich auch und vor allem nach Texas geschlichenen krassen sozialen Ungleichheiten kann kein noch so konservativer Kommunistenhasser mehr ignorieren - da mag der (in diesem Film ein ums andere Mal grandios eingefangene) texanische Himmel so hoch sein, wie er will: Irgendwann muss sich auch der letzte verarmte staatsverachtende «Selfmademan» eingestehen, dass ein Staat wenigstens so stark sein muss, dass er seine Bürger vor den kriminellen Strategien der Finanzwirtschaft schützen kann. Und wenn er hier versagt, dass er dann doch wenigstens ein Minimum an Wohlfahrt bereithalten muss.

Diese wichtige Botschaft verpackt der Film gekonnt zwischen Überfall-Action, Bruderdrama und erhebenden Landschaftspanoramen - da ist zu verschmerzen, dass man ab und zu das Gefühl hat, vieles schon mal gesehen zu haben.

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