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Stoppt die Vergewaltigungen!

In Ostkongo muss dem Treiben der bewaffneten Akteure Einhalt geboten werden

Die Frauen in Ostkongo spielen eine wichtige Rolle in der Armutsbekämpfung.
Die Frauen in Ostkongo spielen eine wichtige Rolle in der Armutsbekämpfung.

Die gewöhnliche Berichterstattung in den Medien über den seit 20 Jahre anhaltenden blutigen Konflikt in Ostkongo muss wegen der Komplexität seiner Hintergründe vereinfachend und wegen der notwendigen Mobilisierung der Spendenfreudigkeit hilfsbereiter Menschen spektakulär sein. Sie erschöpft sich oft in der stereotypen Beschreibung des Gewaltgeschehens und liefert keine Analyse der Konfliktursachen. Der Konflikt erscheint daher als hoffnungslos unentwirrbar und unkontrollierbar. Den humanistisch bewegten Beobachtern scheint angesichts dessen nichts übrig zu bleiben, als für karitative Organisationen zu spenden, die sich um die Gewaltopfer kümmern. Damit werden zwar unverzichtbare humanitäre Hilfeleistungen an Not leidende Menschen ermöglicht; das Gewaltgeschehen wird dadurch jedoch weder auf der Seite der Täter noch auf der Seite der Opfer beeinflusst. Die Frage nach dem Handlungsbedarf im Hinblick auf die Eindämmung des Gewaltgeschehens bleibt daher offen.

Salua Nour
Salua Nour

Nothilfemaßnahmen für die Opfer reichen nicht aus. Hilfsbereite Weltbürger müssen Wirkungszusammenhänge erkennen, die sich nicht auf den Raub von Rohstoffen und den Sadismus von Gewaltakteuren beschränken. Massenvergewaltigung erklärt sich plausibler als Symbol der Zerstörung des gesellschaftlichen Zusammenlebens und Völkermord im Dienste globaler Landübernahme durch mächtige externe Akteure mit Rebellenmilizen als Handlangern. Mächtige Täter und erschreckend hilflose Opfer erfordern neue Maßnahmen jenseits konventioneller medizinischer und psychologischer Hilfe, die zwar die Folgen des Erlebens für die Opfer abschwächt, seine Wiederholung in unverändert von Gewalt geprägter Umgebung aber nicht verhindert. Will man den Opfern helfen, dann müssen Maßnahmen realisiert werden, mit denen auf die Lage der Täter und der Opfer eingewirkt wird und nicht nur die Opfer versorgt werden, während die Mechanismen der Gewalt unversehrt weitere Opfer produzieren.

Jeder an der Eindämmung der Gewalt in Ostkongo interessierte Akteur kann von seinem jeweiligen Standort aus handeln: a) sich Netzwerken anschließen zum Lobbying zugunsten der Gewaltopfer in Ostkongo. um so die (außen-)politischen Instanzen im eigenen Land zu beeinflussen, die Druck auf die Ober-Täter ausüben könnten, und b) sich an der Umsetzung von Strategien zur wirtschaftlichen Ermächtigung der Opfer beteiligen. Die wirtschaftliche Ermächtigung von Gewaltopfern besteht aus der Hilfe zum Aufbau rentabler Unternehmungen unter Konfliktbedingungen. Gewalterfahrung kann so bewältigt und ihr kann damit auch vorgebeugt werden. Die Betroffenen überwinden die gesellschaftliche Zersplitterung und vernetzen sich in Räumen wirtschaftlicher Absicherung, in denen sie Einkommen erwirtschaften und ihren Schutz vor Gewalt organisieren können.

Ein leuchtendes Beispiel liefert der Solidaritätsdienst International e.V. (SODI) mit dem Projekt einer Kaffee-Kooperative für 5000 Kleinbauern und -bäuerinnen in der Provinz Süd-Kivu in Ostkongo. Hier wird nicht gefragt, ob und wozu Rebellen sexuelle Gewalt instrumentalisieren, und es werden keine byzantinischen Diskussionen über die Stellung kongolesischer Vergewaltigungsopfer in der Gesellschaft geführt. 20 Jahre Debatten über solche Fragen haben gezeigt, dass den nicht unmittelbar Betroffenen sexuelle Gewalt gleichgültig ist oder sie gar als Gegenstand von lukrativen Geschäftsmodellen dient. Organisationen wie SODI erzeugen keinen Medienhype. Ihre Mitarbeiter krempeln die Ärmel hoch und tragen zur Eindämmung der Gewalt durch den Aufbau sozialer Unternehmen und die Durchführung von Advocacy-Kampagnen zur Stärkung der Opfer bei. Dies kannd die Kräfteverhältnisse von Gewaltopfern und Tätern zugunsten der Ersteren nachhaltig verändern.

Unsere Autorin arbeitet mit Arbeitsschwerpunkt Regionalstudien Afrika als Privatdozentin an der Freien Universität Berlin.

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