Werbung

Wie die Falken in Washington gurren

Noam Chomsky geißelt in seinem neuen Buch das Streben der USA nach der Weltherrschaft an

Was würden wohl Außerirdische über die Menschen denken, wenn sie diese über einen gewissen Zeitraum studierten? Sie würden sich sehr über deren merkwürdiges, ja paradoxes Verhalten wundern. Die Aliens würden feststellen: Der Mensch hat es geschafft, die Mittel zu seiner eigenen Auslöschung zu entwickeln. Dass es dazu bis jetzt noch nicht gekommen ist, nennt Noam Chomsky pures Glück.

Dank der Vereinigten Staaten ist die heutige Welt unsicherer denn je. Kriege und Gewaltakte allerorten. Aus den Schrecken von Hiroshima und Nagasaki und einem nur knapp verhinderten Atomkrieg Anfang der 1980er Jahre haben die politischen und militärischen Entscheidungsträger in den Vereinigten Staaten keine Lehren gezogen. Von der Strategic Defense Initiative (SDI) ist man zur Ballistic Missile Defence (BMD) übergegangen. Ein Großteil der Weltbevölkerung ist der Ansicht, dass heute die USA die größte Gefahr für den Weltfrieden darstellen. Dies sei keineswegs plumper Antiamerikanismus, so Chomsky, sondern Folge von Erfahrungen und Kenntnis der Fakten. Antiamerikanisten seien eher die israelischen »Propheten«, die nicht müde werden, immerfort vor dem Untergang des jüdischen Staates zu warnen, wenn die USA nicht bedingungs- und kritiklos zu Tel Aviv stünden, wie Chomsky etwas sarkastisch bemerkt.

Die Falken in Washington werden auch unter dem neuen US-Präsidenten nicht an Deeskalation und Entspannung interessiert sein. Beschworen wird der Schutz der US-Bürger vor inneren und äußeren Feinden, doch in der nationalen Sicherheitsdoktrin, betont Chomsky, spielt deren Wohl und Wehe kaum eine Rolle. Es gehe vielmehr um die Verteidigung der Interessen und Besitzstände der Mächtigen. Um diese zu wahren, werden alle erdenklichen Dämonen beschworen. Und man scheut man auch nicht davor zurück, über Leichenberge zu marschieren.

Angesichts der Vielfalt der unter US-Weltherrschaftsplänen leidenden Regionen kann nur eine Auswahl von Beispiele geboten werden. An vorderster Stelle wäre Südamerika zu nennen. Dieser Kontinent wurde und wird immer wieder vergewaltigt. Erinnert sei hier nur an den blutigen 11. September, den Putsch in Chile 1973, der Zehntausenden Menschen das Leben kostete. Obwohl heute allgemein bekannt ist, dass Pinochet von Henry Kissinger und der CIA protegiert worden ist, wird diese Wahrheit regelmäßig ausgeblendet.

Chile ist das Paradebeispiel US-amerikanischer Eroberungspolitik auf dem südamerikanischen Kontinent. Während des Kalten Krieges wurden etliche Militaristen und Faschisten des Südens unterstützt, um linke und demokratisch legitimierte Regierungen zu stürzen. Die Wunden dieser mörderischen Politik sind bis heute zu spüren. Und obwohl die lateinamerikanischen Staaten im Laufe der letzten Jahre eine gemeinsame Opposition gegen die US-Hegemonie geschmiedet haben, ist die Gefahr erneuter gewalttätiger Einmischung nicht aus der Welt. Der Staatsstreich in Brasilien, der sich nach Redaktionsschluss des hier angezeigten Buches ereignete, unterstreicht dies.

In seiner Kritik an den USA nimmt Chomsky kein Blatt vor dem Mund. Es ist diese Mischung aus Intellekt und Courage, die ihn zu einem der größten Denker unserer Zeit macht. Washingtons Politik, egal ob nun in Südamerika oder im Nahen Osten, brandmarkt er als »terroristisch«. Die Vereinigten Staaten von Amerika seien ein »führender Terrorstaat«.

Eines der kräftigsten aktuellen Belege hierfür ist der US-amerikanische Drohnenkrieg gegen mehrere Staaten, allen voran Afghanistan, aber auch Pakistan, Jemen und Somalia - befohlen ausgerechnet vom Friedensnobelpreisträger Barack Obama. 800 Jahre nach der Verkündung der Magna Charta, die mit der Unschuldsvermutung eines der Grundprinzipien des Rechtsstaates einführte, werden von der Führungsmacht der westlichen Welt Menschen allein schon aufgrund eines Verdachts außergerichtlich getötet. Der Drohnenkrieg negiert alles, wofür der Westen vorgibt zu stehen. Chomsky spricht vom mörderischsten Terror der Gegenwart.

Der Westen beherrscht unter der Ägide der USA die Welt auf verschiedene Art und Weise. Darunter mittels des Einflusses multinationaler Großkonzerne, deren Macht tagtäglich wächst. Viele nationale Parlamente sind mittlerweile nur noch Vollstrecker der Interessen jener Monopole. Diverse »Freihandelsabkommen« wie NAFTA und TTIP sollen oder sollten deren uneingeschränktes Agieren nach Gutdünken garantieren. Mit einem Freihandel im wahrsten Sinne des Wortes haben diese Abkommen wenig zu tun. Chomsky bezeichnet sie als »investors’ rights agreements«, also Abkommen, die hauptsächlich die Rechte der Kapitalanleger beschützen, während Arbeiter und anderweitig Schaffende hemmungslos ausgebeutet und ausgeplündert werden.

Die jüngsten Krisen, und damit meint Chomsky auch jene im Osten Europas, gehen auf das Konto des Westens. Der Diskurs wird einseitig geführt. Westlicher Egoismus ist allgegenwärtig. Die ständige Brüskierung Russlands und Chinas könnte sich eines Tages fatal auswirken.

Obwohl Chomsky von der »Annexion« der Krim schreibt und sie als illegal bezeichnet, können Kritiker ihm vorwerfen, zu sanft mit den Russen umzugehen. Selbiges betrifft seine Haltung zu Iran. Die Opfer der Ajatollahs werden anderer Meinung sein als er. Ebenso die Opposition in Syrien. Und das Vordringen Chinas in Afrikas sowie Zentralasien findet vom Autor nur wenig Beachtung. Wer Chomsky kennt, weiß jedoch, dass es ihm vor allem daran gelegen ist, die Gebrechen der Gesellschaft, in der er lebt, zu analysieren und zu kritisieren und nicht mit dem Finger auf andere zu zeigen. Diese Einstellung macht die Lektüre seiner Bücher stets zu einem wahren Gewinn.

Noam Chomsky: Wer beherrscht die Welt? Die globalen Verwerfungen der amerikanischen Politik. Ullstein, 416 S., geb., 24 €.

nd Journalismus von links lebt vom Engagement seiner Leser:innen

Wir haben uns angesichts der Erfahrungen der Corona-Pandemie entschieden, unseren Journalismus auf unserer Webseite dauerhaft frei zugänglich und damit für jede:n Interessierte:n verfügbar zu machen.

Wie bei unseren Print- und epaper-Ausgaben steckt in jedem veröffentlichten Artikel unsere Arbeit als Autor:in, Redakteur:in, Techniker:in oder Verlagsmitarbeiter:in. Sie macht diesen Journalismus erst möglich.

Jetzt mit wenigen Klicks freiwillig unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung