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Ausgemustert

40 Jahre Punk

Das vergangene Jahr war nicht arm an Festschriften zum 40-jährigen Geburtstag des Phänomens Punk: Kaum ein Verlag, der nicht zeitig das Geschäft roch, das man da nachträglich machen konnte, oder der wenigstens noch rasch ein kleines Punk-Gedächtnisbüchlein zusammenschreiben ließ, um den heute 50- bis 65-jährigen Punk-Nostalgikern und den stets frisch nachwachsenden Punk-Schneegänschen eine Hand voll Euro aus dem Portemonnaie zu leiern. Es geht aber auch anders. Der verdienstvolle Ventil-Verlag, von dessen Betreibern man weiß, dass sie eine ebenso innige wie langjährige Beziehung zum Geist des Punk und zum musikalischen bzw. Kunst-Underground unterhalten und dass sie sich nie besonders für die Verkaufszahlen eines Tonträgers interessierten, hat nun einen Sammelband herausgegeben, in dem zahlreiche Autorinnen und Autoren in mal kürzeren, mal länger ausfallenden Aufsätzen ihre Punk-Lieblingsalben vorstellen. Der so entstandene Katalog führt nicht nur die ollen Kamellen von den Sex Pistols bis zu den Ramones auf, sondern auch zu Unrecht Vergessenes, an den Rand Gedrängtes und von der Kulturindustrie Ausgemustertes, beispielsweise auch das denkwürdige Album »Nazionali« von Mutter (»Mutter sind die zuverlässigste Band der Welt«) oder die DDR-Punks von Schleimkeim (»Es durfte nur Tee getrunken werden, alle Zuhörer mussten sich auf den Boden setzen«).

Der Begriff »Punk« wird hier erfreulicherweise nicht allzu streng gehandhabt: Als »Punk« firmiert jene zeitlose, sich politisch verstehende Musik, die, was ihre Form und/oder ihren Inhalt angeht, zeigt, dass sie mit vielerlei nicht einverstanden ist. »Punk« möge, so schreibt Herausgeber Jonas Engelmann, als »musikalischer Ort der Verweigerung« verstanden werden, »der gleichzeitig eine Offenheit in sich trägt, eine Lust am Experiment«.

Der Schriftsteller Thomas Meinecke schreibt beispielsweise über den rabiaten Jazz-Funk-Disco-Punk von James Chance & The Contortions, »ohne deren Errungenschaften viele spätere Postpunkbands (etwa die Goldenen Zitronen in ihrer eigenen Postpunk-Phase) gar nicht denkbar wären«. Der Verleger Jörg Sundermeier, bekennender Fan der britischen Prä- und Post-Punkband The Fall, berichtet über Mark E. Smith, den Gründer, Sänger und seit Jahrzehnten mit seiner Misanthropie hausieren gehenden Chefnörgler der besagten Band: »Man wundert sich darüber, wie viele Zischlaute er beim Ausstoßen der (Song-)Zeilen hervorbringen kann, darin geborgen seine ganze Verachtung für die Büroangestelltenwelt.« Manchmal jedoch muss man bei der Lektüre die Zähne zusammenbeißen, weil ein Drittel der Autorinnen und Autoren so unbeholfen daherschreibt, als habe es noch nie einen Text verfasst. Naja, egal.

Jonas Engelmann (Hg.): »Damaged Goods - 150 Einträge in die Punkgeschichte«, Ventil-Verlag, 390 S., 20 €. Buchvorstellung: 13.1., 20 Uhr, Tennis-Café, Reuterstr.95, Berlin

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