Nicht schlecht, nur groß

Sieben Tage, sieben Nächte über real existierende, riesige und ständig wachsende Datenmengen - kurz: Big Data

  • Von Regina Stötzel
  • Lesedauer: 2 Min.

»Big Data ist wie ein globalisiertes Dorf, nur nicht so schlimm«, sagt der Kollege. Denn noch vor nicht allzu langer Zeit war es so: Der Besitzer des örtlichen Oberbekleidungsgeschäfts schob der noch nicht sichtbar schwangeren Frau unauffällig die etwas weiteren Blusen vor die Nase, weil er am Vorabend in der Wirtschaft von der frohen Botschaft gehört hatte. Der dort regelmäßig verkehrende Alkoholiker bettelte vergebens bei der Sparkasse um einen kleinen Kredit für den Autokauf, weil der Angestellte dort, wie alle im Dorf, natürlich Bescheid wusste. Und am Tag einer Wahl gingen alle wählen; einer wusste vom anderen, ob er sein Kreuzchen bei den Roten oder den Schwarzen machen würde, und hätte sich jemand die Mühe gemacht und durchgezählt, das Ergebnis der Gemeinde wäre exakt vorausgesagt worden.

Heutzutage schließen Supermarktketten anhand des Kaufverhaltens der Kundinnen auf Schwangerschaften und potenzielle Geburtstermine, vergeben oder verweigern Geldinstitute Kredite aufgrund der Postleitzahlen ihrer Kunden. Bei Wahlen wird der Ausgang schon Monate vorher genau berechnet, was die Parteien aber nicht davon abhält, jeweils Neu-, Nicht-, Wechsel- und Wutwähler zu identifizieren, um den Wahlkampf speziell auf sie auszurichten. Letztendlich gewinnen die Rechtpopulisten und schon wenige Tage später wissen alle haargenau, warum.

In den Kneipen wird derweil darüber philosophiert, ob wir bald alle halbe Roboter statt echter Menschen sind, ob die echten Roboter uns die Arbeitsplätze wegnehmen oder uns nur abschaffen. Einig ist sich die Smartphonegemeinde, dass Big Data unser aller Verderben ist. Besonders gläsern fühlen sich die, deren Adresse man zwar nicht mehr im Telefonbuch, dafür alles andere bei Facebook findet; ausgespäht sehen sich jene, die zwar ihr Wohnhaus bei Google Street View verpixeln lassen, aber ohne Google Maps nicht mehr durch die Stadt fahren, um vom Stau an der nächsten Ecke schon zu wissen, bevor er zu sehen ist. Wem es Angst macht, dass bei Google, Facebook und Amazon so viel digitale Macht versammelt ist, den kümmert es nicht unbedingt, dass in der Auto- und Bierproduktion, bei der Saatgutherstellung und im Containertransport ebenfalls nur wenige Konzerne das Sagen haben.

Ganz sicher in der Unterzahl sind die, die lieber wissend ihre Spuren im Netz hinterlassen, als wie in früheren Zeiten der sozialen Kontrolle zu unterliegen und zusätzlich zum verweigerten Kredit noch Dorfgespräch zu sein. Den Computersystemen bisweilen ein Schnippchen zu schlagen, wie es nd-Autor Enno Park vorschlägt, widerspricht das nicht, geschweige denn, sich dafür einzusetzen, sie anders zu gestalten.

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