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»... eine einzige Hetzjagd«

Wiederentdeckt: Ein Artikel von Mathilde Jacob , Freundin und Mitstreiterin von Rosa Luxemburg

November 1918. Die meisten politischen Gefangenen waren bereits aus den Gefängnissen und Zuchthäusern entlassen. Am 21. Oktober wurde Karl Liebknecht von seiner Frau Sonja mit einigen Parteifreunden vom Luckauer Zuchthaus heimgeleitet. Leo Jogiches wurde am 8. November von einigen Freunden unter Führung Paul Levis aus dem Moabiter Untersuchungsgefängnis herausgeholt. Nur Rosa Luxemburg saß ungeduldig in Breslau hinter Kerkermauern.

Endlich am 7. November, spät abends, wurde auch ihr von der Breslauer Kommandantur mitgeteilt, dass sie frei sei. Da sie aber mit dem Einpacken ihrer Sachen noch nicht fertig war und in so vorgerückter Stunde auch nicht wusste, wohin sie gehen sollte, blieb sie die Nacht über im Gefängnis. Andern Morgens suchte Rosa die Familie Schlisch auf, gute Parteifreunde, die sie opfermütig während der Breslauer Gefängniszeit beköstigt und ihr sonstige Wünsche erfüllt hatten. Von hier aus konnte mich Rosa telefonisch erreichen. - Eisenbahnverkehr von Breslau nach Berlin war eingestellt. Die Revolution in Breslau setzte sich am Abend des 8. November durch. Die Genossen zogen nachts bis zur vorgerückten Morgenstunde durch die Straßen der Stadt. Rosa immer mit ihnen, revolutionäre Lieder singend.

Am 9. November verließ ich auf Anordnung von Leo Jogiches meine Wohnung nicht, um jede von Rosa eintreffende Nachricht sofort weiterleiten zu können. Rosa telefonierte Stunde um Stunde bei mir an, um sich zu erkundigen, was in Berlin los wäre, und von Breslau berichtend. Die Bahn ging noch immer nicht. »Rosa wird notwendig gebraucht«, meinte Leo, »wenn morgen die Züge wieder nicht verkehren sollten, so werde ich Rosa mit Ihnen gemeinsam in einem Auto holen.« Am 10. November benachrichtigt mich Rosa, dass die Züge nunmehr von Breslau bis Frankfurt a. d. O. gingen. Wir möchten sie in Frankfurt in einem Auto erwarten. Leo war inzwischen vom Strudel der Revolution erfasst worden. Er hatte Eduard Fuchs, der uns schon in der illegalen Zeit oft geholfen hatte, gebeten, Rosa mit mir bis Frankfurt entgegenzufahren. »Rosa soll in Berlin sofort in den Zirkus Busch zur Versammlung der Arbeiter- und Soldatenräte kommen«, sagte Leo zu mir. Ich wagte dagegen nichts einzuwenden. Gelegentlich hatte ich Rosa einmal erzählt, wie streng Leo mit Genossen sei, die sich von der Arbeit drückten. »Ich kenne ihn, Mathilde«, entgegnete Rosa. »Ich sollte als Studentin einmal einen Vortrag halten, fühlte mich sehr schwach und wenig wohl und bat daher, mich an jenem Abend nicht sprechen zu lassen. ›Halten Sie nur das Referat‹, wendete Leo ein. ›Sie werden erst zusammenbrechen, wenn Sie damit fertig sind.‹«

Als mich Eduard Fuchs mit dem Auto abholte, kamen mir starke Bedenken, ob wir, ohne Gefahr für Rosa, sie darin würden heimbringen können. Es war ein offener kleiner Wagen, in dem außer der militärischen Begleitmannschaft nur zwei Personen Platz hatten. - »Leo hätte sich früher an mich wenden müssen, dann hätte ich natürlich ein passendes Auto anfordern können«, meinte Fuchs. »Jetzt müssen wir’s mit diesem versuchen.« Der Versuch scheiterte bald, unser Auto hatte eine Panne. Wir requirierten zweimal in Militärdepots andere Autos, das zweite war ein großes offenes Lastauto. Typisch war, dass kein Soldat der etwa 15-köpfigen Begleitmannschaft wusste, wer eigentlich abgeholt werden sollte. Nachdem wir durch die gemeinsame Fahrt näher miteinander bekanntgeworden waren, fragte mich ein Soldat: »Wer ist denn Rosa Luxemburg?«

Nach etwa fünf Stunden hatten wir einen Berliner Vorortbahnhof erreicht. Da wir das Vergebliche unseres Bemühens, bis Frankfurt zu kommen, einsahen, überließen wir Auto und Soldaten ihrem Schicksal und fuhren mit der Vorortbahn nach Berlin zurück. Zufälligerweise ging der Breslauer Zug an diesem Tage wieder bis Berlin. Rosa hörte hiervon während ihrer Reise und fuhr, da sie in Frankfurt keinen von uns auf dem Bahnsteig sah, bis Berlin. Der Zug war so überfüllt, dass sie keinen Sitzplatz erwischte, sondern im überfüllten Gang auf einem ihrer Gepäckstücke sitzen musste.

In Berlin angekommen, stand sie ratlos auf dem Bahnhof. Schließlich kam sie auf den Gedanken, an meine Mutter zu telefonieren. Sie erfuhr von ihr, dass ich nach Frankfurt gefahren wäre, um sie abzuholen. So begab sich Rosa fürs erste zu meiner Mutter. Auch ich erkundigte mich bald nach Rosas Ankunft bei meiner Mutter, ob Rosa von sich hätte hören lassen. Antwort gab mir Rosa selbst. Ich eilte zu ihr. Die Tagung der Arbeiter- und Soldatenräte war längst vorüber. Ich hatte von Leo inzwischen den Auftrag bekommen, Rosa sofort in die Redaktion des Berliner Lokalanzeigers zu begleiten. Hier waren lange, fruchtlose Sitzungen wegen Übergabe des Lokalanzeigers an die Rote Fahne. Die intimeren Freunde: Leo Jogiches, Karl Liebknecht und Paul Levi begleiteten nach Schluss der Sitzung Rosa ins Hotel Exzelsior, gegenüber dem Anhalter Bahnhof. Da noch kein gemeinsames Büro vorhanden war, hatte man beschlossen, dass vorläufig niemand in seine Wohnung ziehen und dass man gemeinsam im Hotel logieren sollte, um schnell miteinander beraten zu können.

Rosas Sachen lagerten auf dem Bahnhof. Sie mussten geholt werden. Ohne Passierschein, den der Arbeiter- und Soldatenrat ausstellen musste, durfte zu jener Zeit in Berlin niemand abends auf die Straße. Ich besaß keinen Passierschein, war aber fest entschlossen, ohne die Koffer nicht ins Hotel zurückzukehren. Wirklich ließ man mich überall durch, sobald ich erklärte, ich müsse Rosa Luxemburgs Gepäck von der Bahn holen. Viele Soldaten trugen mir Grüße für Rosa auf, ein Feldgrauer küsste mir enthusiastisch die Hand.

Als ich spät abends ins Hotel zurückkehrte, saßen die Freunde in politischer Beratung noch beieinander. Wenn sich alle einig waren, hatte Karl Liebknecht häufig in irgendeinem Punkt eine noch etwas abweichende Meinung. Er konnte stundenlang debattieren. An diesem Abend war er ein wenig betreten. Leo Jogiches hatte heftige Auseinandersetzungen mit ihm gehabt, die seinen Eintritt in die Regierung verhindern sollten.

Die Wochen, die jetzt folgten, waren eine einzige Hetzjagd. Die ersten Tage waren zum größten Teil ausgefüllt mit dem Suchen nach einer Druckerei. Von Scherl nach fruchtlosen Besprechungen zurückkommend, sagte Rosa einmal erschöpft zu mir: »Die rote Fahne wird noch auf meinem Grabe wehen!«

Endlich war das Kleine Journal in der Königgrätzer Straße für die Drucklegung gewonnen. Die Hauptarbeit in der Redaktion lastete auf Rosa. Sie verließ die Druckerei selten vor 11 oder 12 Uhr nachts.

Die Hetze gegen Karl und Rosa begann. Sie wurden mit den übrigen Genossen aus dem Exzelsior-Hotel hinausgewiesen. Fast täglich suchten wir in der Umgebung des Anhalter Bahnhofs ein anderes Hotel. Bald vermietete niemand mehr an Karl und Rosa. Sie mussten zur Illegalität ihre Zuflucht nehmen. Die gegen sie entfesselte Pogromstimmung war furchtbar. Am 15. Januar 1919 ereilte Karl und Rosa ihr Schicksal: Sie wurden ermordet. Am 25. Januar wehten auf dem Friedhof in Friedrichsfelde über 31 Revolutionsopfern rote Fahnen. Neben Karl Liebknechts Gruft wurde ein leerer Sarg für Rosa Luxemburg in die Erde gesenkt. Ihre Leiche hatten ruchlose Meuchelmörder ins Wasser versenkt. Erst am 13. Juni konnte sie bestattet werden. Rote Fahnen neigten sich zum letzten Abschiedsgruß hernieder.

Anm. d. R.: Der 1867 in Wilna in einer jüdischen Kaufmannsfamilie geborene Leo Jogiches, Geliebter von Rosa L., wurde am 10. März 1919 ermordet; der 1870 in Göppingen geborene Kunstwissenschaftler Eduard Fuchs starb am 26. Januar 1940 im Pariser Exil. Fuchs und Jogiches waren Mitbegründer der KPD.

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