Unendlich stark - unendlich laut

Ein Plädoyer für ein friedliches, böllerfreies Silvester 2017/2018

In den europäischen Silvesternächten reichen sich Konsum und Aberglaube die Hand: Es wird viel Feuerwerk abgebrannt. Krach ist billig, optische Effekte können richtig ins Geld gehen, die Sekunde für zehn Euro und mehr. Dann müssen Feuerwehr und Notarzt ausrücken. An Neujahr liegen die Verletzten in den Krankenhäusern, die Obdachlosen nach einem Dachstuhlbrand werden in Notquartieren untergebracht, die Straßenreinigung hat mit Scherben und stinkenden Pappröhren viel zu tun, in der Zeitung steht: Die Feinstaubbelastung einer Silvesternacht entspricht zwei Monaten Großstadtverkehr.

Jedes Jahr wachsen die Ausgaben für die Explosionen in der Silvesternacht, mitten in Europa, wo es auch Umweltbewusstsein und Mülltrennung gibt. Lärm und künstliche Blitze sollen nach altem Aberglauben die bösen Geister verscheuchen. In früheren Zeiten wurde da in die Posaune geblasen, die Trommel geschlagen, die Glocke geläutet. Auch das hat die Gespenster verscheucht und die Gläubigen von den Übeln befreit, die sich übers Jahr eingeschlichen und angesammelt haben.

Seit das Pulver erfunden ist, gilt seine Explosion als der mächtigste Abwehrzauber; zur Begrüßung und beim Begräbnis von Generälen muss geschossen werden. Feinstaubmäßig gesehen, ist das Militär bis heute eine einzige, riesige Katastrophe. An den Tagen, an denen Explosionen freigegeben sind, explodiert auch eine Form von Männlichkeit, die manche in Köln gerne für Importware halten würden. Auch wenn es die Lausbuben des eigenen Viertels sind, die den Frauen ihre Kracher unter die Röcke werfen und die jungen Männer ihre Ritterlichkeit beweisen, indem sie mit Raketen aufeinander zielen.

Während das Feuerwerk ebenso wie das Läuten der Glocken zum Beginn des neuen Jahres früher eine Aufgabe der Gemeinde war, kollektiv organisiert, zeremoniell ausgearbeitet und würdevoll, hat hier die Individualisierung große Schritte gemacht. Jeder wird sein eigener Zeremonienmeister. Wenn die Kirchenglocken abgeschafft würden und jeder nach seinen finanziellen Grenzen ein eigenes Geläute im Laden kaufen würde, wäre der akustische Effekt vergleichbar: Alle würden durcheinander bimmeln und jeden Gedanken an Stille ersticken.

Seit der sumerischen Sage von Gilgamesch träumen die Menschen von Mitteln, ihre Stärke zu steigern. Das Bad im Drachenblut, der Genuss magischer Pflanzen sind probate Mittel - im Märchen. Die Macht über die Explosion realisiert den narzisstischen Traum - für einen kurzen Augenblick und mit oft verheerenden Folgen. Seit sie in die Welt getreten ist, ringen die Menschen mit ihr: Die Einzelnen möchten diese Stärke haben, soviel wie sie davon nur kriegen können; die Gesellschaft aber legt diesem Wunsch mit guten Gründen des Gemeinwohls Zügel an. Sie versucht es zumindest, aber die Lobby der Explosionsverkäufer ist mächtig.

Es sollte eigentlich nicht schwierig sein, hier die Güter zu wägen: auf der einen Seite die zweifelhafte Freude am selbst erzeugten Krach, Gestank und Funkenwurf, auf der anderen Seite Gesundheitsschäden und Kosten für die Öffentlichkeit. Der explosive Abwehrzauber gehört verboten, er ist anachronistisch, er passt nicht in eine von Schadstoffen ohnehin hoch belastete Welt.

Die Schwäche des Staates angesichts der Bedürfnisse der Konsumentenkinder nach ihrem eben gar nicht harmlosen »Spaß« setzt ein ganz falsches Zeichen. Dieses gleicht dem Zögern, automatische Pistolen und Gewehre als »Sportwaffen« zu ächten, auch wenn jedes Jahr mehr Amoktäter dem verhängnisvollen Machtrausch erliegen. Natürlich ist, wie wir trauernd zur Kenntnis nehmen müssen, inzwischen auch der von einem Explosionsmotor angetriebene Kraftwagen eine Waffe des Terrors. Aber das ist eine Ausrede, kein Argument.

Es gehört zur Individualisierungsdynamik der globalisierten Welt, dass immer mehr Dinge aus ihrem Kontext herausgerissen und auf eine Weise gebraucht werden, die denkbar ist, auch wenn wir sie bisher nicht gedacht haben. Die Vernunft des Erfinders, der mit Sorgfalt die schönsten Apparate baut, kann die Vernunft der Nutzer nicht miterschaffen, im Gegenteil: Wir müssen, je vielfältiger und mächtiger unsere Erfindungen werden, mit ebenso vielen bösartigen Regressionen rechnen. Nicht Wachsamkeit allein, sondern der Mut zum Verbot ist hier gefordert: das Signal für ein zur Vernunft entschlossenes Gemeinwesen.

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