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Wut und Wille

Die deutschen Handballer starten mit zwei Siegen in die WM, der Trainer überrascht mit Bauchentscheidungen

  • Von Michael Wilkening, Rouen
  • Lesedauer: 3 Min.

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Einem Kraftakt folgte eine bessere Trainingseinheit, doch auch die brachte den deutschen Handballern bei der Weltmeisterschaft in Frankreich wichtige Erkenntnisse. Am Sonntag besiegte die Mannschaft von Dagur Sigurdsson Chile locker und leicht 35:14 (17:6). Zwei Tage zuvor hatte es zum Auftakt einen 27:23-Erfolg über Ungarn gegeben.

Der Erfolg gegen die Ungarn hatte zwei zentrale Geschichten gehabt. Die größere waren die 13 Tore, mit denen Uwe Gensheimer beeindruckte, nachdem er fünf Tage zuvor seinen Vater verloren hatte. Mit beeindruckender mentaler Kraft bewies der Kapitän, dass er ein Leader ist. »Wenn ich ehrlich bin, habe ich mich heute mehr über Uwe als über den Sieg der deutschen Nationalmannschaft gefreut«, sagte Bob Hanning. Der DHB-Vizepräsident adelte Gensheimer als »großartigen Menschen sowie großartigen Kapitän« - und ihm war anzusehen, wie sehr ihn die Geschichte des 30-Jährigen wirklich bewegte.

Die zweite Geschichte des Ungarn-Spiels war die Personalie Silvio Heinevetter. Sigurdsson hatte den Berliner überraschend anstelle von Andreas Wolff zwischen die Pfosten befördert, Heinevetter zahlte das Vertrauen mit einer Weltklasseleistung zurück. Es war logisch, dass dem ehrgeizigen Wolff diese Entscheidung nicht gefallen haben konnte. Und deshalb war es für den Kieler Keeper ein schwacher Trost, dass er gestern gegen die international zweitklassigen Chilenen Dienst tun durfte. Beinahe regungslos agierte der sonst so emotional auftretende Schlussmann und zeigte damit, dass ihn die Nichtberücksichtigung getroffen hatte.

Die Rochade von Sigurdsson verfehlte ihre Wirkung aber nicht, denn Wolff wandelte seine Wut in extremen Willen um und avancierte gegen die Südamerikaner zum herausragenden Akteur auf dem Feld. Schon nach 30 Minuten hatte er zehn Bälle abgewehrt und damit 63 Prozent aller Würfe entschärft, die auf ihn zugeflogen waren. Dass er diese überragende Quote nach dem Wechsel nicht aufrecht halten konnte, war klar. Trotzdem hatte er am Ende beachtliche 16 Paraden (53 Prozent) abgeliefert. Und dabei nach außen hin kaum eine sichtbare Emotion gezeigt.

Dabei gehört der Held der EM vor einem Jahr eigentlich zu den extrovertiertesten Schlussmännern, der seinen Gegnern mit großem Jubel nach jeder einzelnen Parade seine Stärke demonstrieren will. Vermutlich war es ein Hintergedanke von Sigurdsson, Wolff mit der Maßnahme anzustacheln, ihn gegen Ungarn nicht spielen zu lassen. Reden wollte der Bundestrainer darüber nicht. »Ich entscheide situativ und aus dem Bauch heraus«, erklärte der Isländer.

»So ungefähr fünf Minuten vor dem Anpfiff«, hatte der Bundestrainer Wolff über seinen Einsatz informiert. Seinen eigenen Auftritt versuchte der Keeper anschließend klein zu halten. »Ich hatte eine hervorragende Abwehr vor mir und konnte die Würfe der Chilenen deshalb gut lesen«, sagte Wolff und verbreitete damit die Botschaft: Leute, alles halb so wild, war doch ganz normal heute. Für Jannik Kohlbacher war die Leistungsexplosion des Keepers keine Überraschung. Der Kreisläufer, mit acht Toren bester Torschütze gegen die Chilenen, spielte zwei Jahre gemeinsam mit Wolff in Wetzlar und hatte festgestellt: »Der Andi war die letzten zwei Tage ganz schön angefressen.«

Sigurdsson hatte nicht nur die Torhüter gewechselt, insgesamt standen gegen Chile zu Beginn gleich fünf andere Akteure auf dem Feld. Der Isländer nutzte schon die zweite Vorrundenbegegnung, um die Belastung für seine Spieler bestmöglich zu verteilen. So gelang es auch, allen Akteuren das Gefühl zu vermitteln, wichtig zu sein. Die bessere Trainingsstunde ermöglichte zudem, verschiedene Abwehrvarianten zu testen. In der zweiten Hälfte saß Defensivchef Finn Lemke nur auf der Bank. Den Innenblock, Zentrum und Ausgangspunkt für eine gute Abwehr, bildeten andere Spieler. Im weiteren Turnierverlauf könnten die gewonnenen Erkenntnisse noch wichtig werden.

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