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Die besseren Karten - und das Leben

Die Hamburger Elbphilharmonie soll leben! Ein Plädoyer für die Hochkultur und das, was an ihr einmalig und elitär ist

  • Von Hans-Dieter Schütt
  • Lesedauer: 5 Min.

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Um Brecht zu variieren: Schlimme Zeiten, da ein Gespräch über höchste Kunst fast ein Verbrechen zu sein scheint, da es ein Schweigen über so viele Menschen einschließt, die an den Rand der Existenz gestoßen wurden.

Die Elbphilharmonie in Hamburg ist in Betrieb. Sofort reagieren die sozialwächterischen Netzwerke, die digitalen Foren und Communities: Die berechtigte Kritik an den Kosten des Baus steigert sich dabei auch zum Pauschalangriff auf die Hochkultur. Ja, deren Protagonisten sind oft genug Hochverdiener und deren Spitzenprodukte für viele Menschen unerschwinglich geworden. Die Medien präsentieren die Premierenfotos der Schönen und der Reichen, und das schafft angesichts des Kontrastes zur unsozialen Realität im Lande hämische bis anklagende Töne. Eben gegen die - Hochkultur. Dieser unglückliche Kampfbegriff, den man in linker Gegend in oft ebenso abfälliger Tonlage hört wie das ehrenwerte Wort vom »Bürgerlichen«, beschreibt ein Abgrenzungsverhältnis. Kultur, das scheint mehr und mehr etwas für jene geworden zu sein, die auch ansonsten im Leben die besseren Karten haben.

Dieses Ausgrenzungsgefühl, das für viele Menschen entstand, die Kultur wollen, sie sich aber nicht leisten können, nannte der französische Soziologe Pierre Bourdieu das Ergebnis einer kapitalistischen »Produktion des feinen Unterschieds«. Im Gegenzug entstand die moderne Massenkultur: Zum Eintritt in diese Kultur bedarf es keiner Etikette. Wenn man so will, stellt die Populärkultur einen Sieg des unbekümmerten, ungeregelten und entspannten Lustprinzips dar. Menschen wiederum mit starkem Widerstandswillen gegen alles Herrschende und Zeitgeistige setzen auf die Energie jener alternativen Kultur, die sich mühsam, aber unverstellt in Hinterhöfen am Leben erhält. Eine Kultur, die tatsächlich subversiv ist, unbequem, anpassungsresistent.

Beargwöhnte Hochkultur aber hat hinter Repräsentanz, äußerer Kostbarkeit, ständischer Benutzbarkeit einen normativen Kern, der all dem widersteht, was sie so umstritten macht: Es ist dies eine unverzichtbar werthafte Spannung zur Wirklichkeit. Hochkultur ist die Zusammenfügung aller Mittel und Möglichkeiten, um Wertvollstes an schöpferischer Kapazität zu konzentrieren. Es lebe aus diesem Grunde - das Besondere! Das Einmalige! Das Elitäre! Das Teure! Mozart hat bestes Salzburg verdient und alle Musik diese wunderbare Elbphilharmonie! Man muss den Zirkus nicht gutheißen, sollte über die Missbehandlung des Steuerzahlers zürnen, aber man darf sich freuen, ein Konzert, eine Inszenierung am Fernseher mitzuerleben. Die digitale Revolution ist auch eine Hochform - der Zugangskultur.

Gewiss, das Komplizierte bleibt: Dass Aufführungen in Bayreuth, Bregenz oder Wien inmitten just jener Zustände ihren Erfolg feiern, die kritisiert werden. Brechts Ruhm begann mit dem Jubel derer, gegen die er seine »Dreigroschenoper« geschrieben hatte. Aus diesem Widerspruch kommt Kunst nie heraus. Die bürgerliche Gesellschaft ruft Widerstand hervor, und zugleich bindet sie jede dieser Energien ein in ein perfektes Verarbeitungssystem, das kritische Werke in Erlebnisse verwandelt, in Kommerz, aber eben auch: in bleibende Kunst. In der die wesentlichen Kritikpunkte weiterlodern.

Das Lebensgesetz unserer Gesellschaft ist ein Kreislauf von Diskurs und Glättung, der verzweifeln machen kann und der jeden kulturellen Ausdruck in die Gefahr der Wirkungslosigkeit bringt. Und trotzdem sind die Bohrkräfte der Kunst nicht auf ein allgemeines Gesetz zu bringen; Kunst wirkt im einzelnen Menschen und in jedem anders, und so, wie das Kapital alles verwertet, hat die bürgerliche Gesellschaft doch einen emanzipatorischen Sinn für den Wert von Kunst und Kultur. Schon aus egoistischen Gründen. Man sieht es an der Art, wie große Konzerne Kunst und Kultur fördern, wie sie das kulturelle Klima in der Belegschaft entwickeln. Das könnte zu etwas führen, was das Gegenteil zur derzeit entfesselten Praxis wäre - zu etwas, das Christoph Schlingensief und sein Dramaturg Carl Hegemann einmal so formulierten: »Der Markt selbst ist es, der die Wirtschaft zwingt, das Glücksversprechen der bürgerlichen Gesellschaft ernst zu nehmen. Mit Mogelpackungen ist bald ernsthaft kein Geschäft mehr zu machen, mit Stumpfsinn und Entfremdung kein Unternehmen erfolgreich am Leben zu halten.«

In diesem Sinne ist Kultur, gerade in ihren höchsten Ausdrucksformen, nötig - gegen die weitere Verwahrlosung der herrschenden politischen Klasse. Das ist die Realität: Die Konkurrenz zwischen Kultur und Kommerz wird zunehmend ökonomisch bestimmt. Das aber ist der Traum: Nichts mehr würde aus Geldgründen instrumentalisiert - das Geld selbst jedoch wird sehr wohl instrumentalisiert, nämlich gezielt eingesetzt mit dem Hauptzweck, Sensibilität zu befördern.

Ja, die Kunst kann ein Wettbewerbsfaktor und ein Kompetenztrainingsprogramm sein, eine soziale Aktion und ein Ornament, politische Propaganda und apolitische Ästhetik, Unterhaltung der Massen und elitäre Abschottung. Sie kann all diese widersprüchlichen, anregenden und aufregenden, langweiligen und spannenden, dummen und dreisten, wunderbaren und faszinierenden Formen annehmen. Sie alle zehren von der Hoffnung, dass dem Menschen, diesem fehlerhaften, eitlen, grausamen und nicht besonders intelligenten Wesen, etwas nahezu Vollkommenes gelingen kann, das keiner Rechtfertigung bedarf und das für sich Gültigkeit für lange Zeit beanspruchen möge. Wie nun auch die Elbphilharmonie.

Auch dieses Haus bestärkt den Glauben an jenen einzelnen Menschen, dem das hochwertige Kunstwerk Lebens-Mittel ist. Und sei es in einer Sehnsucht, die mit dem Kunstwerk nur für eine kurze Zeit wach gehalten werden kann. Jenes Fest, das Kultur auch immer ist, hört dann auf, Fest zu sein, wenn es, statt den Alltag zu bereichern, zu übersteigen, zu übertreffen selber Alltag wird - und dadurch den Alltag auslöscht. Wer abfällig gegen Hochkultur zu Felde zieht, wer auf diese kurzschlüssige Weise gegen die Unkultur einer ungerechten Welt- und Verteilungsordnung protestiert und meint, radikal fortschrittlich zu denken, der reagiert selber höchst kulturlos.

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