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Stöbern in des Apothekers Wunderkammer

Waldenburg hat eines der wenigen komplett erhaltenen Naturalienkabinette - nur weiß das kaum jemand

  • Von Martin Kloth, Waldenburg
  • Lesedauer: 3 Min.

Weiße Stoffhandschuhe, Pinzette, konzentrierter Blick: Vorsichtig nimmt Christina Ludwig Organ um Organ aus der handtellergroßen Elfenbeinfrau, bis der filigran geschnitzte Fötus an seiner Nabelschnur freiliegt. Was aussieht wie Doktorspiele an einer schwangeren Puppe hat in Wirklichkeit einen wissenschaftlichen Hintergrund: Die Leiterin des Museums Naturalienkabinett im sächsischen Waldenburg will mit internationaler Hilfe das Geheimnis der zarten Anatomie-Figur aus dem 17. Jahrhundert lüften. »Keiner weiß, dass es hier so etwas gibt. Das ist nicht erforscht«, sagt die junge Wissenschaftlerin.

Waldenburg im Landkreis Zwickau hat nicht einmal 4000 Einwohner, einen Bahnhof, den kein Zug mehr anfährt - aber ein Museum mit unerforschten und zum Teil mehr als 300 Jahre alten Schätzen. Christina Ludwig wird nicht müde, die Einzigartigkeit ihres Hauses hervorzuheben. »Wir sind ein verrücktes Museum«, sagt die 28-Jährige zum Beispiel. Oder: »Wir sind die umfangreichste erhaltene Wunderkammer.« Oder: »Wir haben einen Weltrangbestand.«

Mit dieser Wertung steht sie nicht allein. »Es ist eines der wenigen komplett erhaltenen Naturalienkabinette. Daher ist es ein Sonderfall und sehr bedeutend«, sagt Joachim Breuninger, Vorstandsvorsitzender des Sächsischen Museumsbundes. Nach seiner Kenntnis sei nicht einmal das Naturalienkabinett der Franckeschen Stiftungen in Halle/Saale derart umfangreich. Daher sei das Naturalienkabinett in Waldenburg schon einzigartig, meint der Direktor des ungleich berühmteren Verkehrsmuseums in Dresden. »Aber es ist auch was für Spezialisten.«

Und die sollen nun nach und nach aus aller Welt nach Waldenburg gelockt werden. Das Zauberwort dafür heißt Digitalisierung. 70 000 Euro Bundesförderung aus dem Programm »eHeritage« werden in die Erstellung eines Konzepts investiert, wie all die Kunstschätze von Experten untersucht, begutachtet und erforscht werden können - auch ohne dass in die Kleinstadt gereist werden muss.

Die weibliche Anatomie-Figur und ihr männliches Pendant ruhen in einer Holzvitrine. Sie sind nur zwei von 600 bis 1000 Kunstobjekten, die digitalisiert werden sollen. Das Elfenbeinpaar, vermutet Ludwig, stammt aus der Manufaktur des Nürnberger Elfenbeinschnitzers Stephan Zick (1639-1715). »Sie sind nicht publiziert. Wir wissen gar nicht, was wir alles haben«, sagt sie.

Das stimmt nur bedingt. Sie weiß: Die um 1640 begonnenen Sammlungen der Leipziger Apotheker-Familie Linck, die Museumsgründer Otto Victor I. von Schönburg-Waldenburg als Grundlage der Wunderkammer ankaufte, beinhalten Raritäten: mehrere durchgefärbte Trinkgläser von Hand des Alchimisten Johannes Kunckel (1630-1703) etwa - oder auch eine Teekanne und Vasen von Porzellanerfinder Johann Friedrich Böttger (1682-1719) aus der Anfangszeit seiner Experimente.

Betritt man die Ausstellungsräume, ist Vorsicht geboten: Denn bei einem zu festen Tritt beginnen die Vitrinen und Schränke zu schwanken, weil der Dielenboden durchgetreten ist. Das aber muss ebenso bleiben wie die mitunter fehlerhaften Beschriftungen der Exponate - weil das Museum 2009 in seiner Gesamtheit zum Volldenkmal erklärt wurde. dpa/nd

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