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Anschlussgleise ins Nichts

Klaus-Dieter Zentgraf legt seinen dritten kulturpolitischen Bericht zur Situation der Eisenbahn in Brandenburg vor

  • Von Andreas Fritsche
  • Lesedauer: 3 Min.

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Gleise, die im Nichts enden, oder bloß Bahnschwellen und Schotter, weil sich aus denen kein Geld mehr machen lässt, während das Metall der Schienen wenigstens noch einen Schrottwert hatte. Derartige Überreste einer einst stattlichen Bahninfrastruktur hat Klaus-Dieter Zentgraf bei seinen Erkundungstouren im Wald gefunden.

Schon lange ist der mittlerweile 66-Jährige aus Wilhelmshorst im Land Brandenburg unterwegs und betreibt soziologische Feldforschung in Sachen Eisenbahn. Im Jahrestakt erscheinen dicke kulturpolitische Berichte als eine Art Anklageschrift gegen einer verfehlte Verkehrspolitik. Der erste Bericht befasste sich 2014 mit den Personenbahnhöfen, die fast alle zu Haltepunkten ohne Service und Komfort heruntergekommen sind. Der zweite Bericht widmete sich 2015 den Güterbahnhöfen.

Der dritte Bericht kam nun Ende 2016 heraus und thematisiert die Anschlussgleise zu Fabriken, Militärflughäfen, Braunkohlekraftwerken und Schlachthöfen. Viele dieser Anschlussgleise sind gekappt, weil nach der Wende reihenweise Fabriken dicht gemacht haben, Tagebaue stillgelegt wurden und die sowjetischen Truppen abgezogen sind. Eine Rolle spielt auch die Verlagerung von Verkehr auf die Straßen. Für die Umwelt ist das eine Katastrophe. Gleichzeitig geht mit jedem Meter Bahn auch ein Stück Kulturlandschaft verloren.

Es war schwer, die Fakten zusammenzutragen, beklagt Zentgraf. Nicht allein, weil er seit einem Schlaganfall in seiner Beweglichkeit eingeschränkt ist. Das war natürlich auch ein Problem. Schließlich fiel es dem freiwilligen Feldforscher noch vergleichsweise leicht, mit Zügen Bahnhöfen zu erreichen und sich dort umzusehen. Doch alte Anschlussgleise ablaufen, das dauerte. Ohne die Hilfe von vier Mitautoren wäre die Arbeit gar nicht zu schaffen gewesen. Doch dazu komme, erzählt Zentgraf, dass kein verlässliches Datenmaterial aufzutreiben sei. Niemand habe ihm eine Übersicht der Gleisanschlüsse geben können. Auch die Politik blicke nicht durch, dabei müssten Abgeordneten doch genau Bescheid wissen, wenn sie sachgerechte Entscheidungen über den Bahnverkehr treffen wollen.

Die Autoren beleuchten in dem neuen Bericht wieder ganz verschiedenen Aspekte. Dokumentiert wird beispielsweise, dass etliche Bahnsteige sehr schmal sind. Im Einzelfall bleibe gerade einmal ein 25 Zentimeter breiter Durchlass, wie Zentgraf berichtet. Er hat bei seinen Exkursionen inzwischen immer einen Zollstock dabei und misst nach. Bei seinen Angaben rechnet er den Abschnitt von der Bahnsteigkante bis zur weißen Linie ab. Denn diese Linie dürfe eigentlich nur übertreten werden, wenn der eingefahrene Zug hält. Sonst sei dieser Bereich tabu. Bei 25 Zentimetern Aufenthaltsbereich können sich Fahrgäste nicht aneinander vorbeischieben. Zentgraf schildert auch, wie auf einem schmalen Bahnsteig einmal ein Schnellzug durchrauschte, so dass ihm Angst und Bange wurde.

Vom ersten Teil seiner Serie hat Zentgraf 600 Exemplare verkauft, vom zweiten Teil nur 70. Die Abhandlung über die Güterbahnhöfe habe wenig Beachtung gefunden, nur das »nd« und die »Berliner Zeitung« haben darüber berichtet, bedauert Zentgraf. Er ärgert sich nun, dass er auf die Landtagsabgeordneten Anita Tack (LINKE) hörte. Die habe ihm geraten, erzählt er, im Titel nicht mehr so zuzuspitzen. Der erste Bericht hieß »Friedhof der 1000 Bahnhöfe«, der zweite schlicht »Güterbahnhöfe« statt wie ursprünglich erwogen »Tod der Güterbahnhöfe«. Dies habe kein Interesse geweckt. »Mit Wissenschaft will keiner etwas zu tun haben«, bemerkt Zentgraf resigniert.

Er steckt aber dennoch nicht auf. Dieses Jahr soll mit 220 Seiten ein vierter Band herauskommen, der sich mit Menschen befasst, mit Verkehrspolitikern, Eisenbahnern und Reisenden. In den Jahren 2018 bis 2020 sollen - es ist eine Mammutaufgabe - sechs weitere Bände mit jeweils 500 bis 600 Seiten Umfang erscheinen. Diese Pläne stehen unter der Überschrift: »Die Kulturlandschaft Eisenbahn Land Brandenburg 1838-2100.«

Klaus-Dieter Zentgraf und andere: »Sterben einer Kulturlandschaft. Eisenbahnland Brandenburg«, Edition Winterwork, 232 Seiten, 17 Euro

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