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Qualmende Fabriken am schwarzen Fluss

Bangladesch hat andere Probleme als den Islamischen Staat

  • Von Gilbert Kolonko, Rangpur
  • Lesedauer: 8 Min.

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In Rangpur, im Norden Bangladeschs, «walke» ich durch den Morgennebel – vor 13 Monaten wurde hier der Japaner Kunido Hoshi von Islamisten erschossen, fünf Tage nach dem Mord an einem Italiener in Dhaka – und treffe wie an den letzten Tagen nur auf freundlich grüßende Sportsgenossen mit Bäuchlein. Auf dem Rückweg winken mir wieder knapp 20 Ahmadiyya-Anhänger vom Dach der nahen Moschee zu – ihre gemäßigte muslimische Glaubensgemeinschaft ist in vielen anderen islamischen Ländern verboten.

Spätestens seit einer Geiselnahme im Juli in der Hauptstadt Dhaka, bei der 18 Ausländer von vermeintlichen Anhängern des Islamischen Staates (IS) getötet wurden, ist Bangladesch international als Land des extremistischen Terrors gebrandmarkt. Bis dahin war es für den Internationalen Währungsfonds ein wirtschaftlich aufstrebendes Vorzeigeland.

«In diesem Land sind wir zuerst Bengalen, erst danach Hindus oder Muslime. Bangladesch hat andere Probleme als den IS», sagt Porash, Angestellter einer Nichtregierungsorganisation (NGO), der Daten über das Gesundheitswesen sammelt, und fügt hinzu: «Unsere junge Generation braucht endlich Jobs für den Kopf. Es ist doch nichts Neues, dass einige junge Menschen sowohl im Internet als auch in Moscheen für religiös motivierte Gewalt anfällig werden, wenn man sie ansonsten nicht braucht.»

Auf den Straßen Rangpurs sieht man dagegen, was gebraucht wird: Überall werden Lasten geschleppt, wird gehämmert, gehupt und geschrien. Dass dabei nicht immer Fachkräfte am Werk sind, zeigen kleine Seen auf den Straßen, die nach unabsichtlich getroffenen Wasserleitungen entstanden sind.

Auch Studien von Organisationen, die Bangladesch exzellente Wirtschaftszahlen attestieren, wie die deutsche Kreditanstalt für Wiederaufbau, merken an, dass es dem Land in allen Bereichen an Spezialisten fehlt. Das schafft Misstrauen. So gibt es gegenwärtig Kontrollen von Regierungsneubauten. Es besteht der Verdacht, dass Bauunternehmen für die Betonfüllungen Bambus statt Stahl verwendet haben. Wer die schnell und unkontrolliert wachsenden Städte im Land sieht, mag nicht daran denken, dass Bangladesch von jenem schweren Erdbeben heimgesucht werden könnte, das von Wissenschaftlern vorausgesagt wird.

Dass auch die Demokratie in Bangladesch auf wackligen Füßen steht, sprach der Vorsitzende von Transparency International Bangladesch an. Dr. Iftekharuzzaman nannte das hiesige Parlament ein Puppentheater – bei einer Wahlbeteiligung von nur 22 Prozent wurden 154 der 300 Abgeordneten ohne Gegenkandidaten ins Parlament gewählt, da die Opposition die Wahlen 2014 boykottierte.
Noch schlimmer wurde es bei den diesjährigen Kommunalwahlen in den 68 000 Kommunen Bangladeschs: Durch Gewalttaten, vornehmlich verübt von Schlägertrupps der Regierungskandidaten, kamen 117 Menschen ums Leben.

Doch die Aufrufe der Opposition zum Generalstreik ignoriert die Bevölkerung mittlerweile. «Ich bin völlig desillusioniert von der Politik», sagt stellvertretend für ein Dutzend andere, die ich gesprochen habe, ein kleiner Restaurant-Besitzer. «Seit mehr als 30 Jahren bekriegen sich die beiden großen Damen unseres Landes – Ministerpräsidentin Scheich Hasina Wajed und die Oppositionsführerin und ehemalige Regierungschefin Begum Khaleda Zia – auf unsere Kosten. Nicht einmal unser Yunus kann sich dagegen wehren.»

Der im Volk überaus beliebte Muhammad Yunus, der für seine Idee der Mikrokredite 2006 den Friedensnobelpreis bekam, wurde von Hasina Wajed kaltgestellt, seine Grameen-Bank wird mittlerweile vom Staat kontrolliert. Hasina hatte es Yunus nicht verziehen, dass er 2007 in die Politik wechseln wollte.

«Ja, auf dem Papier sorgt sich die Regierung um die Bevölkerung. Und im Gesundheitswesen wird tatsächlich mehr Geld investiert, aber es braucht auch fähige Mitarbeiter vor Ort», sagt der engagierte NGO-Arbeiter Porash und nimmt mich drei Tage mit auf seine tägliche Tour durch die städtischen Krankenhäuser und die Gesundheitszentren in der ländlichen Umgebung Rangpurs.

Ich sehe viele neue Klinikgebäude, von denen die meisten Räume verwaist sind. Wenn wir Personal antreffen, ist es völlig überfordert, Porashs Fragen zu beantworten. Patientenakten sind unvollständig oder fehlen gänzlich. Oft stehen wir auch vor geschlossenen Gebäuden.

Eine der wenigen jüngeren Führungskräfte treffen wir im Krankenhaus in Upazila an. Seit vier Jahren ist Direktor Udin hier im Amt, doch seine optimistischen Aussagen stehen im Kontrast zu dem, was ich sehe. Sogar einen streunenden Hund treffen wir in einem der leeren Behandlungszimmer.

Porash nimmt den Direktor trotzdem in Schutz: «Er ist einer der wenigen Staatsdiener, der Fachwissen mitbringt und seine Stelle nicht durch Korruption bekommen hat. Mittlere Regierungsstellen mit einem Gehalt von 25 000 Taka (etwa 300 Euro) werden mit zwölf Lakh Taka gehandelt (etwa 15 000 Euro). Diese »Investition« holen sich die Beamten, dann durch Handaufhalten zurück.»

Von den Dorfbewohnern sehe ich vor allem die Frauen. Trotz des Baubooms im nahen Rangpur arbeiten die meisten Männer in den Fabriken Dhakas oder im Ausland, vorwiegend in Malaysia oder den Staaten am Persischen Golf. Jedes Jahr werden etwa 3500 Bangladeschis in Blechsärgen aus dem Ausland nach Hause geschickt – Todesursache in der Regel unbekannt.

In einem der Dörfer führt mich Porash durch verwinkelte Gassen zu einem Platz, wo Dutzende Frauen in ihren bunten Saris sitzen. Dank der nahen Tabakfabriken, dürfen auch sie am Aufschwung mitwirken: Sie drehen hier übliche Zigaretten, Bidies genannt. Für 1000 Stück bekommen sie 7 Taka (8 Cent) – eine gute Dreherin verdient so in einer Stunde 16 Cent: «In diesem Dorf ist die Rate der Schwangerschaftsabbrüche besonders hoch. Die Frauen wissen um die Gefahr für ihren Arbeitsplatz», erläutert Porash.

Ein paar Hundert Kilometer südöstlich in der Teegegend Srimangal sind die, die den Tee pflücken, ebenfalls Frauen. Wenn sie ihr Tagessoll von 15 Kilo Teeblättern erfüllt haben, zahlen die mittlerweile vorwiegend einheimischen Teelords den Frauen 70 Takas aus. Dafür bekommt man hier einen Liter Milch. Die Begründung der «Lords» für den mickrigen Lohn: «Der Preiskampf auf dem internationalen Markt.»

Auch in der 18 Millionen-Einwohner-Metropole Dhaka fühle ich keine Bedrohung. Stattdessen gibt es liebenswürdige «How are you?»-Anreden, hundertfach am Tag, auch von den farbenfroh gekleideten Frauen. Die Geiselnahme im Diplomatenviertel der Hauptstadt, wie die Morde an den Ausländern, waren keine spontanen Übergriffe, sondern, wie Ermittlungen gezeigt haben, lange geplant. Auch der Japaner Hoshi wurde erst wochenlang in Rangpur observiert, bevor die Attentäter zuschlugen. Fast alle Täter stammten aus der mittleren und oberen Schicht des Landes und besaßen höhere Schulbildung.

In einem muss man der Regierung Recht geben. Es gibt keine Anzeichen, dass der IS in Bangladesch Fuß gefasst hat. Alle Täter hatten lokale Wurzeln und hätten die Morde wohl auch ohne den IS ausgeführt. Gerade deswegen trägt die Regierung eine Mitschuld.

Seit dem Jahr 2013 gibt es in Bangladesch verstärkt Angriffe auf liberale Publizisten und religiöse Minderheiten. Im selben Jahr wurden die ersten Urteile in den Prozessen wegen der Kriegsverbrechen im Unabhängigkeitskampf 1971 mit Pakistan gesprochen. Mehrere Führer der islamischen Oppositionspartei Jamaa-e-Islami wurden zum Tode verurteilt, weil sie der pakistanischen Armee geholfen haben sollen. Es besteht kein Zweifel, dass die Mehrheit der Bevölkerung hinter diesen Urteilen steht; auch dass Pakistan die Jamaat bis heute unterstützt.

Ebenso wenig Zweifel gibt es aber daran, dass Hasina die Prozesse nutzte, um unliebsame politische Gegner zu beseitigen. Die Verfahren wurden von den meisten Regierungen wie von Menschenrechtsorganisationen als nicht fair eingestuft. 2013 wurde der Jamaat dann auch die Teilnahme an den anstehenden Wahlen untersagt. Viele ihrer Mitglieder tauchten ab in den Untergrund, um der Verhaftung zu entgehen.

Den Dhaka-Besuchern macht aber anderes zu schaffen. In der Altstadt leben bis zu 135 000 Menschen pro Quadratkilometer – die Straßen sind derart mit Lastenträgern, dauerhupenden Autos und schwer beladenen Rikschas verstopft, dass ein 500 Meter langer Fußweg schon einmal ein halbe Stunde dauern kann.

Am pechschwarzen Buriganga-Fluss, der durch Dhaka fließt, reiht sich weiterhin eine qualmende Wellblech-Minifabrik an die nächste. Ein Geschäftsmann, der mich für einen ausländischen Kollegen hielt, sagte zu mir: «Wenn Sie nicht wissen, in was Sie investieren sollen, schauen Sie einfach, was bei ihnen in Deutschland in der Produktion zu teuer oder wegen Umweltauflagen verboten ist.»

Die 200 Ledergerbereien in Hazaribagh leiten täglich mehr als 20 000 Liter chromverseuchtes Abwasser in den Buriganga, obwohl das Oberste Gericht schon 2008 die Umsiedlung der Gerbereien anordnete. Hasina, die mit Hilfe dieses Gerichts Yunus aus seiner Grameen-Bank geschmissen hatte, erklärte nun, betrübt zu sein angesichts der Umweltschäden, aber machtlos gegenüber den stoischen Fabrikbesitzern…

Wieder in Rangpur spreche ich mit Modhushadun, Vorsitzender eines linken Jugendverbandes im Distrikt. «Dank der Fortschritte in der Landwirtschaft kann Bangladesch sich mittlerweile selbst ernähren. Außerhalb Dhakas fahren unsere Auto-Rikschas bereits mit Elektromotoren. Wir brauchen keine selbstzerstörerischen Industrien, die den Menschen einen Hungerlohn bescheren, aber die Reichen immer reicher machen.» Bangladesch, so sagte er, bringe es schon auf etwa 50 000 Dollar-Millionäre. Dafür gebe es Umweltschäden, für die man später einmal teuer zu bezahlen hätte. «Wir müssen endlich anfangen, nachhaltig zu planen und das geistige Potenzial der jungen Generation nutzen, erklärt Modhushadun.

Für den nächsten Tag lädt er mich zu einer Demonstration gegen ein geplantes Kohle-Kraftwerk in den Sundarbans ein. Diese Mangrovenwälder im Südwesten des Landes sind nicht nur ein Rückzugsgebiet für viele Tierarten, sondern schützen auch das Festland vor dem Einsickern von Meerwasser in die Flüsse. Experten warnen, dass bis zu 20 Prozent der Fläche Bangladeschs durch Versalzung als Lebensraum verloren gehen könnten.

Im Schatten auf dem Bürgersteig einer Hauptstraße stehen und sitzen etwa 30 junge Menschen und ein pensionierter Professor. Man hält Plakate hoch, beinahe jeder darf mal ans Mikrofon. Doch wegen des Verkehrslärms ist kaum etwas zu verstehen. Auf der anderen Straßenseite rennt plötzlich ein Dutzend junger Anhänger von Khaleda Zias oppositioneller Bangladesh Nationalist Party (BNP) vom Bürgersteig fahnenschwenkend auf die Straße zwischen die Autos. Doch haben sie nicht mit den Polizisten gerechnet, die die Umwelt-Demo beaufsichtigen. Mit ihren Gewehren rennen diese in den Pulk der BNP-Anhänger und treten ein paar von ihnen brutal die Beine weg. Zwei der Jugendlichen werden dann als »Arbeitsnachweis« verhaftet und in einen Polizeiwagen verfrachtet.

»Auf dich muss das alles sehr deprimierend wirken«, sagt Porash und setzt dann mit seinem optimistischen Lachen hinzu: » Aber überall in Bangladesch demonstrieren heute kleine Gruppen engagierter Menschen. demnächst werden sie alle bei einer großen Demonstration in Dhaka zusammenkommen. Dann werden wir, die Zivilbevölkerung, mal zu einem Generalstreik aufrufen – für den Erhalt der Sundarbans.«

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