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Zeichnungen der Gegenwart

»Hegenbarth + 14« - in der Galerie Parterre

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Die Zeichnung versteht sich als unmittelbare Wahrnehmung dessen, was der Künstler spontan einfängt oder sich vorstellt. Es wird etwas festgehalten, was nur in diesem einen Augenblick so und nicht anders existiert. Als knappe Verkürzung auf das Wesentliche kann sich ihre Aussage dabei bis zur Chiffre verdichten. Durch Reduktion der Form mitunter bis zum Andeuten einiger weniger Striche ist der Zeichnung das Fragmentarische eigen. Einmal aber aufs Papier geworfen, überdauert das festgehaltene Sujet Künstler und Zeiten und gibt zugleich Aufschluss über den besonderen Zustand des Künstlers, in dem er sich befunden hat, seine Sichtweise, seine künstlerische Methode.

Dieser Beziehung von »Moment und Dauer«, von der Flüchtigkeit des Augenblicks und dem Bleibenden, der Substanz der Zeichnung geht die Ausstellung »Hegenbarth + 14« der Galerie Parterre in Zusammenarbeit mit dem Berliner Kabinett e.V. nach. Um ein ganzes Konvolut von Blättern Josef Hegenbarths aus der Hegenbarth Sammlung Berlin gruppieren sich Zeitgenossen des Künstlers wie Otto Dix, Karl Hubbuch, Wilhelm Rudolph oder Fritz Wrampe wie auch Nachfolgende von Horst Janssen, Egmont Schaefer, Dieter Goltzsche, Joachim John bis Marc Gröszer, Laura Bruce, Agnes Grambow, Michael Kutzner und Micha Reich. Das mag auf den ersten Blick ziemlich willkürlich erscheinen, ist aber eben als eine subjektiv getroffene Auswahl zu verstehen. Und wenn damit die Künstler und ihre Blätter in neue, ungewohnte Beziehungen gestellt werden können, sich dabei neue Aspekte der Betrachtung eröffnen, kann das auf jeden Fall ein Gewinn sein.

An Blättern zur Bibel und zur Literatur, zum Zirkus, zum Zoo und zum Karneval, zum Kaffeehaus, zu Passanten, Porträts, aber auch an einzigartigen Tierdarstellungen kann hier Hegenbarths Virtuosität als exzellenter Zeichner, die durchgeistigte Sinnlichkeit der auf Wesentliches konzentrierten Illustrationen über den Schaffenszeitraum von mehreren Jahrzehnten eindrucksvoll erlebt und studiert werden. Dabei hielt sich der Dresdner Künstler jeweils nur an das Motiv, die Szenerie ringsum erfand er sich selbst. Der »Zug ins Groteske« musste sich bei Hegenbarth, wie er selbst gestand, im »leichten Erschrecken« über die Wirklichkeit erschöpfen. Dabei ging es ihm bei seinen Darstellungen nicht so sehr um Psychologie als vielmehr um den physiognomischen Ausdruck. Und dann wiederum wandelt sich die Individualität zum Typus, und das Groteske hält nun auch Einzug ins Porträt.

Otto Dix’ drastisch zupackende Formulierung kommt in seinem Hegenbarth-Porträt (1961, Bleistift auf Papier) zum Ausdruck. Es zeigt einen kahlen Schädel, die tiefliegenden Augen, die halbgeschlossenen Lider, die plastisch modellierten Gesichtszüge verleihen dem Porträtierten eine in sich ruhende, nachdenkende, aber dennoch selbstbewusste Kraft. Neben Grosz und Dix zählt Hubbuch zu den prominenten Vertretern des Verismus und der Neuen Sachlichkeit, einer gegenstandsbezogenen, genau beobachtenden Bildsprache. In einer oftmals fragmentierenden und reflexartigen Form des Bildes wird die Schnelllebigkeit des Gegenwärtigen gefeiert.

Fritz Wrampe, der nach Depressionen immer wieder sein eigenes Werk zerstörte, gibt in seinen Zeichnungen aus einer rückblickenden »Innenschau« spontane persönliche Erlebnisse, auch aus seinen obsessiven Beobachtungen entstandene Sujets, wieder. So rücksichtslos Wilhelm Rudolph das armselige und elende Dasein des alten »Lumpensammlers« (um 1935) enthüllt, so sehr strebt er im Dresdner Stadt- und Landschaftsbild nach Weite, lässt er Straßen sich tief in den Hintergrund ziehen, gibt er Plätzen bedeutende Ausmaße. Egmont Schaefer wiederum hat zwar das mitunter schrille und farbenfrohe Leben der Metropole Berlin festgehalten, doch entstammen seine Zeichnungen vorwiegend seiner künstlerischen Phantasie, topographische Genauigkeit hat er nicht angestrebt.

Laura Bruce irritiert mit ihren großformatigen Landschaften, in denen »Magisches passieren kann, wo nichts sicher oder vorhersagbar ist«, wie sie sagt. Bei Dieter Goltzsche löst sich dagegen die gegenständliche Welt in Chiffren und Hinweisen auf, die den deutungswilligen Betrachter in wahre Labyrinthe führen. Immer bleiben Bildreste, instabile, schwebende Strukturen, Linien, die sich umschlingen und sich dann im Ungewissen verlieren.

Nicht immer erschließen sich die Arbeiten von selbst. Warum gerade Horst Janssens Vorzeichnungen für den Radierzyklus von »Laokoon« (1986), einer sinnbildlich aufgeladenen grafischen Verschlingung von Körpern und Pflanzen, gezeigt werden, hätte doch der Kommentierung bedurft. Sie sind ohne Kenntnis der kurzen Liebesgeschichte, die von Janssen wie alles, was er tat, obsessiv betrieben wurde, nicht zu verstehen. Vielleicht wäre eines seiner Selbstbildnisse, in dessen Verzerrungen der Künstler dem abgründigen Selbst nachspürt, überzeugender gewesen.

»Moment und Dauer. Hegenbarth + 14.« Bis 29. Januar, Mi - So 13 - 21, Do 10 - 22 Uhr, Galerie Parterre, Danziger Str. 101, Prenzlauer Berg. Arbeitsheft XIV 18 Euro.

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