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Alte Kohlemeiler ohne Zukunft

Eine neue Studie zeigt Möglichkeiten des Kohleausstiegs ohne Strukturbrüche auf

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Ein Limit von zwei Grad Celsius bei der Erderwärmung? Soll diese Grenze mit einer Wahrscheinlichkeit von mehr als 50 Prozent eingehalten werden, darf die Welt noch 890 Gigatonnen Kohlendioxid ausstoßen. Entsprechend seinem Anteil an der Weltbevölkerung bleibt für Deutschland, gerechnet ab 2015, noch ein Budget von knapp zehn Milliarden Tonnen des Treibhausgases - und für den deutschen Stromsektor eines von rund vier Milliarden Tonnen.

Das ist das Ergebnis der neuesten Studie zum Kohleausstieg, die die Umweltorganisation WWF beim Ökoinstitut und dem Wirtschaftsforschungsinstitut Prognos in Auftrag gegeben hatte. Das Fazit ist unmissverständlich: Bleibt es bei den jetzigen Klimaschutzplänen der Bundesregierung, wäre das vier Milliarden-Tonnen-Budget im Jahr 2028 aufgebraucht. Theoretisch müssten dann alle noch laufenden fossilen Kraftwerke auf einmal abgeschaltet werden.

Weil das niemand wollen kann und ein möglichst stetiger Kohleausstieg außerdem die geringsten Kosten produziert, schlagen die beiden Institute vor, den Vorgang unter zwei Vorgaben zu stellen: Ab 2019 werden alle Kohlekraftwerke stillgelegt, die dann eine Laufzeit von 30 Jahren erreicht haben oder danach erreichen. Bei den jüngeren Anlagen müssen die Betreiber ab dem 21. Betriebsjahr die Emissionen übers Jahr gerechnet im Durchschnitt bei 450 Gramm je Kilowattstunde halten.

Die Kombination aus Alters- und Emissionsgrenze nimmt zunächst die ältesten, meist noch in den 1970er Jahren gebauten Kohlekraftwerke aus dem Rennen - bis 2020 rund 9000 Megawatt Braunkohle- und 8000 Megawatt Steinkohleverstromung. Danach flacht die Auslaufkurve deutlich ab: Von 2020 bis 2025 würden vor allem ältere Steinkohlekraftwerke mit 2500 Megawatt Leistung sowie dann folgend bis 2030 rund 3500 Megawatt Leistung bei Braunkohle und 400 Megawatt bei Steinkohle vom Netz gehen. Danach erst käme dann das Aus für die moderneren Anlagen: bis 2035 für 5700 Megawatt bei Braunkohle und 7700 Megawatt bei Steinkohle. Der Kohleausstieg wäre vollzogen und das Vier-Milliarden-Emissionsbudget eingehalten.

Die umfassende Abschaltung der älteren Kohlemeiler und der damit verbundene enorme Einspareffekt am Anfang, erklärt Felix Matthes vom Öko-Institut, diene insbesondere dazu, »Zeit zu kaufen«. Wenn die moderneren Kohlekraftwerke noch eine Zeit lang liefen, vermeide man zum einen die befürchteten Strukturbrüche, zum anderen könne genügend erneuerbare Stromerzeugung aufgebaut werden.

Um zu verhindern, dass zu viele fossil betriebene Gaskraftwerke oder gar Importe von Kohle- oder Atomstrom an die Stelle des deutschen Kohlestroms treten, sieht das Auslaufkonzept einen Zubau beim Ökostrom mindestens auf dem Niveau des Erneuerbare-Energien-Gesetzes 2014 mit 2500 Megawatt jährlich vor.

Genau besehen, so der Tenor der Studie, befindet sich Deutschland beim Kohleausstieg in einer recht komfortablen Lage: Dank der enormen Stromüberschüsse - 2016 wurde wiederum eine Rekordmenge von 52 Terawattstunden exportiert - hat die Bundesrepublik bei der Kohle einen Handlungsspielraum, ohne gleich die Versorgungssicherheit zu gefährden.

Im Vergleich zu Studien zum Kohleausstieg, die andere Umweltverbände vorgelegt haben, hat die Braunkohle bei dem neuen Vorstoß eine recht lange Zukunft - ein »Weiter-So« kann es aber nicht geben. Selbst wenn nur die Braunkohle, deren Abbau jetzt schon genehmigt ist, in die Kraftwerke wanderte, entstünden Matthes zufolge 3,1 Milliarden Tonnen Kohlendioxid. Das Szenario von Öko-Institut und Prognos billigt dem Braunkohlestrom aber höchstens noch Emissionen von 1,3 bis 1,4 Milliarden Tonnen zu.

Die Forderung, dass keine neuen Tagebaue mehr genehmigt und bereits laufende nicht erweitert werden dürften, ist schon fast selbstverständlich. Die 1,3 bis 1,4 Milliarden Tonnen bedeuten allerdings auch, so Matthes weiter, dass durch die Förderung nicht mehr alle für die spätere Renaturierung nötigen Rückstellungen erwirtschaftet werden können. Mit Haltungen wie die der Brandenburger Landesregierung, sich der Auslaufdebatte zu verweigern, kann der Energieökonom wenig anfangen. Dies sei eine Verleugnung der Probleme. »Am Ende des Tages wird sich niemand in Deutschland dem Megatrend Kohleausstieg verschließen können«, sagt er.

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