Werbung

Unbändiger Bock aufs Böckl

Begegnung mit einem besonderen Sportgerät auf dem Kronplatz in Südtirol

  • Von Stephan Brünjes
  • Lesedauer: 5 Min.

Bei uns droht die ABOkalypse!

Wir brauchen zahlende Digitalleser/innen.

Unterstütze uns und überlasse die Informationsflanke nicht den Rechten!

Mach mit! Dein freiwilliger, regelmäßiger Beitrag:

Was soll das sein

Wir setzen ab sofort noch stärker auf die Einsicht der Leser*innen, dass linker Journalismus auch im Internet nicht gratis zu haben ist – mit unserer »sanften« nd-Zahlschranke.

Wir blenden einen Banner über jedem Artikel ein, verbunden mit der Aufforderung sich doch an der Finanzierung und Sicherstellung von unabhängigem linkem Journalismus zu beteiligen. Ein geeigneter Weg besonders für nd-Online-User, die kein Abo abschließen möchten, die Existenz des »nd« aber unterstützen wollen.

Sie können den zu zahlenden Betrag und die Laufzeit frei wählen - damit sichern Sie auch weiterhin linken Journalismus.

Aber: Für die Nutzung von ndPlus und E-Paper benötigen Sie ein reguläres Digitalabo.

Zuerst sind da diese beiden Jungs unterm Sessellift: Wie wendige Eichhörnchen wuseln sie zwischen den Skifahrern durch, merkwürdig geduckt. Aber worauf eigentlich? Ein zweiter, flüchtiger Blick schafft etwas Klarheit. Jeder von ihnen sitzt offenbar auf einem Ski. Doch der Sessellift schaukelt zu schnell aufwärts, daher bleibt für ein präziseres Luftbild dieser merkwürdigen Brettl-Hocker keine Zeit. Vorerst.

Oben angekommen bannt der Kronplatz in Südtirol fast magnetisch alle Blicke aussteigender Neuankömmlinge. Wo gibt’s das schon - ein 2275 Meter hoch gelegenes, tief verschneites Plateau, auf das bequem fünf, sechs Fußballplätze passen? Mit Gipfelrestaurant im Bahnhofshallenformat, Apres-Skihütten, einer kleinen Kapelle und einer 18 Tonnen schweren, drei Meter hohen Friedensglocke. Die läutet mittags kurz nach zwölf Uhr und immer wenn irgendwo auf der Welt die Todesstrafe abgeschafft oder ein Krieg beendet wird. »Dat is de Jipfel!«, entweicht es Jupp aus Bergisch-Gladbach angesichts dieser Szenerie überwältigt. Er sieht aus wie ein Double von Hobbythek-Moderator Jean Pütz, ist - ausweislich seines dicht bedruckten Overalls - erstens »Chefboss« einer rheinischen Skitruppe namens »De Jecken« und hat zweitens mit dieser offenbar schon viele Skigebiete unsicher gemacht.

Einer Südtiroler Sage nach soll hier oben Prinzessin Dolasilla gekrönt worden sein und dem Plateau seinen Namen gegeben haben. Die heutigen Kronjuwelen dieses Skigebiets sind seine Pisten, deren Breite eine sechsspurige Autobahn spielend übertrifft. Enge Kurven? Schmale Ziehwege? »Hier jibbet nur Highways«, freut sich Jupp - »joot präpariert«. In nahezu alle Himmelsrichtungen schwingen die Abfahrten vom Kronplatz hinunter. »Sylvester« und »Hernegg« etwa, zwei schwarze Pisten mit atemberaubendem Weitwinkel-Talblick nach Bruneck - die ideale Strecke für alle, die nach fünf Kilometern Steilwandcarving an der Talstation ihre brennenden Oberschenkel spüren wollen - so wie die rheinischen Jecken.

Richtung Olang hingegen geht’s auf blauen und roten Hängen gemächlicher runter. Unten im gleichnamigen Ort dann die nächste Begegnung mit der dritten Art: Nicht Alpin-Ski, nicht Langläufer, sondern wieder so ein Sitzflitzer. Diesmal noch vorm Start, also nichts wie hin, um hinter das Geheimnis zu kommen. Paul Sapelza strahlt, als er auf sein Sportgerät angesprochen wird und präsentiert es stolz: Aha, ein Kinderski also, hinten abgesägt, mit drauf geschraubtem Hocker und zwei Griffen am Sitz. »Der Böckl«, erklärt Paul, »ursprünglich das einheimische Wort für den Melkschemel.« Und schon hockt der Mittfünfziger drauf: »Vor 50, 60 Jahren hatten viele Bauern kein Geld für Ski und haben sich stattdessen die wendigen Böckl selbst gebastelt, um damit über verschneite Waldwege ins Tal zu fahren.« Genau das tut Paul, der Bergführer heute wieder: Bei seinen Schneeschuhtouren schnallt jeder Wanderer so einen etwa zwei Kilo schweren Böckl auf den Rucksack und genießt nach schweißtreibendem Aufstieg die Abfahrt - »zunächst mit skeptischem Blick und zusammengekniffenen Lippen, dann mit unbeschwertem Kinderlachen im Gesicht«, verrät Paul.

Er stapft in den Tiefschnee davon, mit einem verschmitzten »Servus« und dem Hinweis, Olang sei übrigens so eine Art Kitzbühel im Bonsaistil für Böcklflitzer. Zum einen wegen der »Fire & Ice Skishow« an der Talstation, jeden Donnerstagabend ab 18 Uhr - hier düsen auch Böcklfahrer halsbrecherisch den Hang hinab. Und dann ist da - in unregelmäßigen Abständen - noch ein reines Böcklrennen, quasi der Hahnenkamm für Hocker-Herminatoren. Bis zu 300 Teilnehmer - Kinder und Jugendliche, Frauen und Männer - rasen da in verschiedenen Startkategorien die Panoramapiste runter, und anschließend steigt die große Böcklparty - fast wie im Weltcupzirkus. Nur lustiger. Da ist etwa das Racingteam Steinhäuser am Start - mit selbst gebautem, komplett aus Carbon bestehenden Hightechbock. Oder Böckl mit Originalteilen einer Harley Davidson. Und das Traditionsrennteam »Die geilen Böcke«, modisch auch abseits der Piste ganz vorn, in kohlrabenschwarzen Rennoveralls. Darunter tragen sie angeblich nichts, »damit man früh morgens nach der Böcklparty schnell angezogen ist, falls man aus einem fremden Bett flüchten muss und damit man dortselbst abends schnell ausgezogen ist…«, wie es auf ihrer Internetseite heißt. Ins Rennen stürzen sich »die geilen Böcke« auf gut gepolsterten Böckln und mit einem Schrei, den sie selbst als verunglückten Jodelversuch gepaart mit Operngesang bezeichnen.

Wieder hoch ins weitläufige Skigebiet Kronplatz geht’s in einer modernen Stehgondel, quasi die Hauptverkehrsmittel hier, weil sie große Massen von Skifahrern und Snowboardern flott bergwärts transportieren. Schlepp- und Sessellifte gibt’s gar nicht mehr, Warteschlangen kaum. Verbesserungswürdig dagegen sind noch die Pistenpläne: Insgesamt drei existieren, einer davon scheint nach dem Prinzip des Zahlenmemorys zu funktionieren: Lifte sind mit Nummern gekennzeichnet, die muss man sich merken, um sie dann in einer Liste zu suchen und den danebenstehenden Liftnamen zu lesen.

Zeit für eine entspannte Mittagspause, bitte garantiert DJ-Ötzi-frei! Kein Problem in St. Vigil, dem ruhigsten Ort am Kronplatz. Auf der sonnenüberfluteten Terrasse der Hütte »Col d’l Ancona« spielt das »Quartetto Desueto« mal coolen Jazz, mal »Country Roads« quasi als akustische Sättigungsbeilage zu Spinatknödeln und Käsenocken.

Diese höchst gehaltvollen Köstlichkeiten sollten eigentlich eine länger anhaltende mittägliche Ruhephase auslösen, wäre da nicht eine Selbstversuchsidee - dieser unbändige Bock aufs Böckl. Einmal selber auf so einem Teil die Hänge runterzischen! Markus macht’s möglich: Der Skilehrer zeigt Neigetechnikkurvenfahrten, bei denen ICE-Konstrukteure staunen würden, Turbobeschleunigung durch extreme Rücklage und die Skistiefelsofortbremse. Nach fünf Minuten hat jeder bei Fahrlehrer Markus den Böckl-Führerschein und rasiert mit seinen Kinderskikanten quietschvergnügt den »Glatzkopf«, so der Spitzname von Einheimischen für den Kronplatz, diesen einmalig eiförmigen Sonnenberg unter den Skigebieten.

Infos

Böckl-Touren: Im Rahmen von Schneeschuh-wanderungen mit Paul Sapelza: www.alpinschule.com

Schnupperstunden bietet auch die Skischule Kron an. www.skischule-olang.it

Touristische Infos Ferienregion Kronplatz: www.kronplatz.com

ndPlus

Ein kleiner aber feiner Teil unseres Angebots steht nur Abonnenten in voller Länge zur Verfügung. Mit Ihrem Abo haben Sie Vollzugriff auf sämtliche Artikel seit 1990 und helfen mit, das Online-Angebot des nd mit so vielen frei verfügbaren Artikeln wie möglich finanziell zu sichern.

Testzugang sichern!

9 Ausgaben für nur 9 €

Jetzt nd.DieWoche testen!

9 Samstage die Wochenendzeitung bequem frei Haus.

Hier bestellen