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Wenn das Ziel explodiert

Das Gemüts-Gebot der Zeit: Erhabenheit oder Ironie? Idealismus oder Entzauberung?

  • Von Hans-Dieter Schütt
  • Lesedauer: 7 Min.

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Wer in diesen Zeiten zugibt, von einer Sache, einem Erlebnis tief ergriffen worden zu sein, macht sich leicht verdächtig. Die Szene gehört dem ausgeglühten Urteil. Das Rationale hat Meinungshoheit. Die Neigung zum Abschwören erzielt in der Öffentlichkeit bessere Zensuren als das Pathos der Bejahungskräfte.

In politischen Talkshows zum Beispiel sind Verächtlichmachung und Demontage oft genug die Zeichen einer forschen Selbstbehauptung, die dem suchenden, leise vorgetragenen Argument so gründlich abgeschworen hat wie dem gegenseitigen Respekt. Es gibt eine Vertreibung der Ernsthaftigkeit. Nur was heruntergemacht wird, hat Aufstiegschancen. Eine tollgewordene Kleinwirtschaft der immer ironischer werdenden Verneinungen zerklüftet das allgemeine Denken. Das Erhabene wurde zum Krampf und ist der Lächerlichkeit preisgegeben.

Dieses Erhabene trug einst den Namen Aufklärung. Aus den Hoffnungen der kollektiven Utopien ist auf den geschichtlichen Wegen speziell durchs 20. Jahrhundert ein negativer Erfahrungsüberschuss geworden, der das böse Erwachen inzwischen anempfiehlt, bevor uns eine Illusion überhaupt noch träumerisch umfangen kann. Dem ungeduldigen Wunsch von der Veränderung der Welt folgte die nüchterne Langmut, diese Welt ertragen zu müssen. Galt Zeus noch als jemand, der sich von oben freundlich zu Kleinigkeiten herabließ, so reüssieren als heutige Götter der Souveränität vorrangig jene, denen der Blick aufs Ganze nichts mehr bedeutet, die ihn sogar fürchten, sich aber trotzdem herablassen - aber dies nicht freundlich, sondern so kaltherzig wie möglich.

Wir leben im Zustand der Entbindungen. Es gibt kein Zentrum mehr, in dem sich ruhen ließe. Das befreit. Aber daraus ergab sich auch der bedenkliche moralische Status quo des letzten Bürgers. Aus jeglichem Geschäftsinteresse, das an den Tag zu legen ist, steigt die Angst vor all dem, was die Schutzhaut durchbohren, unser Inneres erkennen lassen könnte. Die Ironie tobt sich frei. Ironie kommt aus dem griechischen »eironeia« - Verstellung.

Überall tummelt sich, was der Philosoph Peter Sloterdijk das vereinzelte In-der-Welt-Sein nennt. Schon der Wille des Menschen zum Gutsein erscheint »dem wilden Selbst wie eine schale Maske«. Erlöser aller Art haben uns nur immer verschieden auf die Freiheit vorbereitet, es kommt aber längst darauf an, sie als erreichte vorzutäuschen. »Das souveräne Individuum, noch arme Sau, und doch schon Modekönig«, so Sloterdijk. Das westliche Lebensgefühl sei sowieso ein ironisches, sagt der Soziologe Heinz Bude - im Osten dagegen herrsche ein tragisches. Wahrscheinlich, weil der Osten eine jahrhundertealte Welt an Bruchstellen ist. Ein unwandelbarer Ort zwischen gedrücktem Sein und höherer Sehnsucht. Ein unablässiges Ziehen in der Herzgegend, dessen Kardiogramm sich von den Romanen Dostojewskis und Joseph Roths bis in die Erzählungen Wolfgang Hilbigs zieht.

Wir existieren auf einer Erde, die uns täglich eine Haltung zu unerträglichen Widersprüchen abfordert. In solcher Lage suchen Unzufriedenheiten nach einem Ausdruck, besinnt sich der Mensch möglicherweise auf sein kritisches Potenzial. Das ist die Anstrengung, die geboten ist, aber darauf antwortet immer wieder und immer verstärkter eine blöde Verlockung: jene flachste Ironie, die beruhigt, abkühlt, zynisch macht. Die anstrengungslos ist. Die sich ungezielt gegen alles und gegen jeden wendet, aber nichts von einem selber fordert. Lediglich in der Form von Hohn und Widerruf scheinen Anspielungen auf die Hochsitten humaner Kultur noch erträglich. Hartgesottene Klugheit hält alles Positive a priori für Betrug und ist nur noch darauf aus, sich irgendwie durchzubringen. In der neuironischen Attitüde vollenden sich weltgeschichtliche Lernprozesse der Bitterkeit, sie haben die Spuren der Tauschkälte und der Selbstdementierung in unsere erfahrungskranken Bewusstseinswelten eingebrannt.

Dieses Zeitalter einer jeden Sinn zersetzenden Ironisierung findet also bereitwillige Diener gerade in Menschen, die ihre Enttäuschung über einen geschichtlichen Kollaps nicht in Geduld und ihre Erregung über einen Verlust nicht in die Bescheidenheit des Gereiftseins überführen können. Die stattdessen nun schrill und verächtlich die Ideale per se verspotten, sich gar zu schämen scheinen, je mit größeren Hoffnungen schwanger gewesen zu sein. Als müsse sich der Hoffnung entledigen, wer nun mit einem Bewusstsein des Schmerzes lebt. Als vertrüge sich Hoffnung nicht mit Entzauberung.

»Was darf ich hoffen?« fragt Kant in der »Kritik der reinen Vernunft«, und Hoffnung ist hier das Gegenteil einer blind optimistischen Anschauung der Welt. Wahre Hoffnung setzt die Zerrissenheit einer unverhüllt gelebten und erlittenen Existenz voraus, um überhaupt ein unstillbares Bedürfnis nach Erlösung ausbilden zu können. Da ist im Übrigen wieder an diesen osteuropäischen Kredit an Ernst, Tragik und geschichtlicher Weisheit zu denken, den der Westen aufnehmen könnte, um heilsam etwas zu erfahren von einer Zukunft, die auch ihn längst heimsuchte.

Hoffnung ist: vollkommene Kenntnis der Dinge, und das meint den offenen Blick für das, was die Dinge sind, was sie scheinen und wie sie werden müssen, um möglicherweise ihrer vollen, noch nicht entfalteten Wirklichkeit zu entsprechen. Denn hinter jeder Realität steckt eine noch ganz andere Möglichkeit, »die aus dem Kerker des gerade Existierenden befreit werden muss«, so der italienische Essayist Claudio Magris. Hoffnung ist demnach jene Projektion nach vorn, die eine Versöhnung mit dem, was geschah, für möglich hält, ohne deren bitterste Erfahrungen zu leugnen.

Hier nun erhält eine andere Art von Ironie ihren Platz, die nicht wegwerfend auftritt und mit falscher vordergründiger Stärke auftrumpft. Nein, eine Ironie, die in dem Maße, wie sie die Welt meint, immer auch Selbstironie ist. Denn die Mehrdeutigkeit der Welt beginnt in der Mehrdeutigkeit des eigenen Ichs. Diese Ironie lacht über das, was zu respektieren ist, aber sie respektiert, worüber man lacht. Sie mäßigt heilsam jenes prophetische und hochherzige Pathos, das die beängstigenden Möglichkeiten des gesellschaftlichen Rückschritts gern unterschätzt. Aber aus den ewigen Inkonsequenzen unseres Handelns und der tragischen, in der Geschichte latent vorhandenen Barbarei keltert sie nicht die völlige Absage an den Menschen.

Ironie ist ein Keimling der Verzweiflung. Wo sie lockere Unbefangenheit wird, ist sie eine klassische Haltung, und die Klassik macht uns frei - denn sie gibt uns das Gefühl für die Fülle und gleichermaßen für die Nichtigkeit, für den Sinn und gleichermaßen das Absurde der Dinge. Aus solcher Ironie wächst Liebe ohne Vergötzung und Skepsis ohne Hass, sie ist immer vorbereitet auf das, was man die Ironie der Geschichte nennt: Erstens kommt es anders und zweitens, als man denkt. Aber sie verwirft deshalb nicht das Denken, denn erstens kommt es anders, ja, aber zweitens: weil man denkt.

Nehmen wir uns an Don Quichote ein Beispiel. Ihn macht groß, dass er gegen alle offensichtlichen Tatsachen handelt. Aber wie gefährlich wäre er allein - gefährlich wie die Praxis jenes utopischen Denkens, das der Realität Gewalt antat, indem es die Wirklichkeit mit dem Traum verwechselte und meinte, diesen Traum anderen aufzwingen zu dürfen. Wie gut also, dass Don Quichote seinen Sancho Pansa hat - der klar sieht, was Illusion und törichte Einbildung ist, der aber andererseits den ritterlich etwas faden und hohlen Taten Farbe und Schweißgeruch beimischt. Und ist es nicht die schönste Wendung, dass Sancho Pansa, dieser Ausbund des mühselig Irdischen, sich ganz einsam vorkommt, als der Ritter vernünftig zu werden gedenkt? Das ist jene wahre Ironie, deren Ehrenrettung so nötig wäre. So sollte auch utopisches Denken, das auf Nicht-Orte zielt, mit einem Bewusstsein der Entgeisterung gekoppelt sein.

Das wäre eine Friedens-Bewegung der neueren Art: Die Hoffenden schließen mit den Skeptischen so Frieden, dass man sich nicht gegeneinander behauptet, sondern einander unterstützt und voneinander berichtet. Es müssen also zwei Wahrheiten zusammenfinden: dass die Ideale nicht zu Ende sind, davon erzählen die einen, dass die tägliche Entzauberung der Ideale auch weitergeht, davon erzählen die anderen, und jedes Wissen interessiert jeden. Der Blick derer, die neugierig aufschauen, kreuzt sich mit dem Blick derer, die leider schon zu viel gesehen haben. Es geht vielleicht darum, ob man trotzdem noch Energie hat. Obwohl die Reserven erschöpft sind.

Der Mensch wiederholt im Hoffen sozusagen - und das oft mehrmals im Leben - die traumatische wie heilsame Erfahrung der ersten Christen: Sie erwarteten die Rückkehr des Heilands und dies wohl im vollen Vertrauen darauf, es werde noch zu ihren Lebzeiten zu dessen erlösender Erscheinung kommen. Ein Irrtum. Schwer, das Ausbleiben des Versprochenen nicht als Widerruf zu interpretieren, sondern als wahre Offenbarung: Alles Heil ist nur immer ein Stück Weg, und der geht so unwegsam bis ans Ende der Zeiten. Die aber vielleicht nie aufhören. Heiner Müller sagte es so: »Der Weg ist nicht zu Ende, wenn das Ziel explodiert.«

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