Werbung

Endzeitstimmung

Tag Eins der Präsidentschaft Donald Trumps

Bei uns droht die ABOkalypse!

Wir brauchen zahlende Digitalleser/innen.

Unterstütze uns und überlasse die Informationsflanke nicht den Rechten!

Mach mit! Dein freiwilliger, regelmäßiger Beitrag:

Was soll das sein

Wir setzen ab sofort noch stärker auf die Einsicht der Leser*innen, dass linker Journalismus auch im Internet nicht gratis zu haben ist – mit unserer »sanften« nd-Zahlschranke.

Wir blenden einen Banner über jedem Artikel ein, verbunden mit der Aufforderung sich doch an der Finanzierung und Sicherstellung von unabhängigem linkem Journalismus zu beteiligen. Ein geeigneter Weg besonders für nd-Online-User, die kein Abo abschließen möchten, die Existenz des »nd« aber unterstützen wollen.

Sie können den zu zahlenden Betrag und die Laufzeit frei wählen - damit sichern Sie auch weiterhin linken Journalismus.

Aber: Für die Nutzung von ndPlus und E-Paper benötigen Sie ein reguläres Digitalabo.

Kurz vor seinem Amtsende hat der - nunmehr ehemalige - Präsident der USA, Barack Obama, in einem Interview mit der »New York Times« aus seiner Studienzeit berichtet. Auf dem College habe er begonnen, die Shakespeare-Dramen zu lesen und sich in sie zu vertiefen. »Das hat mein Verständnis davon, wie sich bestimmte Muster zwischen Menschen immer wiederholen, grundlegend geprägt«, so Obama.

Wir können nicht mit Bestimmtheit sagen, dass der Ex-Präsident jenen Text kennt, den der US-amerikanische Literaturprofessor Stephen Grennblatt kurz vor der Präsidentschaftswahl 2016 veröffentlichte. Doch die Vermutung liegt nahe. In besagtem Text, der wie das Obama-Interview ebenfalls in der »New York Times« erschien, vergleicht der Harvard-Professor die Wahl mit dem Shakespeare-Drama »Richard III.«. Kaum jemand, so Greenblatt, glaube in dem Shakespeare-Stück zu Beginn ernsthaft daran, dass der Intrigant Richard, der vor keinem noch so abscheulichen und bis dato undenkbaren Regelbruch zurückschreckt, es wirklich auf den englischen Thron schaffen werde. Den Griff nach der Macht habe er dann einer »Nation der Möglichmacher« zu verdanken. Erstens seien da jene, die fest daran glaubten, dass auch mit dem neuen König alles beim Alten bleiben werde, zweitens die, die fest davon ausgingen, dass der neue Herrscher das, was er vor seiner Inthronisation angedroht habe, nicht wirklich wahr machen werde.

Die dritte Gruppe bestehe aus jenen Leuten, die sich vor den Demütigungen und offenen Gewaltandrohungen fürchten. Viertens lasse Shakespeare die auftreten, die mit dem neuen König die Hoffnung verbänden, selbst einen Vorteil aus dessen Politik zu ziehen. Sie kollaborieren mit dem Putschisten Richard in der Erwartung, hernach von ihm belohnt zu werden, was sich jedoch am Ende als Irrtum herausstelle. Schließlich bestehe die fünfte Gruppe der Möglichmacher aus jenen, die sich klammheimlich oder sogar offen darüber freuten, dass sich eine lange angestaute Aggression in der Gesellschaft endlich Luft machen könne und nunmehr offen gesagt werden dürfe, was zuvor mit einem Tabu belegt war. Sie fühlen sich angezogen von den Lügen und Intrigen, die so effektiv erscheinen, obwohl sie niemand glaubt bzw. für gut heißt.

Man kann zu jedem dieser fünf Typen Beispiele finden. Die erste Gruppe wird vornehmlich von Journalisten repräsentiert, die sich an die Vorstellung klammern, die Institutionen und Rituale der Demokratie würden Trumps Putschversuch gegen die Demokratie ins Leere laufen lassen. Zu ihnen gehört der Chefredakteur der »Columbia Journalism Review«, Kyle Pope, der wenige Tage vor der Amtseinführung des neuen US-Präsidenten in einem offenen Brief erklärte, Trumps Politik werde zwar im Weißen Haus gemacht, aber in den Ämtern umgesetzt. Dort seien jene »objektiven Wahrheiten« zu finden, die von Trump nicht mehr zu erwarten seien. Außerdem gebe es die Presse schon länger als Trump, der allenfalls acht Jahre im Amt sein werde.

Bei der dritten Gruppe denkt man unweigerlich an Politiker wie Unternehmen, die sich um ihre eigene politische bzw. wirtschaftliche Zukunft sorgen und in einer Art vorauseilendem Gehorsam auf Trumps Linie einschwenkten, noch bevor dieser zum Präsidenten ernannt wurde. Zu diesem Typus gehört der Automobilkonzern Ford, der Anfang Januar nach einer Kritik von Trump auf den Bau von Produktionsstätten in Mexiko verzichtet hat.

Am interessantesten ist die fünfte Gruppe. Wie Richard III. profitiert auch Donald Trump von dem verbreiteten Selbstbild, hier komme einer, der zwar aus dem Establishment stamme, aber dennoch den eingesessenen Eliten den Kampf ansage. Das übt auch hierzulande eine Faszination auf jene aus, die sich als die Ausgegrenzten der Gesellschaft begreifen, die sich durch Gender-Politik, Stärkung von Minderheitenrechten, ja, ganz allgemein gesprochen: durch gesellschaftliche Liberalisierung bedroht sehen. Sie fühlen sich von den Eliten aus Politik und Gesellschaft - Parteien, Verbände, Medien - verraten.

Kommt mit dem Präsidenten Trump das Ende der liberalen Demokratie in den USA? Trump hat es deutlich schwerer als Richard III. Im Feudalismus war die Macht an Personen gebunden, in der bürgerlichen Demokratie ist die Macht auf Institutionen verteilt, die zudem in ein Systeme der wechselseitigen Machtkontrolle eingewoben sind.

Fast auf den Tag genau vor 22 Jahren wünschte sich der linke Theatermensch Frank Castorf unter Bezugnahme auf den nationalkonservativen Intellektuellen Ernst Jünger ein »Stahlgewitter«, eine »kleine Apokalypse«, die uns aus der »Welt der Schmerztablette« befreit, mit der wir von einer »aufgeklärt-liberalen Toskana-Fraktion« betäubt würden. Vielleicht ist Donald Trump genau diese »kleine Apokalypse«.

ndPlus

Ein kleiner aber feiner Teil unseres Angebots steht nur Abonnenten in voller Länge zur Verfügung. Mit Ihrem Abo haben Sie Vollzugriff auf sämtliche Artikel seit 1990 und helfen mit, das Online-Angebot des nd mit so vielen frei verfügbaren Artikeln wie möglich finanziell zu sichern.

Testzugang sichern!