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Die nomadische Kultur geht gerade unter

Eine spanische Hilfsorganisation unterstützt die Bewohner in der marokkanischen Sahara

  • Von Luise Wagner, Zagora
  • Lesedauer: 8 Min.

In Tarifa, im letzten Zipfel Andalusiens, ist Afrika ganz nah. Nur 14 Kilometer sind es quer über die Straße von Gibraltar hinüber zum marokkanischen Festland. Kitesurfer, die hier in Europas beliebtestem Surfrevier über die Wellen des Atlantiks gleiten, werden bei ablandigem Wind in einer halben Stunde auf den anderen Kontinent getragen.

Wir hocken in einem VW-Bus, der bis unter das Dach mit Kisten vollgepackt ist, und setzen mit der Expressfähre nach Tanger über. 108 Schuhkartons sollen 1500 Kilometer weit in den Süden bis hinter den Hohen Atlas in die Sahara gekarrt werden. Zu den Ärmsten der Armen Marokkos. Hier leben Nomadenfamilien, die im Winter in eiskalten Nächten in ihren aus Stofffetzen und Kamelhaar zusammengeflickten Zelten frieren. Die Kisten stammen aus Andalusien, wo die Hilfsorganisation Vilostrada in einer Schule des Städtchens Frigiliana Weihnachtspakete als Spenden für die Nomadenkinder der Sahara geschnürt hat.

Nomaden schlagen sich in der Sahara in einer der lebensfeindlichsten Gegenden - der größten Wüste der Erde durch. Während im Sommer der Sand bei 50 Grad glüht, sinkt das Thermometer im Winter auf die Nullgradgrenze ab. Viele Kinder laufen barfuß und die Winternächte scheinen in diesem Jahr besonders kalt zu werden.

Wir sind in der Hamada du Draa, nahe der Grenze zu Algerien, wo die letzte Wüstenstraße N9 vor den Sanddünen kapitulieren muss. Ab hier geht es nur noch per Kamel weiter. Yussuf trägt in der Kälte zwei Hosen übereinander und wickelt sich fest in seinen Djellaba, den Kapuzenumhang der Berber ein. Der 42-jährige Kameltreiber ist hochgewachsen und rappeldürr. Ein Läufertyp, wie alle Nomaden, der täglich mit seiner Karawane rund 20 km durch Steingeröll und Dünen stapft.

Heute muss er besonders viel laufen, weil sich sein Lieblingskamel Yurt, was Mond auf Berber heißt, klammheimlich davon gemacht hatte. Es ist Paarungszeit und der Hengst ist rollig, wenn man das mal so salopp übersetzen darf. Den ganzen Tag schon war er nervös und hatte Hunderte Kilometer entfernte Stuten im Wind gewittert.

Für die Organisation Vilostrada bedeutet Spaniens Nähe zu Marokko so etwas wie Nachbarschaftshilfe. Die Gründerin der Stiftung, Victoria Ahlen, war vor vier Jahren aus Schweden mit ihrer Familie nach Südspanien gezogen. Nun pendelt sie alle zwei Monate zwischen Afrika und Spanien hin und her. Der Lebensstil des Umherziehens ist mittlerweile auch ihrer: »Mir fällt in geschlossenen Räumen das Dach auf den Kopf. Ich fühle mich unter dem Sternenhimmel der Sahara viel mehr als Mensch und bei den Nomaden bestens aufgehoben.«

Den ganzen Sommer über hat sie in ihrem andalusischen Landhaus Tagine-Kochworkshops für Marokko-Freunde veranstaltet und Geld gesammelt. Teppiche aus Kamelwolle, Schmuck und Tonteller wurden an britische und skandinavische Ferienhausbesitzer verkauft. Diesmal wird die Wüstentour etwas länger dauern und wir sind in viele Zelte der Nomaden eingeladen. Denn es gibt einen Grund zum Feiern.

Seit einer Woche sprudelt dank Vilostrada ein ganz besonderer Brunnen in der Wüste. Eine solarbetriebene Pumpe holt aus 100 Meter Tiefe wertvolles Trinkwasser für Kamele, Ziegen und Menschen aus dem Saharasand hervor. Das Wasserschöpfen mussten sonst die Kinder übernehmen. Eine Arbeit, die zwei Tage dauern kann, weil das Wasser von Hand für 600 durstige Kamele in Eimern hochgezogen werden musste.

»Das wird Kinder entlasten und ihnen freie Zeit geben, in der sie etwas lernen können und nicht nur arbeiten müssen«, sagt Victoria, die nun plant, eine mobile Schule in der Nähe der Nomadencamps einzurichten. Nomadenkinder müssen sonst von früh bis spät mit Ziegen durch die Wüste laufen und Weideflächen suchen.

Nomaden gehören zu den am wenigsten gebildeten Bewohnern des Landes. Etwa 82 Prozent können weder lesen noch schreiben. Zwar lässt der marokkanische König jetzt Schulen in die Wüstenstädte bauen. Doch die Internate passen nicht zum mobilen Leben der Nomaden. Die Kinder werden den Familien entrissen und verlernen, wie sie in der Wüste überleben können.

Einst galten die stolzen Viehzüchter als privilegiert, heute werden die Nomaden meist bedauert oder belächelt. Die Hirtenfamilien leiden unter den Folgen des Klimawandels in der Wüste. Die Sahara breitet sich immer weiter Richtung Norden aus und brauchbares Savannenland versandet. Wo einst an den Hängen des Atlasgebirges noch Gras und Büsche wuchsen, gibt es nur noch braunes Steingeröll. Die Wege zu den hoch gelegenen Weideflächen in den Bergen werden für Ziegen, Schafe und Nomaden immer weiter und sind kaum noch in Tagestouren zu schaffen. Viele Familien brechen ihre Zelte für immer ab und ziehen in die neu entstehenden Wüstenstädte wie Zagora oder M›hmid.

»Amazigh« nennen sich die Berbernomaden, was übersetzt »Freie Menschen« heißt. Frei deshalb, weil sich die Wüstenbewohner bisher überall niederlassen konnten, wo es ihnen passte. Nomaden zahlen keine Steuern und müssen sich nicht registrieren. Ihre Tiere verkaufen sie, wenn sie Geld brauchen. Dabei können zwei Kamele eine Familie für ein ganzes Jahr ernähren. Pro ausgewachsenes Kamel werden bis zu 5000 Euro gezahlt. Doch nicht jede Familie kann sich Kamele halten - denn die Fressplätze werden immer rarer.

Unser Wüstenexperte Brahim Elaabdouli ist Berber und übersetzt die Gespräche in der Nomadensprache Tamazight ins Englische. Wenn er nicht als Eco-Guide Touristen durch die Sahara führt, kümmert sich Brahim für Vilostrada um die Projekte. »In 100 Jahren wird es die Nomaden, wie sie hier heute noch leben, nicht mehr geben. Diese uralte Kultur geht gerade unter«, sagt Brahim. Sie entstammt einer Zeit, als Nationalstaaten und die politischen Grenzen in der Wüste keine Rolle spielten. Heute wird die willkürlich durch die Dünen gezogene Grenze vom Militär satellitenüberwacht. Brahim will die Nomaden vor der Moderne schützen und sie zugleich kontrolliert darauf vorbereiten.

Für Victoria Ahlen steckt die jahrtausendealte pastorale Lebensart voller Weisheit: »Was diese Menschen noch beherrschen, haben wir schon lange verlernt. Richtig miteinander zu reden, Tee auf Holzkohlefeuer zubereiten oder sich nach den Sternen zu orientieren.« Das Wort Stress existiert in der Nomadensprache nicht. Hier bestimmen nur Sonne und Mond den Tagesrhythmus.

Yussuf wäre als Dschungelcampkönig im Westen wohl schon mehrfacher Millionär. Er kann einfach alles: Knoten binden, die sich wie von Geisterhand lösen, Tieren geheime Befehle zuflüstern, verborgene Quellen finden und im heißen Wüstensand Brot gebacken. Und er kann laufen - wenn es sein muss, ohne zu schlafen und zu essen - drei Tage und Nächte hindurch. Dabei trinkt und isst er so wenig wie seine Kamele.

Das Leben in der Wüste basiert auf dem Prinzip des Seins, das über dem Haben steht. Eine Gesellschaftsform, die sich dem Materiellen vor allem deshalb entzieht, weil jeder Besitz für die Nomaden zugleich Ballast ist. Zweimal im Jahr muss alles Hab und Gut auf Kamelrücken gepackt werden, wenn der Clan vom Sommer- ins Winterlager zieht. Der Haushalt beschränkt sich daher auf das Notwendigste: Zelte, Töpfe, Wasserkanister und Decken. Nomaden sind Meister des Improvisierens - jedes Objekt wird vielfach genutzt und wiederverwendet. Stoffzelte sind aus T-Shirts, Tüten und Plastikflaschen zusammengeflickt. Was man gerade nicht braucht, wird auf das Dach geworfen und erfüllt irgendwann später seinen Zweck.

Brahim lehrt uns auf der Trekkingtour den richtigen Blick für die Weite. Eine wichtige Gabe in der Wüste, die bei Gefahren genug Vorsprung zum Flüchten gibt. Tatsächlich trägt keiner der drahtigen alten Männer, die ihre Clans anführen, eine Brille. Wir als digitale Nomaden dagegen schon. Wer zuerst ein Kamel am Horizont erblickt, bekommt fünf Punkte, für Ziege oder Esel gibt es zehn und drei für ein Auto, das auf der einstigen Rallyeroute Paris - Dakar hier vorbeiprescht.

Sobald die Sonne untergeht, werden ein paar Akazienäste angezündet und vor den Zelten Tee gekocht. »Berberwhisky«, nennt Brahim den grünen Tee, der mit Absinthblättern aufgebrüht wird. Und das Feuerchen, das uns alle wärmt: »Berber-TV«. Da starren wir hinein und feiern, dass ein gutes Jahr zu Ende gegangen ist. Seit der Brunnen läuft, kehrt das Leben zurück in die Wüste und damit auch die Hoffnung, dass das Leben vielleicht doch leichter statt schwerer wird. An der Tränke bauen sich erste wilde Vögel Nester, nachts kommen Gazellen, Wildesel, Schakale und sogar Wölfe aus den Bergen, um hier zu trinken. Eine kleine Oase entsteht.

Im neuen Jahr wird ein weiteres Experiment in der Wüste gestartet. Rund um den Brunnen sollen Moringabäume angepflanzt werden. Eine tropische Baumart, die anspruchslos ist und deren Produkte sehr nährstoffreich sind. Von Blättern und Früchten könnten sich die Nomadenfamilien ernähren und Überschüsse sogar exportieren. Moringa gilt im Westen als Superfood und wird in vielen Bioläden angeboten. Da der solarbetriebene Brunnen ohne Energie auskommt, kann sich die Wüste so quasi selbst begrünen - ist die Idee.

Unter dem mit Sternen übersäten Nachthimmel versinkt eine zierliche Mondsichel über dem Horizont. Yussuf kehrt mit seinem liebestollen Kamel zurück. Inschallah (Gottseidank) hat Yurt weißes Fell, so konnte er den Ausreißer in der Dämmerung schnell finden und zum Zelt zurückbringen. Yurt wird dringend gebraucht; immerhin gibt es noch einige Schuhkartons unter den weit verstreut lebenden Nomadenfamilien zu verteilen.

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