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Der Fehler sind wir

Ebenfalls am DT: »Die 10 Gebote« und was davon übrig blieb

Worauf dieses Stück hinausläuft, das kein Stück ist, sondern eine Montage separater Szenen, veranschaulicht am sinnfälligsten Felicia Zellers Beitrag zum achten biblischen Gebot: »Du sollst nicht lügen.« Glühend vor Zorn, sieht - und hört! - man das Ensemble mit Hämmern und Meißeln die steinernen Tafeln traktieren, darauf Gottes Worte geschrieben stehen. Synchron wie die Demo-Trommelgruppe lässt Regisseurin Jette Steckel ihre Wutbürger auf jene Platten eindreschen, die offenbar doch nicht für die Ewigkeit gemacht sind: Bald bersten sie. Eine Chorszene, die den Text konterkariert: Wen Zeller hier nämlich fauchen lässt, das ist gar keine Gemeinschaft, es ist das moderne Individuum, das der Wahrheit der Worte misstraut. Nicht Gottes Gebote sind es, sondern die Texte eines Journalisten, die unter Geschimpf »korrigiert« werden. Die aufgerissenen Mäuler der Hämmernden müssen nicht »Lügenpresse!« schreien, um an das giftige Geprassel von Online-Kommentaren zu erinnern.

Das Dilemma der Gebote, die in dieser Uraufführung auf den Prüfstand gehoben werden, ist die Tatsache, dass der Mensch sich nicht daran halten mag - und womöglich nicht einmal kann. »Immer! Muss ich! Alles! Sollen!« dröhnt eingangs ein rockiger Rap aus den Boxen, zu dem die neun Schauspieler wild tanzen, während über ihren Köpfen der leuchtende Schriftzug »Du sollst« vom Himmel hängt. Er wird später verschwunden sein. Wo kein Gebieter mehr akzeptiert, geschweige denn angebetet wird, sind dort auch die Gebote - als moralischer Konsens, der Gesellschaft erst stiftet - obsolet geworden?

Für ihre »zeitgenössischen Recherche«, so der Untertitel, hat Jette Steckel 15 Autoren in die Spur geschickt, dieser Frage nachzugehen. Die Ergebnisse, die nun auf die große DT-Bühne gewuchtet wurden, auf der sich ein kathedralenartiger zweistöckiger Rundbau (Bühne: Florian Lösche) dreht, fragen selbst mehr, als dass sie antworten würden. Aber sie bestätigen das Dilemma. So unterschiedlich die Autoren - vom literarischen Familienarchivar Jochen Schmidt über die Beziehungsdramatikerin Nino Haratischwili bis zum Ost-West-Grenzgänger Sherko Fatah und der Filmemacherin Bernadette Knoller -, so unterschiedlich sind auch ihre Herangehensweisen: hier dokumentarisch, dort erzählend, hier komödiantisch, dort bitterernst.

Für die Zuschauer ist dieses Stück-Werk trotz vier Stunden Dauer selten ermüdend. Für die Schauspieler ist es ein Fest! Benjamin Lille etwa darf sich im Star-Wars-Schlafanzug in eine Suada hineindelirieren, wie sie wohl nur Clemens Meyer zu schreiben versteht: Im Schweinsgalopp reitet er nicht allein das erste Gebot Gottes zurecht, der hier »Mäcloud« und »Wolkenmäcki« heißt, sondern mit ihm die halbe Popkulturgeschichte und einen gehörigen Haufen Zweifel. Oder Ole Lagerpusch und Wiebke Mollenhauer, er im schlumpfblauen, sie im glitzergoldenen Kapuzenoverall: Sie zelebrieren Mark Terkessidis’ politaktivistischen Dialog über den Neid (das neunte Gebot) mit einer parodistischen Wucht, als könnte man diesen klugen Text über die Jetztzeit in der Disco tanzen. Überhaupt, dieser schmächtige Lagerpusch! Wie er von einer Rolle in die nächste schlüpft, das ist Schauspielkunst in Hochform.

Woran es den Texten nicht mangelt, sind Gedanken, Geschichten. Woran es fehlt, fehlen muss, das ist Einigkeit. Dem siebten Gebot sind denn auch gleich zwei Szenen gewidmet: »Du sollst nicht stehlen« (Navid Kermani) und »Du sollst stehlen« (K.I.Z.-Rapper Maxim Drüner und Juri Sternburg). Aber wenigstens eines sollte doch nach wie vor gelten, über Landes-, Meinungs- und Glaubensgrenzen hinweg: »Du sollst nicht töten«?

Für Steckels Stück hat sich dieses Gebot der Filmemacher Jan Soldat vorgenommen. Er bebildert es mit nachgestellten Interviews, die er mit Fetischisten führte. Die drei sympathischen Männer in seinen Filmen - von Andreas Pietschmann, Markus Graf und Helmut Mooshammer, Silhouetten im Gegenlicht, so authentisch nachgesprochen, dass man sie für die Originale hält - verspüren den innigen Wunsch, »aus Liebe« geschlachtet und verspeist zu werden. Auf der Leinwand reflektieren sie ihre sexuelle Obsession, deren finale Verwirklichung daran scheitert, dass sie ihre potenziellen Schlächter nicht hinter Gittern wissen wollen. Das Gebot, nicht zu töten, bleibt Gesetzestext.

Das Stück schließt mit dem elften Gebot. Rocko Schamoni hat es als Monolog dem Schöpfer selbst in den Mund geschrieben. Die Bühne betritt also: Gott. An der Leine führt er ein lebendiges Schaf mit sich. Gott, das ist hier: Ole Lagerpusch, gehüllt in wolkenweiße Wolle, die ihn selbst wie ein Schaf dastehen lässt. Schüchtern und traurig gesteht er uns seinen großen Fehler: die Schöpfung. Der Fehler sind wir. Das Schaf indessen hat sich längst von ihm losgerissen, als Gott den Abschiedssong anstimmt: »Pardon, es tut mir leid.«

Nächste Vorstellung: 26.1.

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