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Novum und Lichtblick

Das »Ultraschall«-Festival für Neue Musik stellte die Stimme in den Fokus

Die Stimme stand im Fokus des diesjährigen Jahrgangs von »Ultraschall«, der am Sonntag endete. Das Festival, durchgeführt von RBB-Kulturradio und Deutschlandradio Kultur, hat sich unterdes wirklichen Rang erobert. Die Rubrik »Stimme« ist im Festivalgeschehen hierzulande, wenn nicht alles trügt, Novum und Lichtblick zugleich. Artikulationsweisen der ehrwürdigen Oper oder aus dem Repertoire romantischen Liedgesangs sind freilich nicht gemeint. Auch die neue Oper in den großen Häusern fehlt, das würde die eher kammermusikalische Unternehmung gewiss überfordern. Doch losgelöst davon klingt, was heute aus den Mündern hochvirtuoser Vokalistinnen und Vokalisten kommt, auch nicht. Dass im laufenden Betrieb über die Jahre weg viel Dilettantisches, Lebensfernes verzapft wurde, etwa im Bereich des aktuellen Musiktheaters, wo Autoren sich zu übertreffen scheinen, Konflikten, Widersprüchen der Gegenwart auszuweichen, bleibe hier nicht unerwähnt.

»Ultraschall« tut sich derlei eher nicht an, steht aber experimentellen Angeboten aufgeschlossen gegenüber. Allein, weil Kompositionen mit Singstimme unerhörten Reiz ausüben können und die besten es auch tun. Spezielle Vokalensembles bildeten und entwickelten sich unterdes, für die komponiert wird. Die Neuen Vokalsolisten Stuttgart etwa oder das Solistenensemble Phønix16 Berlin. Letzteres sieht seine Aufgabe auch darin, Werke des 20. Jahrhunderts aus ihrem Schlummerdasein zu befreien. So geschehen bei »Ultraschall« im Saal des Heimathafens Neukölln, einer sympathischen Spielstätte in der Karl-Marx-Straße.

Vokalmusik verband sich mit elektronischer Musik. Angesichts der Herkunft der Komponisten würde sich hier eine Art »Balkanroute« musikalisch herstellen, hieß es im Programmbuch. Höchst zweifelhaft, der Begriff. Desgleichen der Hinweis, die gebotenen Stücke würden von »Tod, Leid, Vertreibung und Unterdrückung, von Heimatlosigkeit« erzählen. Dergleichen näher zu befragen und an den Stücken festzumachen, fehlte leider.

Durchweg Kompositionen der 60er, 70er Jahre erklangen. Ihre Schöpfer, lebende und schon verstorbene, stammen aus der Türkei, Griechenland und jenem Jugoslawien, das unter Tito zu den paktfreien Staaten zählte . Auf dem Programm: das Stück »Agony« (1965) des Türken İlhan Mimaroğlu (1926-2012), der sich seinerzeit in der Antivietnamkriegsbewegung hervorgetan hat, eine radikalelektronische Hervorbringung, in der apokalyptische Zerstörungskräfte ihr akustisches Analogon finden. Drei Jahre später komponierte Iannis Xenakis »Nuits« für zwölf Stimmen, gleichfalls Radikalwerk, das den Vokalisten in sämtlichen Dimensionen Höchstes abverlangte. Bei Xenakis ist Antifaschismus in fast jeder Komposition nachfühlbar. Der Grieche und spätere Franzose stand als junger Mann 1944 im Widerstand und erlitt eine schwere Kopfverletzung.

Als reines Sprachspiel enthüllte sich Vladan Radovanovićs »Voice from the Loudspeaker« (1975). Er, geboren 1932, ist ursprünglich Belgrader. Nach Studien bei Olivier Messiaen siedelte er nach Paris über, arbeitete mit dem Kreator der Musique concréte Pierre Schaeffer zusammen und schloss sich der »Groupe de recherches musicales« an. Kein Flüchtling, keine Vertriebener. Ob er im konkret komponierten Fall Unterdrückung thematisiert hat, erschließt sich dem Ohr nicht.

Von Ivo Malec, geboren 1925 in Zagreb und dort auch beerdigt, kamen ein Vokalstück und zwei elektronische Werke. Phantastisch »Dodekameron« für zwölf Stimmen von 1970, ein Stück mit ungeheurer Ausdrucksdichte, Girlanden aus Silben, Vokalen, Atmern, Schreigebärden fliegen aus den Mündern, auch Schönheiten, für die Solopartien stehen. Ein Stück, als wäre es heute geschrieben und Phønix16 unter dem hervorragenden Dirigenten Timo Kreuser auf den Leib komponiert worden. Nicht minder aufregend: »Umbrana«, gleichfalls für zwölf Stimmen, von Branimir Sakač, Kroate, geboren 1918 in Zagreb und dort 1979 auch gestorben. Interessant bei »Umbrana« ist die Aufteilung der Chorstimmen in Dreiergruppen, was ein eigentümliches Treppauf-Treppab in den Klang- und Intervallbeziehungen ergab. Kein durch Unterdrückung Leidender, sondern ein alle Freiheiten genießender erfindungsreicher Tonschöpfer, der seinerzeit auch als Filmkomponist bekannt geworden ist. Unklar, ob Tode in seinem Stück stattfinden.

Aus dem Jahr 1978 stammt Vinko Globokars »Airs de voyage vers l’interieur« für acht Stimmen, Klarinette, Posaune und Elektronik. Globokar, geboren 1934, ist Slowene und pendelt zwischen Paris und seinem Heimatland. Er, der in jüngeren Jahren auch als Posaunist in Pariser Big Bands beschäftigt war, zählt trotz seines Alters oder gerade deswegen zu den mutigsten, engagiertesten Komponisten der Gegenwart. Mit Kritik am Weltzustand spart er nicht. Ein Linker, wie er im Buche steht. Sein Stück ist derart vital, sinnlich, improvisatorisch, freudvoll, ausgelassen, dass es allen Spielern und Sängern geradezu in die Körper fuhr. Hohe Spiel- und Singfreude. Die beiden ebenso wie die zwei Instrumentalisten im Raum verteilten Vokalquartette verlassen am Schluss ihre Positionen, treten in die Mitte des Saals und vollführen stimm- und bildkräftig slowenischen Reigentanz. Das geht lange, so lange, bis sie schließlich ihre Köpfe zusammenstecken, als bildeten diese ein Bündel der Verbrüderung. 1977 komponiert. Der Saal staunte. Welche hoffnungsvolle Szenerie. Ein erregendes Konzert.

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