Die Topographie einer Todesfabrik - Auschwitz

Zu Auschwitz ist alles gesagt. Dass das nicht stimmt, bewies der Kölner Bauzeichner Peter Siebers schon vor zwei Jahren. Im Kölner NS-Dokumentationszentrum zeigte er seine zeichnerische Rekonstruktion des Konzentrations- und Vernichtungslagers. Jetzt sind sie auch als Buch erschienen.

Über 15 Jahre lang arbeitete der heute 60-Jährige an seinem »Lebenswerk«. Er versteht es als »Nachholbedarf«. Und als Wiedergutmachung. Fast 40 Mal reiste Siebers nach Auschwitz, studierte Fotos, Baupläne und Luftaufnahmen. 140 Zeichnungen entstanden: Gesamtansichten und einzelne Gebäude in nüchterner isometrischer Vogelperspektive. Dazu Frontal- und Innenansichten sowie Querschnitte. Siebers rekonstruiert, was nicht mehr zu sehen ist - das gilt vor allem für das Todeslager Monowitz, von dem heute keine baulichen Reste mehr erhalten sind. Aber auch im Stammlager stehen heute nur noch 150 von ehemals fast 500 Gebäuden. Weshalb Andrej Kacorzyk, Stellvertretender Direktor des Staatlichen Museums Auschwitz-Birkenau, das Buch als außerordentlich wichtig für Besucher und die eigenen Mitarbeiter hält. In ihrer Nüchternheit spiegeln die Zeichnungen genau den Geist wieder, mit dem das NS-Regime, genauer die SS, den Massenmord an schließlich über einer Million Menschen plante und mit teuflischen Täuschungsmanövern wie in einer Todesfabrik durchführte. Sie zeigen Gaskammer und Krematorium, Hinrichtungsstätten und Theatergebäude. Kaum zu glauben, dass »nach der Erfüllung dieser Aufgabe« aus Auschwitz eine Musterstadt für SS-Familien entstehen sollte. Solche Hintergründe vermitteln die Beiträge des israelischen Historikers und ehemaligen Yad-Vashem-Mitarbeiters Gideon Greifs. Beklemmende Zeichnungen von Häftlingen schildern die Realität des Lagerlebens. Fotos geben Häftlingen einen Namen und zeigen den heutigen Zustand der Gedenkstätte.

Dank auch finanzieller Unterstützung des Auswärtigen Amtes konnte dieses opulente Buch mit deutschen, englischen und polnischen Texten sowie zwei ausklappbaren Plan-Zeichnungen erscheinen. Jürgen Schön

Gideon Greif/Peter Siebers: Todesfabrik Auschwitz. Topografie und Alltag in einem Vernichtungslager. Emons Verlag, Köln 2016. 350 S., geb., 49,95 €.

Abb.: Peter Siebers, »Todesfabrik Auschwitz«

nd Journalismus von links lebt vom Engagement seiner Leser*innen

Wir haben uns angesichts der Erfahrungen der Corona-Pandemie entschieden, unseren Journalismus auf unserer Webseite dauerhaft frei zugänglich und damit für jede*n Interessierte*n verfügbar zu machen.

Wie bei unseren Print- und epaper-Ausgaben steckt in jedem veröffentlichten Artikel unsere Arbeit als Autor*in, Redakteur*in, Techniker*in oder Verlagsmitarbeiter*in. Sie macht diesen Journalismus erst möglich.

Jetzt mit wenigen Klicks freiwillig unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung