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Ein Grieche in Mannheim

Freitags Wochentipp: Der Donnerstagskrimi »Dimitrios Schulze« in der ARD

Es ist jetzt auch mal gut. Selbst Kolumnisten, deren Nährstoff faktenbasierte, aber meinungsstarke Kritik mit einer Prise hoffnungsfrohem Fatalismus ist, müssen mal mit leichter Lektüre in der Sonne liegen und das Böse darunter beiseite schieben. Schluss also mit dem dauernden Geheule über Pegida oder Trump, schlechte Menschen und schlechtes Fernsehen, eben alles, was die Welt so wenig lebenswert erscheinen lässt. Als Ersatz böte sich etwas lebensbejahende Hinwendung zu allem an, das schön ist und gut.

Wenn wir an dieser Stelle über alternative Fakten sprechen, dann also höchstens jene von Til Schweiger. Das Leitungswasser in seinem Hamburger Restaurant sei anders als die ortsansässige Morgenpost schrieb mit 4,20 Euro nicht überteuert. Im Gegenteil, antwortet das zarteste Blockbusterseelchen im »Stern«, sein Nass werde ja durch »Filterung veredelt« und dennoch günstiger verkauft als handelsüblich. Würde Kai Diekmann noch der »Bild« vorstehen, er hätte dem Konkurrenzblatt die Leviten gelesen, die tausendfache Titelfigur von Springers Gnaden so zu kritisieren. Pfui! Aber der Exchef verlässt morgen ja 5163 Jahre, nachdem Gott die Erde Schuf, Diekmanns Verlag für ewig gestrigen Empörungs-»Journalismus« und hinterlässt, ja was eigentlich - einen Medienkonzern, der längst nicht mehr weiß, ob Gedanken nun im Kopf oder Prozessor entstehen?

Aber lassen wir das. Gefühlte 5163 Jahre, nachdem das »Traumschiff« erstmals mit Heide Keller als Beatrice von Ledebur an Bord in Fernsee gestochen ist, verlässt die ewige Chefstewardess den schwimmenden Seifenhalter. Spätestens nach der Neujahrsfolge 2018 stellt sich also die Frage, wie das deutsche Fernweh am Bildschirm fortan ohne Mord und Totschlag bedient werden soll. Vielleicht mit einer Art Binnenrevision, wie sie die ARD ab Donnerstag auf ihrem Auslandskrimisendeplatz wagt. Statt deutsche Kommissardarsteller an touristisch valide Einsatzorte wie Athen zu schicken, holt das Erste die Welt quasi heim und eröffnet Adam Bousdoukos als »Dimitrios Schulze« eine Anwaltskanzlei im sozial brenzligen Mannheim-Jungbusch.

Daran ist zunächst mal vieles weniger gut als gut gemeint. Mittig zwischen Liebling Kreuzberg und Saul Goodman soll der Deutschgrieche dem juristisch unterfütterten Milieu-Humor jene Authentizität verpassen, mit der er fast jeden Film von Fatih Akin bereichert. Das aber scheitert zum Auftakt noch an der konstruierten Fallkonstruktion eines arg hölzernen Drehbuchs.

Trotzdem sollte man dem Pilotfilm die Chance zur Fortsetzung geben. Denn wie »Dimi« Schulze mit schnodderiger Nonchalance seinen Brennpunkt zu ordnen versucht - das ist ebenso liebenswert wie die Idee, praktisch alle Hauptfiguren mit Migrationshintergrund zu besetzen. In einem zweiten Teil könnte es daher zur Situation kommen, dass türkischstämmige Polizisten abstammungsdeutsche Täter festnehmen, die vom griechischstämmigen Anwalt rausgehauen werden. Schon das wäre doch sehenswert. Adam Bousdoukos ist es sowieso.

ARD, 2.2., 20.15 Uhr

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