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Eisbären suchen Wege aus der Dauerkrise

Der Eishockey-Rekordmeister aus Berlin will mit aller Macht noch in die Playoffs und plant einen Kaderumbruch

Was sich zuletzt auf dem Eis abgespielt hat, ist so ziemlich einmalig in der Geschichte der Eisbären. Sieben Niederlagen in Folge – negativer Vereinsrekord, gestoppt erst am 20. Januar mit dem 3:2-Heimsieg nach Verlängerung gegen Mannheim. Zwei Spieltage danach gelang auf eigenem Eis mit dem 2:1 gegen Düsseldorf der erste 3-Punkt-Gewinn seit dem 23. Dezember des Vorjahres. Aber auch das war nur ein kurzes Aufflammen, am letzten Wochenende kamen zwei weitere Niederlagen hinzu: ein 3:4 in eigener Halle gegen den Vorjahrsmeister München und ein 1:6 in Nürnberg. Damit erhöhte sich die Verlustquote nach 44 Saisonspielen auf 27. Dieser Negativbilanz stehen lediglich 17 Siege gegenüber. Die Krise bei den Eisbären ist also eine permanente.

Trainer Uwe Krupp, der seit Dezember 2014 in Berlin das Zepter schwingt, glaubt dennoch an eine Wende zum Besseren – trotz des geplatzten Saisonziels mit der direkten Playoff-Qualifikation (Plätze 1 bis 6). Um doch noch das Viertelfinale zu erreichen, bleiben nur noch die ungeliebten Pre-Playoffs (Plätze 7 – 10). Und dabei müssten die Eisbären als derzeitiger Hauptrundenzehnter mit dem Handicap leben, in den nur drei Spielen dieser ab Anfang März ausgetragenen Qualifikationsrunde lediglich ein Mal Heimrecht zu haben. Gelänge dann tatsächlich der Einzug in die Runde der letzten Acht, wäre der Gegner der Erste oder Zweite der Hauptrunde. Ein frühes Saisonaus ist zu befürchten.

»Wir sind durch viele Dinge – nicht zuletzt durch eine Verletztenmisere mit sechs über eine längere Zeit nicht einsatzfähigen Stammspielern – in eine schwierige Situation gekommen«, sagt Krupp, fügt aber selbstkritisch hinzu: »Nach wie vor hapert es an der mangelnden Chancenverwertung. Auch gelingt es uns noch immer nicht, aus dem Überzahlspiel, das viel trainiert wird, Kapital zu schlagen. Wir sind zu harmlos, ohne größere Torgefährlichkeit.«

So gesehen steht für den 51-jährigen Krupp und sein Team die Hoffnung auf ein versöhnliches Saisonende auf wackligen Füßen. An der Misere, nur drei statt vier Sturmreihen und sechs Verteidiger einsetzen zu können, wird sich kaum etwas ändern. Im Gegenteil! Die Zahl der Verletzten ist sogar auf acht angewachsen. »Irgendwelche Prognosen abzugeben, ist wie das Lesen in einer Glaskugel. Vielleicht kommt einer der Verletzten demnächst zurück, vielleicht auch nicht. Auf jeden Fall ist es mit unserer schmalen Stürmerdecke schwer, gegen die Konkurrenten zu bestehen«, sagt Krupp.

Eine wichtige Rolle könnte jetzt wieder Barry Tallackson spielen. Der 33-jährige US-Amerikaner, der seit 2011 für die Eisbären 391 Spiele bestritt und in der vergangenen Saison mit 16 Toren und 38 Scorerpunkten glänzte, hatte sich zuletzt mit der Reservistenrolle abfinden müssen. Bislang erzielte er nur zwei Tore. Nun scheint der Stürmer der zweiten Angriffsreihe zumindest ansatzweise seine alte Form wiedergefunden zu haben, auch wenn Tore bislang noch ausblieben. »Er spürt, dass er gebraucht wird und versucht alles, um dem Team zu helfen«, so Krupp.

Das Prinzip Hoffnung, das bei den Eisbären regiert, hat aber auch etwas mit der jüngsten Reise des Geschäftsführers Peter John Lee nach Los Angeles zum Klubeigner Philip Anschutz zu tun. Der 77-jährige Milliardär gab dem Klub trotz sportlicher Misere eine »Bestandsgarantie«. Das Eishockeyprojekt in Berlin werde nicht fallen gelassen. Im Gegensatz zu Hamburg. Dort hatte sich Anschutz im vergangenen Sommer aufgrund wachsender Schulden total zurückgezogen, so dass die Freezers vor Beginn dieser Saison aus der DEL ausscheiden mussten.

Allerdings steht auch fest: Die im zweistelligen Millionenbereich ebenfalls hoch verschuldeten Eisbären werden auch in Zukunft von der Anschutz Entertainment Group nicht mehr Geld bekommen und mit einem Saisonetat um die zehn Millionen Euro arbeiten müssen. Das sind gut zwei Millionen weniger als Spitzenteams wie München, Köln oder Mannheim zur Verfügung haben. Eine Ausnahme gibt es aber: Anschutz hat kurzfristig finanzielle Hilfe signalisiert, so dass sich die Eisbären mit mindestens zwei Stürmern verstärken können. Dabei verwies Stefan Ustorf, Sportlicher Leiter der Eisbären, darauf: »Wir haben zwei Ausländerlizenzen frei.«

Schneller als gedacht sind die Berliner mit dem kanadischen Außenstürmer Charles Linglet fündig geworden, der schon am Dienstagabend gegen Schwenningen auflaufen sollte. Der 34-Jährige kommt mit der Empfehlung von 71 Toren in 277 Spielen für Dinamo Minsk in der Kontinental Hockey League. Zuletzt spielte er bei Tappare Tampare in Finnland, zudem lief er in der NHL fünf Mal für die Edmonton Oilers auf.

Gelingt mit Linglet ein erster Schritt aus der Dauerkrise? Ustorf räumte inzwischen »Fehler in der Kaderplanung« ein und kündigt mit Blick auf die nächste Saison einen »Kaderumbruch« an. Vier oder mehr Verträge würden wahrscheinlich aufgelöst, darunter auch solche, die über 2017 hinaus Gültigkeit besitzen. Dem Management ist jetzt klar, dass jene Generation, die an allen sieben Meistertiteln zwischen 2005 und 2013 maßgeblich beteiligt war, nicht mehr ausreichend zu motivieren ist und den Leistungszenit überschritten hat. Eine Erkenntnis, der man sich viel zu lange verschlossen hatte.

Beim jüngsten Anschutz-Gespräch ist auch eine weitere Personalie geklärt worden. Auf Wunsch von Chefcoach Krupp wurde mit dem Franco-Kanadier Stephane Richer ein erfahrener Co-Trainer geholt. Der 50-Jährige agierte schon vergangenen Freitag im Spiel gegen München erstmals an der Bande. Er war zwei Tage zuvor aus Los Angeles angereist und hatte eine erste Trainingseinheit mit dem Team absolviert. Richer will mit Krupp und dem bisherigen Co-Trainer Marian Bazany die Eisbären unter allen Umständen ins Viertelfinale bringen. Nach dem ersten Training war er optimistisch: »Ich habe gespürt, die Jungs sind mit Feuereifer dabei.«

Richer, der in Mannheim als Spieler vier Mal Meister wurde und als Motivator bekannt ist, war Manager und Co-Trainer der Hamburg Freezers und nach dem DEL-Aus der Hamburger Europa-Scout des NHL-Klubs Los Angeles Kings, der wie die Eisbären auch zur Anschutz Entertainment Group gehört. »Von seiner Eishockeykompetenz wird das ganze Team profitieren«, ist sich Krupp sicher. Die Rettung der verkorksten Saison läuft bei den Eisbären auf Hochtouren.

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