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BVG - Ich liebe dich nicht

Und dann verpasste die ältere Frau der To-Go-Trägerin einen Hüft-Bumser: Impressionen eines Arbeitswegs

Was für ein schönes Winterwunderland, dachte ich noch am Abend verzückt beim Anblick der leise rieselnden Schneeflocken. »Die Stadt wird so wunderbar leise. Wie verzaubert!«, strahlte auch meine Honigkuchenpferd-Mitbewohnerin. Und dann das. Kalter, grauer Schneematsch reißt mich morgens aus meinem romantischen Anfall. Straßenränder: Unbefahrbar. Fahrrad: Eingeschneit. Schloss: Festgefroren. Na gut. Ich nehme die scheiß U-Bahn.

Ich liebe dich einfach nicht, BVG. Deine Werbung schon. Aber nicht deine U-Bahn. Denke ich mir, als ich die vermatschten Stufen runterrenne. Ja: renne, denn mit der Bahn brauche ich 10 Minuten länger zur Arbeit als mit dem Rad. Ich stehe vor dem Ticket-Automaten und mir wird klar, dass die Preise inzwischen bei 2,80 Euro liegen. Wann ist das eigentlich passiert? Als ich nach Berlin kam, kostete ein Ticket zwei Euro. Nicht dass mich das gekratzt hätte in meiner Studiticket-Schaumwolke. Aber was denken die sich eigentlich? Als wäre der Service seitdem irgendwie besser geworden. Oder die Schienen teurer. Warum lassen wir das nochmal mit uns machen?

Die berollkofferte Frau vor mir versucht nach Kräften, Widerstand zu leisten. Gegen den Ticket-Automaten. Der will ihr Geld partout nicht annehmen. Sie aber ist ungehorsam, will unbedingt bezahlen. Ihre Münzen spuckt der Automat wieder aus. Sie versucht es mit einem 10-Euro-Schein. Will er auch nicht haben. Sie seufzt. Der Mann neben ihr seufzt. Das Mädchen vor mir seufzt. Ich seufze. Gestresst blicken wir alle hoch auf die Uhr: Noch zwei Minuten. Ich schaue mich um. Auf der Bank sitzt ein Mann. Zusammengesackt. Sein Kinn berührt seinen Bauch. Unter ihm bahnt sich ein kleines Piss-Rinnsal seinen Weg zum Gleis. Wenn der tot ist, merkt das keiner, denke ich.

Die Frau versucht es mit der Bankkarte. Bingo! Sie bekommt ein Ticket. Der Mann neben ihr auch. Das Mädchen vor mir auch. Ich auch. Zwei Euro achtzig!

Die inzwischen natürlich längst angekommene Bahn hält aus unerfindlichen Gründen ganz vorne. Nächster Zug: in sechs Minuten! Keine Chance. Ich muss die hier kriegen. Dann halt kein Kaffee mehr. Die Herde noch schlafender Arbeitsgänger rennt, ihre To-Go-Becher balancierend, auf die blinkenden und sich schließenden Türen zu. Määäh, denke ich. Und renne hinterher. Noch 15 Minuten!

Die reingequetschte Menge beäugt sich wütend. Der da hält seinen Arm viel zu nah an meinem Gesicht. Die da sticht dem da mit ihrem Buch fast ein Auge aus. Könnte die nicht mal aufpassen! So geht es bis zum Kotti. Und zum Moritzplatz. Jannowitzbrücke. Bis hierher liefs noch ganz gut. Bis hierher liefs noch ganz gut.

Doch dann nimmt eine junge To-Go-Trinkerin einer älteren Dame bestimmten Schrittes beim Aussteigen die Vorfahrt. Wer aus den Sitzecken raus muss, wird in den Gang gelassen, sagt ein ungeschriebenes Gesetz. Reißverschlussprinzip. Vielleicht ist die To-Goistin frisch zugezogen. Sie rempelt die ältere Frau an und steigt einfach aus, mit unschuldiger Miene. Dankeschön! Brüllt die ihr hinterher. Keine Reaktion. Ohrstöpsel verhindern erfolgreich die Interaktion mit der Umgebung.

Durch die beherzte, benachteiligte U-Bahn-Aussteigerin geht ein Ruck. Was zu viel ist, ist zu viel. Zwei Euro achtzig. Zu weit vorne gehaltener Zug. Zu voller Waggon. Und dann das. Denkt’s, rennt neben die To-Goistin – und verpasst ihr einen gekonnten Hüft-Bumser von der Seite. Ja: Einen Hüft-Bumser. Einen kräftigen Bums mit der kräftigen Hüfte. Die To-Goistin fliegt locker zwei Meter über den Bahnsteig. »Danke auch!«, ruft die Vorfahrts-Benommene ihr zufrieden ins Gesicht und stapft entschlossenen Schritts die Treppen hoch.

Die To-Goistin schaut sich suchend um. Aber niemand reagiert. Ich auch nicht. Der morgendliche Wahnsinn halt. Ich komme fünf Minuten zu spät. Niemand hat mich kontrolliert. Nee, Nee, Nee! Auf dem Rückweg fahre ich Schwarz. Zwei Euro achtzig. Eher brennt die BVG.

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