Werbung

Schaut auf diesen Mann!

Der DEFA-Dokumentarfilmer Karl Gass wäre am Donnerstag 100 Jahre alt geworden

Bei uns droht die ABOkalypse!

Wir brauchen zahlende Digitalleser/innen.

Unterstütze uns und überlasse die Informationsflanke nicht den Rechten!

Mach mit! Dein freiwilliger, regelmäßiger Beitrag:

Was soll das sein

Wir setzen ab sofort noch stärker auf die Einsicht der Leser*innen, dass linker Journalismus auch im Internet nicht gratis zu haben ist – mit unserer »sanften« nd-Zahlschranke.

Wir blenden einen Banner über jedem Artikel ein, verbunden mit der Aufforderung sich doch an der Finanzierung und Sicherstellung von unabhängigem linkem Journalismus zu beteiligen. Ein geeigneter Weg besonders für nd-Online-User, die kein Abo abschließen möchten, die Existenz des »nd« aber unterstützen wollen.

Sie können den zu zahlenden Betrag und die Laufzeit frei wählen - damit sichern Sie auch weiterhin linken Journalismus.

Aber: Für die Nutzung von ndPlus und E-Paper benötigen Sie ein reguläres Digitalabo.

Wer kennt schon, wer interessiert sich überhaupt für Dokumentarfilmer, verstorbene gar - und dann noch aus der DDR? Waren das nicht alles Propagandafilmer? Man nehme nur mal diesen Karl Gass, den »Schnitzler der DEFA«. Sein Wissensquiz »Sind Sie sicher«, habe man ja damals im Fernsehen immer geguckt, aber sonst ...

Da gibt es Klärungsbedarf. Und nicht nur, weil - wie es Fontane sagt - Geschichte von Toten handele, die sich nicht wehren könnten: Umso mehr hätten sie Anspruch auf Gerechtigkeit.

Karl Gass verfehlte seinen 92. Geburtstag nur um drei Tage. Er starb am 29. Januar 2009. Hundert aber hätte er werden wollen: »Ich kann doch meine Christel in dieser Welt nicht allein zurücklassen«, sagte er. Christel Gass, Schnittmeisterin und letzte Frau, will den 2. Februar in diesem Jahr wie einst begehen. Nur, dass sich rund um Karls Ohrensessel nicht mehr viele Weggefährten und Freunde einfinden können.

Gass - das ist ein Universum von 121 Filmen, 75 davon in eigener oder Co-Regie. Beruflich war Karl mein Ziehvater. Was später als die Langzeitdoku über die »Kinder von Golzow« bekannt wurde, ist seine Idee. Selbst wollte er die nicht realisieren, hielt sich schon für zu alt. Erlebte alles bis zum Abschluss mit und hätte darum eigentlich auch alles selbst machen können.

Auch wenn wir in der Arbeit verschiedene Wege gingen, blieben wir doch über die Jahrzehnte im Gespräch. Am 1. März 1998 lief dabei mal ein Tonband. Nach einem Film von WDR/3sat über mich wollte ich die Redaktion auch für einen über Gass erwärmen. Der ist dann wirklich zustande gekommen, hieß »Karl Gass - Filmdokumentarist im Sozialismus«, hatte 67 Minuten und gefiel Karl sogar. Dazu muss man wissen, dass Gass nach britischer Kriegsgefangenschaft beim NWDR Köln angefangen hatte. Wie Karl-Eduard von Schnitzler. Nur dass der schon da war und ihn einstellte: »Ohne ›Kled‹ wäre ich wohl als Steuerberater bei der Rheinischen Braunkohle gelandet«, erzählte Gass später.

Faschismus, Krieg und Nachkriegszeit motivierten Gass, den noch studierenden Volkswirtswirtschaftler, auch gleich, in die KPD eintreten zu wollen, »aber Max Reimann und andere sagten Schnitzler, Egel (späterer DEFA-Autor; W.J.) und ich sollten draußen bleiben. Als Parteilose könnt ihr im NWDR besser wirken.« Die »Kölnische Rundschau« blies allerdings schon zum Halali: »Die Herren sind zwar noch nicht endgültig vor Anker gegangen, aber ihr Schifflein schwimmt offensichtlich auf dem Roten Meer.«

Dem Mannheimer wird klar, wohin die westlichen Besatzungszonen steuern. Als Erster der Drei übersiedelt er 1948 nach Berlin (Ost), wird Mitglied der SED und Leiter der Wirtschaftsredaktion beim Berliner Rundfunk. Mit frisch und offenherzig gestalteten Sendungen wie »Wir schalten uns ein« oder »Wir sprechen für Westdeutschland« macht er sich einen Namen, aber auch immer mal Probleme. Leo Bauer (KPD): »Wer gestern im Westen den Beitrag des Genossen Gass hörte, der muss denken, die DDR-Wirtschaft ist ein einziger Sauhaufen.«

Das andere Deutschland hatte einen leidenschaftlichen Publizisten gewonnen, der dessen erste große Aufbaujahre mit dem Mikrofon und bald ebenfalls mit der Kamera begleitete. Mit viel Idealismus aus der britischen Besatzungszone gekommen, erkannte er jedoch bald auch, wie die DDR funktionierte und dass die notwendige förderliche Kritik unterschätzt wird. Vom Rundfunk 1950 aus ihm jedoch nicht genannten Gründen entlassen, verdankte Gass es Andrew Thorndike - bald schon »Präses« der DDR-Dokumentarfilmer - dass er im Berliner Studio Fuß fassen und Mitautor und Texter nicht nur bei dessen Filmen werden, sondern auch an den Wochenschauen »Der Augenzeuge« mitarbeiten konnte. 104 dieser Sendungen sind es bis zum Ende von Gass’ beruflicher Laufbahn.

Ab 1953 folgten die ersten, unterschiedlich gewichtigen Filme in eigener Regie oder Co-Regie: »Im Paradies der Ruderer« (Karl war 1940 deutscher Meister im Achter), »Nach 900 Tagen« (Aufbau des Eisenhüttenkombinats Ost), »Turbine 1« (beispielgebende Schnellreparatur im Kraftwerk Zschornewitz), »Vom Alex zum Eismeer« (mit einem Fischtrawler in die Barentssee). Manch einer kennt noch das Lied, das den Film überlebte.

Karl Gass hat übrigens nur noch Anfang der 1960er Jahre wenige Male mit Karl-Eduard von Schnitzler zusammengearbeitet. Am bekanntesten wurde »Schaut auf diese Stadt« über die Rolle Westberlins im Kalten Krieg und »die Maßnahmen der DDR vom 13. August 1961«. Angesichts der Hasstiraden, mit denen die westlichen Medien völlig undifferenziert und unisono kein gutes Haar an allem ließen, was die DDR tat oder ließ, war dieser Film nichts anderes als eine ebensolche Erwiderung: der grobe Keil auf den groben Klotz.

»So sehr befreundet sind wir ja nicht mehr«, sagte Gass 1998. »Schnitzler und ich hatten ja im Zusammenhang mit seinem ›Schwarzen Kanal‹ heftigen Streit. Das muss um das Datum der internationalen Anerkennung der DDR herum gewesen sein, als ich ihm sagte, dass die Sendung unter den gegebenen Umständen keinen Sinn mehr hat. Dass man sie vor allem nicht mehr so machen kann.«

Gass erkannte, dass es bei bloßem Schlagabtausch zwischen West und Ost nicht bleiben konnte. In nunmehr gesicherten Grenzen, wie man glaubte, will er künftig mit Entdeckungen aus der Arbeitswelt einer werdenden sozialistischen Gesellschaft überzeugen. Die Filme »Feierabend« (1964) und »Asse« (1966) über den Bau des Petrolchemischen Kombinats Schwedt erzählen »große Geschichte von unten«, aus der Perspektive derer, die sie Tag für Tag schreiben, indem sie sich den vor ihnen stehenden Problemen stellen und sie lösen. Karl Gass tat damit in den Augen der Zensoren nicht immer das Richtige. Denn Filme, die sich mit der Darstellung jenes »zwei Schritte voran und einen zurück« beim Ringen um Erfolge aufhielten und glücklich Überwundenes noch einmal auf die Leinwand zurückholten, wenn es Gelungenes zu feiern galt, verdienten damals nicht unbedingt einen Orden. Den gab es eher für astreine Erfolgsbilanzen, beispielsweise zu besonderen Jahrestagen der DDR.

Der Genosse Gass hatte ein konfliktreiches Verhältnis zur SED. So sehr er bereit war, Gefordertes umzusetzen, wenn er Ziele und Strategien der Partei unterstützen konnte, so wurde er durch die Art, wie er sich einbrachte und Aufgaben auf eigene Weise beizukommen versuchte, auch unter Umständen zum »unsicheren Kantonisten«, noch dazu zu einem mit störendem Hang zur Dominanz. »Ich war nur einmal in einer Parteileitung«, sagt Karl. »Nicht mal für ein halbes Jahr. Dann hieß es, das sei nun wohl mehr eine Gas(s)-Leitung, und es wurde neu gewählt.«

Gass war einer von drei Gründervätern der Leipziger Dokumentarfilmwoche, die 1955 als gesamtdeutsches Festival gedacht war, es aber erst 1990 werden konnte. Die weltgrößte internationale Tribüne der Gattung war es schon zu DDR-Zeiten. Mit »Zwei Tage im August« über die Beziehungen zwischen Hiroshima, Nagasaki und der Potsdamer Konferenz wie mit »Das Jahr 1945« gewann er hier 1982 und 1985 endlich selbst »Goldene« und »Silberne Tauben«. Zwei Millionen Zuschauer für Letzteren - eine tiefschürfende, berührende Dokumentation in Spielfilmlänge - lösen nun auch einen Nationalpreis 1. Klasse aus.

Gass hatte sich mit Erfolg auf die Auseinandersetzung mit der jüngsten Zeitgeschichte zurückgezogen, in der er sich souveräner fühlte. Auch wenn ihm die Partei nach seinen zahllosen filmischen Wortmeldungen, die ihre »Ecken und Kanten« - so ein Filmtitel - hatten, (allzu) langsam klüger zu werden schien und ihn nicht mehr vor allem als Querulanten, sondern als Nestor des DEFA-Dokumentarfilms, der längst Schüler hatte, ernst nahm, blieb Karl angesichts der Perestroika, der die SED nicht folgte, deren wacher, zunehmend skeptischer Beobachter.

Schon 1983 sagte er in einem Interview am Schneidetisch zu den Hoffnungen, die wir uns perspektivisch mit den »Kindern von Golzow« machten: »Dazu gehört (...) ein ungeheures Maß an Vertrauen in das, was unsere Gesellschaft leisten will und zu leisten imstande ist. Und das, was heute vorliegt, ist ein Beweis dafür, dass dieses Vertrauen berechtigt war.« Wonach er in einem Atemzug hinzufügte: »Den letzten Satz kannste streichen.« Als wir das Gesagte 1992 endlich in »Drehbuch: Die Zeiten« veröffentlichen können, ist weder der eine noch der andere Satz »gestrichen«.

1998 redeten wir also wieder einmal miteinander, und Karl saß mir mit roter Nelke in der Vase und roter Socke am hochgelegten Bein in seinem Sessel gegenüber. Sicher hat es ihn anfangs bekümmert, dass ich kein Genosse wurde. Aber ich kann nicht sagen, dass er mich je hätte werben wollen oder mir dafür gar »die Instrumente zeigte«.

Nun sprach er von jenem unantastbaren Prinzip des »demokratischen Sozialismus« in der SED, das einfach nur bedeutete: »Zuviel Zentralismus - zu wenig Demokratie«. Und er sprach von »undemokratisch zugeordneter Autorität«. Das lag hinter ihm. Er hielt es mit Günther Grass, der sich in der Frankfurter Paulskirche schon vor Jahren mal zu dem Satz verstieg: »Wir leben in einer demokratisch legitimierten Barbarei.« Grass und Gass hatten übrigens ein ähnliches Naturell.

Unter eine Erklärung der »Gesellschaft zum Schutz von Bürgerrechten und Menschenwürde« hat Karl nach 1990 auch seinen Namen gesetzt: »Wir haben mit aufrichtigen Absichten und humanistischer Gesinnung für die sozialistische Idee gearbeitet und gelebt, trotz Kritik und Mängeln. Wir sind bereit, uns dafür zu verantworten. Angesichts des realen Kapitalismus festigt sich unsere Überzeugung: Für den Sozialismus haben wir nicht zu viel, sondern zu wenig getan.«

Als ich ihn fragte, ob er sich jetzt in der PDS besser aufgehoben fühle, kam: »Du, ich bin nicht in der Partei! Ich will mit irgendwelcher Disziplin nichts mehr zu tun haben. Aber ich möchte im Nachhinein unter keinen Umständen als Dissident erscheinen.« Allenfalls nannte er sich einen »parteiverbundenen Dissidenten«, der in Kleinmachnow monatlich in Höhe eines Mitgliedsbeitrages spende.

Es gäbe aber einen Grund, eines Tages doch noch in die Partei einzutreten, meinte er noch: »Wenn ich mich von der Welt verabschiedet habe, dass dann eine Annonce in der Zeitung sein kann - der Genosse Gass habe uns verlassen ...«

Der Autor ist ein Schüler von Karl Gass und gehört zu den international bekanntesten Dokumentarfilmern der DEFA. Zusammen mit seiner Frau Barbara Junge hat er das Dokumentarepos »Die Kinder von Golzow« geschaffen, eine Langzeitdokumentation über Schüler einer Schulklasse im brandenburgischen Golzow, die 1961 begann und bis 2007 die Lebenswege von 18 Menschen begleitete und weltweit die längste Dokumentation der Filmgeschichte ist.

ndPlus

Ein kleiner aber feiner Teil unseres Angebots steht nur Abonnenten in voller Länge zur Verfügung. Mit Ihrem Abo haben Sie Vollzugriff auf sämtliche Artikel seit 1990 und helfen mit, das Online-Angebot des nd mit so vielen frei verfügbaren Artikeln wie möglich finanziell zu sichern.

Testzugang sichern!

9 Ausgaben für nur 9 €

Jetzt nd.DieWoche testen!

9 Samstage die Wochenendzeitung bequem frei Haus.

Hier bestellen