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Totes Meer in Gefahr

Der einzigartige Salzsee braucht dringend Wasser

  • Von Sara Lemel, Ein Gedi
  • Lesedauer: 4 Min.

In erhabener Stille schimmert das Tote Meer türkisblau in der Wintersonne. Die Wellen rollen sanft ans Ufer. Ein paar Touristen waten langsam ins Wasser. Wegen des extrem hohen Salzgehalts - mit 34 Prozent zehnmal höher als im Ozean - kann man sich im Toten Meer treiben lassen wie ein Korken, der nicht untergeht.

Es ist ein einzigartiger Ort, gelegen am tiefsten begehbaren Punkt der Erde - etwa 420 Meter unter dem Meeresspiegel. Besucher des Naturwunders fühlen sich in der spektakulären Landschaft mit sandsteinfarbenen Bergen zurückversetzt in biblische Zeiten. »Es ist das erste Mal, dass ich einen Salzstrand sehe«, sagt Vince Russo aus dem US-Bundesstaat Michigan, der mit seiner Freundin unterwegs ist. »Wirklich wunderschön.«

Doch die Idylle ist in Gefahr. Das als Heilquelle für Hautkranke und Allergiker bekannte Meer, das zwischen Jordanien, Israel und den Palästinensergebieten liegt, trocknet aus. »Gut einen Meter sinkt der Wasserspiegel im Jahr«, sagt die deutsche Umweltschützerin Gundi Schachal, die seit Jahrzehnten im Kibbutz Ein Gedi in Ufernähe lebt. Ein Grund ist, dass das Süßwasser aus seinem Hauptzufluss, dem Jordan, fast komplett abgepumpt wird. Im Süden des Sees tragen die Unternehmen Dead Sea Works und die Arab Potash Company zum Rückgang des Wasserpegels bei. Sie lassen Wasser verdampfen, um kostbare Mineralstoffe zu gewinnen.

Früher konnten Besucher des Ein Gedi Spa direkt ins Wasser gehen, heute muss ein Traktor sie fast zwei Kilometer weit an den Strand ziehen, der immer weiter zurückweicht. Schachal kam 1979 erstmals in den Kibbutz. »Damals kam das Wasser noch fast bis an die Hauptstraße«, erzählt die 54-Jährige wehmütig.

Auf dem Weg zum Strand lauern Tücken. Die Erde ist porös, bei jedem Schritt muss man fürchten, der Boden könnte einbrechen. Rund 5000 Senklöcher haben sich gebildet. Jedes Jahr kommen rund 300 weitere gefährliche Erdlöcher dazu. Vier Menschen seien bereits verletzt worden, als der Boden unter ihnen einstürzte, erzählt Schachal, während sie Besuchern einen verlassenen Zeltplatz zeigt. »Bitte nicht alleine herumgehen, es ist wirklich gefährlich«, mahnt die Frau. Einige der Betonplatten, auf denen früher die Zelte standen, sind eingebrochen, weil das Erdreich unter ihnen nachgab.

Heute ist das Campen verboten. Der Strand ist nur noch an wenigen Stellen zugänglich und die Zahl der Touristen ist in den vergangenen Jahren stetig gesunken, von 183 500 im Jahr 2010 auf 143 500 im Jahr 2015.

Einige der Löcher, die bis zu 25 Meter tief und 40 Meter breit werden können, ähneln riesigen Mondkratern, manche davon sind mit Wasser gefüllt. Die Löcher entstehen, weil unterirdische Salzschichten durch Süßwasser ausgewaschen werden, das dem sich zurückziehenden Meerwasser nachfolgt. Dadurch entstehen Hohlräume unter der Oberfläche.

Das fortschreitende Austrocknen des Salzmeers, wie es auf Hebräisch heißt, birgt weitere Gefahren für die umgebende Natur. Viele Wildtiere leben in umliegenden Oasen, darunter Steinböcke, Klippschliefer, Adler und Füchse. Ein Naturreservat am Toten Meer sei eine wichtige Ruhestation für Zugvögel, von denen rund 500 000 die Region zweimal im Jahr durchqueren, sagt Schachal.

Zur Rettung des Toten Meers haben sich die Anrainer Israel, Jordanien und die Palästinenser mit der Weltbank auf den Bau eines »Friedenskanals« geeinigt. Vom Roten Meer soll Wasser in eine Entsalzungsanlage in der jordanischen Küstenstadt Akkaba gepumpt und dort zu Süßwasser verwandelt werden.

Umweltschützer warnen jedoch vor möglichen gefährlichen Auswirkungen des Projekts auf das Ökosystem. »Das Wasser im Roten Meer hat eine ganz andere Chemie als das Wasser im Toten Meer«, sagt Schachal. Durch die Mischung könne sich etwa Gips bilden. Außerdem könnten Algen aus dem Roten Meer importiert werden, die das Ökosystem im Salzmeer stören könnten. Schachal plädiert stattdessen für eine Wiederbelebung des Jordan-Flusses, indem man weniger Wasser abpumpt.

Der deutsche Geologieprofessor Stephan Kempe von der TU Darmstadt sieht das internationale Projekt als kleineres Übel. »Natürlich wäre es schöner, wenn man den Jordan reanimieren könnte. Aber das ist nicht realistisch.« Das Frischwasser - auch in den Oberläufen - werde von Syrien, Jordanien, Israel und Palästinensern gebraucht, besonders angesichts der Flüchtlingskrise. Selbst wenn der Jordan wieder in voller Kraft fließen sollte, würde das nicht zum Ansteigen des Wasserpegels im Toten Meer, sondern nur zu einer Stabilisierung der Lage führen, erklärt er. dpa/nd

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