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Antizyklisch von West nach Ost

Eine halbe Million Menschen haben der Bundesrepublik zwischen Gründung und Ende der DDR - zumindest zeitweilig - den Rücken gekehrt, um in der anderen deutschen Republik zu leben

  • Von Gabriele Oertel
  • Lesedauer: 5 Min.

Ein gänzlich anderes und bislang erheblich unterbelichtetes Kapitel in der ganz großen Erzählung über deutsch-deutsche Befindlichkeiten betrifft Menschen, die den Weg von West nach Ost gegangen sind. Wenn sie auch nur ein Achtel derer ausmachen, die während der Zweistaatlichkeit aus der DDR in die Bundesrepublik geflüchtet oder ausgesiedelt sind - es waren immerhin 500 000, die zwischen 1949 und 1989 die entgegengesetzte Richtung einschlugen. Ihnen hat die Berliner Erinnerungsstätte Notaufnahmelager Marienfelde eine Ausstellung gewidmet, die noch bis zum 17. April dort zu sehen ist und hernach auf Wanderschaft gehen soll. Zwanzig Schicksale stehen für die unterschiedlichsten Beweggründe, der großen Republik im Westen den Rücken zu kehren und in der kleinen östlichen eine Perspektive zu sehen.

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Auch wenn die Ausstellungsmacher vorsorglich gleich eingangs betonen, dass die meisten West-Ost-Übersiedler ihre Entscheidung kaum aus politischen Gründen oder Überzeugungen getroffen hätten, sondern zu Familie, Freunden oder einer neuen Liebe wollten, vor Strafverfolgung flüchteten, dem Ruf der Kirchen folgten, eine Arbeit, ein besseres Leben oder einen Neuanfang suchten - die meisten der in Marienfelde zu besichtigenden Biografien zeigen dennoch eine ziemlich politische Migrationsgeschichte. Eine im Kalten Krieg eben, die getreu dem guten alten Spruch, dass das Private immer auch politisch und das Politische auch stets privat ist, weit mehr als nur ein Ortswechsel in Deutschland war.

Neugier und Abenteuerlust, Hoffnung und Illusion - alles war beim ganz persönlichen Systemwechsel dabei. Die einen haben die zumeist konservative Empfehlung für Kritiker an bundesdeutschen Verhältnissen »dann geh› doch rüber« einfach wörtlich genommen, andere sich pfiffig manchen privaten Vorteil ausgerechnet. Einige sind aus ausweglosen ökonomischen Verhältnissen geflüchtet und manche, weil sie für Beruf oder Bildung größere Chancen in der DDR vermuteten. Und ja, auch aufgeflogene Agenten und in den Untergrund abgetauchte RAF-Mitglieder waren darunter, die mit dem Grenzgang einer juristischen Verfolgung entgehen wollten. Doch zur Wahrheit gehört eben auch, dass es nicht Wenige gab, die sich ganz bewusst für den anderen deutschen Staat entschieden, weil er sich Antifaschismus, Gerechtigkeit und Sozialismus auf die Fahnen geschrieben hatte. Dazu gehörten Kommunisten, die nach dem KPD-Verbot eine neue vorübergehende Heimat zwischen Rügen und Erzgebirge fanden, Künstler und Wissenschaftler, die dem gänzlich Neuen beim Wachsen nicht nur von Ferne zuschauen wollten.

Für viele, die mit ganz großem Enthusiasmus oder eher überschaubaren Erwartungen kamen, erfüllten sich die Träume nicht - ist Tenor der Ausstellung. Von den Problemen des realsozialistischen Alltags in Betrieben und Wohnungsverhältnissen überfordert, mit Neid, Missgunst, Unverständnis und Feindseligkeiten konfrontiert, vom MfS bespitzelt oder von der Nichteinhaltung von Zusagen enttäuscht, sollen bis 1961 fast 50 Prozent der aus der Bundesrepublik Gekommenen wieder zurückgekehrt sein. Auch, weil es die bis 1957 stattgefundene privilegierte Behandlung nicht mehr gab.

Doch das war in der DDR nicht der einzige Umschwung im Umgang mit dem Bevölkerungszuwachs aus dem Westen. Die Ausstellung »Wechselseitig. Rück- und Zuwanderung in die DDR 1949 bis 1989« widmet freilich der ideologischen Auseinandersetzung zwischen beiden deutschen Staaten eine gesonderte Aufmerksamkeit. Für die DDR, so heißt es da, habe die wachsende Zahl der West-Ost-Übersiedler in den 1950er Jahren als Beleg für die Krise des Kapitalismus und die Attraktivität des sozialistischen Gesellschaftsmodells gedient, während im Westen stets überwiegend von persönlichen und nicht politischen Gründen die Rede gewesen sei - woran sich die Mariendorfer Erinnerungsstätte auch ein Vierteljahrhundert nach der deutschen Einheit zu halten scheint. Interessanter ist die Beobachtung der Forscher, dass die zunächst zahlreichen Medienberichte in der DDR über die West-Ost-Übersiedlung im Allgemeinen wie im Einzelnen und die regelmäßige Berichterstattung über von der Nationalen Front organisierte »Rückkehrer-Konferenzen« im Oktober 1966 abrupt abgebrochen seien. Ob dies mit den durchaus in Zeitungsarchiven nachzulesenden kritischen Wortmeldungen von DDR-Neubürgern wie Angestammten auf solchen Versammlungen oder der nach dem Bau der Mauer zunehmenden Zahl von Flüchtlingen aus der DDR in den Westen zu tun hatte, ist unstrittig: mit beidem.

Fast zwanzig Jahre nach dem Ende der Berichterstattung über das sensible Thema - am 6. März 1985 - erlebte sie jedoch, wenn auch auf die Ost-West-Abwanderung bezogen, noch einmal ein Comeback, zunächst auf Seite 3 in »Neues Deutschland«. Unter der Schlagzeile »Über 20 000 Ehemalige wollen zurück« waren mehr als 100 Namen von Menschen aufgelistet, die mit dem Gedanken spielen würden, aus der BRD zurück in die DDR zu kommen. Am 8. März wurde eine halbe Zeitungsseite den Leserbriefen zum Thema zur Verfügung gestellt, die vielfach ablehnend ausgefallen waren. Tags darauf wurde dann - nicht gerade die Norm im Zentralorgan der SED - ein Interview des Deutschlandfunks mit drei Rückkehrwilligen veröffentlicht, in denen die Betroffenen vor allem ihre Sorgen um den Arbeitsplatz in der Bundesrepublik und die mangelnde Perspektive für die Kinder als Gründe für ihren Wechselwunsch schilderten. Am 13. März schlug »Kennzeichen D« im ZDF zurück und teilte mit, dass in 40 Stichproben-Überprüfungen nur sieben Bestätigungen ermittelt werden konnten. Wie viele Rückkehrwillige es auch immer gegeben haben mag - spätere Dementis sind von beiden Seiten nicht überliefert. Der Kampf um die Zahlen war, wie wir unabhängig von unserer Geschichte und geografischen Verortung alle gemeinsam wissen, nicht die letzte Propagandaschlacht in der deutsch-deutschen Systemauseinandersetzung.

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