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»Wo kann ich denn noch Urlaub machen?«

Sieben Tage, sieben Nächte über sinnfreien Optimismus, Luxusprobleme und ausgebuchte Marx-Seminare

  • Von Regina Stötzel
  • Lesedauer: 3 Min.

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Wie viele finstere Jahre stehen uns bevor? Fünf? Gar zehn? Wie schlimm wird es noch? Sind wir schon mittendrin oder stehen wir erst am Anfang allen Grauens? Einem Gespräch von Kollegen beizuwohnen, das sich um solche Fragen dreht, lässt erschaudern. Wann es Zeit ist, die Sachen zu packen, und wohin man überhaupt noch gehen kann, wenn es noch schlimmer wird, diskutieren Freunde. Dass die Nachrichten so furchtbar sind wie noch nie, meinen die Eltern, die immerhin einige Jahrzehnte vergleichen können.

Terror hier, Krieg da, Rechtspopulisten an der Macht oder kurz davor, Rassisten auf der Straße oder »ganz normale« Leute im Bus, die »die Flüchtlinge« und deren »Ansprüche« genau zu kennen glauben - das ist schon kaum auszuhalten. Dazu Menschen im eigenen Umfeld, die sich immer merkwürdiger verhalten. Die einen schwärmen noch Monate nach dem Ende des »Sommers der Migration« von Angela Merkel, die anderen entdecken - natürlich kein bisschen nationalistisch - das deutsche »Wir« in sich. Einmal mehr treibt die Devise »Der Feind meines Feindes ist mein Freund« Blüten, die man nicht für möglich gehalten hätte.

Beinahe wehmütig erinnert man sich an die Finanz- und Wirtschaftskrise. Linke wetterten solidarisch mit Griechen und Spaniern über Schäubles Austeritätspolitik, frohlockten wegen ausgebuchter Marx-Seminare und freuten sich an neuen sozialen und politischen Bewegungen, die zumindest anderswo entstanden. Jetzt, so viel steht fest, ist alles viel viel schlimmer.

Allerdings, dann ist da auch der Kollege, der sagte, dass es ihm persönlich eigentlich wunderbar geht und besser als noch vor Jahren. Manch eskapistische Bestrebung entpuppt sich bei genauerem Hinsehen als das Luxusproblem: »Wo kann ich denn noch Urlaub machen?« Zumindest aus einer privilegierten Situation in diesem Land heraus gesprochen ist doch das eine oder andere an der großen Misere gefühlt. Die Wahrscheinlichkeit, in Deutschland bei einem Terroranschlag umzukommen, ist fast gleich null, die AfD hat noch lange nicht die Regierung übernommen und wenigstens theoretisch ist noch einiges zu retten.

Zwar soll hier keineswegs sinnfreier Optimismus verbreitet werden, wir sind ja nicht die SPD. Doch war das faktische Zeitalter eben auch kein Zuckerschlecken (Seite 23). Und manchmal bedarf es eines Abgleichs mit der Realität, des antizyklischen Besuchs eines Marx-Seminars (also zum Beispiel jetzt), um das Wesentliche nicht aus den Augen zu verlieren, oder wenigstens einer dialektischen Herangehensweise an die Dinge - etwa mit den Worten des wunderbaren J. J. Voskuil (»Das Büro«, Bd. 4) gesprochen: »Die Atmosphäre hatte etwas Trostloses wie am Ende der Zeiten, auch wenn der Gedanke an das Ende der Zeiten etwas Tröstliches hatte.«

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