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Gegenwind, aber Pustekuchen

Die Stadt Müncheberg sperrt sich gegen neue Windräder, doch es wird wohl nichts nutzen

  • Von Andreas Fritsche
  • Lesedauer: 5 Min.

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Bei Obersdorf (Märkisch-Oderland) stehen schon einige Windräder auf dem Acker. Eine Einwohnerin sieht die Anlagen aus den Fenstern ihres Hauses. Sie hört auch das Rauschen der Rotorblätter, findet das Geräusch allerdings noch erträglich. Prinzipiell hat sie nichts gegen Windenergie, im Gegenteil. Doch nun sollen sieben weitere Windräder in der Gemarkung gebaut werden - größere und diesmal viel näher zur Ortschaft hin. Das beunruhigt die Frau, ihre Nachbarn und auch die Bewohner im Nachbardorf Trebnitz, zumal ihnen etliche Aspekte wie die technischen Details nicht hundertprozentig klar sind.

Die Genehmigung wurde durch die EnBW Windkraftprojekte GmbH beantragt. Eine nd-Nachfrage beim Energiekonzern EnBW in Stuttgart ergibt, dass die Errichtung von sieben Anlagen des Herstellers Vestas Typ V 126 vorgesehen ist, Leistung je Windrad 3,45 Megawatt, Nabenhöhe 137 Meter, mit Rotorblatt gerechnet 200 Meter. Zu den Investitionskosten kann oder will der Konzern nichts sagen. Erst einmal soll die Genehmigung abgewartet werden. »Wir rechnen damit, dass wir im dritten oder vierten Quartal 2017 eine Rückmeldung bekommen«, sagt eine Unternehmenssprecherin. Erst danach könne mit dem Bau begonnen werden. Die Inbetriebnahme sei frühestens Ende 2018 möglich.

Aber auch dieser Termin wackelt. Schließlich versagt die Stadt Müncheberg, zu der Obersdorf und Trebnitz gehören, im Genehmigungsverfahren das abverlangte Einvernehmen. Das haben die Stadtverordneten am vergangenen Donnerstagabend einstimmig beschlossen - unter dem Beifall von 40 betroffenen Zuschauern. Damit ist das Vorhaben zunächst einmal blockiert.

Jedoch nicht für alle Zeiten. Die Stadt beruft sich nämlich darauf, dass die sieben neuen Windräder außerhalb des bislang ausgewiesenen Windenergieeignungsgebiets aufgestellt werden sollen. Zwar hatte das Stadtparlament im Oktober 2014 die Aufstellung eines Bebauungsplans »Windpark Obersdorf-Trebnitz« beschlossen und auch schon ein Stück vorangetrieben. Doch es wurden Bedenken laut und das Verfahren wurde nicht fortgeführt.

Es ist allerdings möglich, dass neue Windeignungsgebiete ausgewiesen werden und wenn die Stadt dann wieder nicht mit dem EnBW-Projekt einverstanden sein sollte, könnte sich das Landesumweltamt darüber hinwegsetzen, sagt Bürgermeisterin Uta Barkusky (LINKE).

Charlotte Schmidt aus Obersdorf ist positiv überrascht von dem einstimmigen Beschluss der Stadtverordneten, muss aber zur Kenntnis nehmen, dass die Bürger damit noch lange nicht gewonnen haben. Wenigstens sei doch nun festzuhalten, so vergewissert sie sich, dass die Stadt künftig in dieser Angelegenheit an der Seite der Obersdorfer und Trebnitzer kämpfen werde. Bürgermeisterin Barkusky lächelt und nickt.

Anwohner Martin Swoboda betont, Obersdorf leide schon jetzt unter den bereits vorhandenen Windrädern. Er nimmt es als Bedrohung wahr, dass die neuen Windkraftanlagen höher sein sollen und näher an die Ortschaft heranrücken. Er zeigt eine maßstabsgerechte Zeichnung vom Müncheberger Kirchturm, der sich sehr klein ausnimmt neben einem Windrad, das auf dieser Darstellung hoch hinaus reicht, gleichauf mit dem Restaurant in der Kugel des Berliner Fernsehturms. Swoboda verweist auf die Lärmbelästigung und die sogenannte Verschattung. Diese Verschattung entsteht, wenn die Strahlen der tief stehenden Sonne durch die kreisenden Flügel der Windräder gebrochen werden und es Lichtreflexe gibt, die in den Augen schmerzen. Mehr als 30 Minuten täglich könnten die Anwohner davon betroffen sein, wird gesagt.

Auch Isolde Mohr aus Trebnitz macht sich deswegen Sorgen. In Trebnitz gebe es durch eine Durchgangsstraße auch andere Lärmquellen. Der Verkehr nehme zu. »Es wird vermutlich nicht bei sieben Windrädern bleiben«, sagt sie. Mohr fragt nach, ob die Stadt Müncheberg einen finanziellen Vorteil von der Errichtung der Windräder hätte.

Nein, sagt Bürgermeisterin Barkusky. Da das Land in Privatbesitz sei, würde jemand anderes die Pacht einstreichen. Die Gewerbesteuer werde am Sitz der Firma gezahlt, die die Windkraftanlagen betreibe.

Anders sieht es im Müncheberger Ortsteil Hoppegarten aus. Dort sollen Windräder in den kommunalen Wald gestellt werden. Herr André aus Hoppegarten gründete eigens eine Bürgerinitiative, um diesen Plan zu verhindern. Er vermutet, ihm werde die Stadt nicht helfen, indem sie das Einvernehmen versagt. Das sei noch gar nicht heraus, beschwichtigt Bürgermeisterin Barkusky.

Energiepolitik ist vermintes Gelände. Anwohner beschwerten sich praktisch über alles: über neue Braunkohletagebaue, neue Windräder, neue Freileitungen, neue Biogasanlagen. So hat es der frühere Wirtschaftsminister und jetzige Landtagsabgeordnete Ralf Christoffers (LINKE) einmal beschrieben.

Den Eindruck, dass es in Brandenburg immer und überall Proteste gibt, wenn Windräder aufgestellt werden, kann der Landesverband Windenergie nicht bestätigen. Denn der Branchenverband führe darüber keine Statistik, sagt Laura Kölbel von der Verbandsgeschäftsstelle in Potsdam. »Unsere Erfahrungen zeigen: Wenn man die Bevölkerung frühzeitig informiert und Probleme bespricht, können Zweifel zerstreut werden.« Widerstand erschwere die Windkraftnutzung, könne sie aber nicht verhindern, wie der Ausbau der vergangenen Jahre zeige, sagt Kölbel.

Vor einem Jahr scheiterte in Brandenburg ein Volksbegehren gegen Windräder im Wald und für höhere Mindestabstände von Windrädern zu Wohnhäusern. Innerhalb von sechs Monaten waren nur 45 148 gültige Unterschriften zusammengekommen. Mindestens 80 000 Unterschriften wären aber notwendig gewesen.

Auch Thomas Jacob führt keine regelrechte Statistik, wann und wo es Proteste gegen Windräder gibt. Aber als Sprecher der Volksinitiative »Rettet Brandenburg«, die das Windrad-Volksbegehren eingeleitet hatte, besitzt er doch einen Überblick. »Im Jahr 2008, als wir angefangen haben, gab es gar keinen Widerstand. Wir waren ein kleines Häufchen Unentwegte«, erinnert er sich. »Inzwischen wehren sich Leute über das ganze Bundesland verteilt.« 100 Bürgerinitiativen gebe es. Doch leider resignieren viele Betroffene, sagt Jacob, der dies auch an sich selbst festgestellt hat. Viele deachten, dass es nichts nutze, darum sei auch die Marke von 80 000 Unterschriften verfehlt worden.

Tatsächlich sei die Situation in Müncheberg kein Einzelfall, versichert Jacob. Dass sich eine Stadt oder eine Gemeinde gegen Windräder ausspreche, dann aber das Landesumweltamt über die Köpfe der Bürger und der Kommunen hinweg entscheide, dies komme immer wieder vor.

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