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Klagedrohung und Dopingrazzia

Der Auftakt der Biathlonweltmeisterschaften verläuft ganz und gar nicht nach Plan des Weltverbands IBU

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Die Biathlon-WM 2021 wird nicht in Russland ausgetragen. Mit dieser klaren Botschaft wollte der Vorstand des Weltverbands IBU kurz vor Beginn der Weltmeisterschaften 2017 in Hochfilzen endlich Entschlossenheit demonstrieren. Doch wer die Beschlüsse des IBU-Kongresses vom Mittwochabend im benachbarten Fieberbrunn genauer betrachtet, erkennt darin erneut Zögern und vielleicht sogar einen Machtkampf zwischen der Exekutive und den IBU-Mitgliedsnationen.

Mehr als 200 Athleten und Trainer hatten zuvor härtere Strafen für Dopingsünder gefordert und damit die IBU zum Einberufen des Kongresses gezwungen. Auf dieser Mitgliederversammlung wurde jedoch keine der Forderungen beschlossen. Die Achtjahressperre für EPO-Doper wurde erwartungsgemäß mit dem Hinweis abgelehnt, dass sie gegen den Code der Welt-Antidoping-Agentur verstoßen würde. Die IBU wolle nun aber Vorschläge entwickeln, »wie der WADA-Code verschärft werden kann«, sagte ihr Präsident Anders Besseberg.

Höhere Geldstrafen oder der Entzug von Startplätzen für Nationen, deren Sportler erwischt werden, wurden auch nicht beschlossen. Darum soll sich nun eine Kommission um den Präsidenten des Deutschen Skiverbands (DSV), Franz Steinle, kümmern. Ihre Vorschläge werden möglichst bereits zur kommenden Saison umgesetzt und vom nächsten Kongress 2018 nachträglich abgesegnet.

Der zweimalige Weltmeister Erik Lesser begrüßte die Schritte. »Wir Athleten haben nicht erwartet, dass es zu festen Entscheidungen kommt. Ich glaube aber, mit der Arbeitsgruppe ist es ganz gut getan«, sagte der 28-Jährige. »Wenn unser DSV-Präsident seine Expertise einfließen lassen kann, haben wir ganz gute Chancen, einen Strafenkatalog aufzustellen, der zum einen abschreckend ist und zum anderen die Nationen in die Verantwortung nimmt, das selbst zu unterbinden«, so Lesser.

Der russischen Stadt Tjumen die WM 2021 zu entziehen, stand nicht im Forderungskatalog der Athleten. Sie hatten bewusst auf Aktionen gegen Russland verzichtet, so lange nicht klar bewiesen ist, wie groß der dortige Dopingskandal um zunächst 31, nun aber wohl nur noch neun russische Biathleten ausfällt. Trotzdem beschloss der IBU-Vorstand, den Vergabebeschluss von 2016 spätestens am 24. Februar 2017 zu annullieren. Bis dahin »lädt die Exekutive die russische Biathlon-Union ein, die WM selbst zurückzugeben«, erklärte Besseberg.

Was er nicht sagte, stand umständlich formuliert am Ende einer parallel ausgegebenen Pressemitteilung: »Der Kongress stimmte gegen die Aufnahme einer Abstimmung über den Entzug der WM 2021 in die Tagesordnung.« Im Klartext: Die Exekutive entschied sich für die Annullierung eines Kongressbeschlusses von 2016, obwohl die IBU-Mitgliedsnationen zuvor nicht mal über den Entzug abstimmen wollten.

Über die Gründe für Letzteres lässt sich nur spekulieren, drei Szenarien scheinen plausibel. Das unwahrscheinlichste ist, dass die anwesenden Delegierten aus diesmal nur 46 Nationen nicht so einfach die Vergabe durch alle 56 wahlberechtigten Verbände aus dem Sommer 2016 überstimmen wollten.

Es wäre auch denkbar, dass die Mitglieder vom Annullierungsplan der Exekutive wussten. Mit diesem wird Russland immerhin die Chance gegeben, durch den eigenen Rückzug das Gesicht zu wahren. Bei einem Entzug durch den Kongress wäre diese Chance nicht mehr gegeben. Die dritte Möglichkeit ist ein offen ausgetragener Machtkampf zwischen einer Mitgliedermehrheit und dem IBU-Vorstand. Denn interpretiert man die Weigerung, über einen Entzug abzustimmen, als den Willen, Tjumen die WM weiterhin zu überlassen, dann hätten sich Besseberg und Co. aktiv gegen zwei Beschlüsse des Kongresses gestellt.

Zur Erinnerung: Nach der Veröffentlichung des ersten Berichts von Dopingsonderermittler Richard McLaren hatte das IOC empfohlen, keine Titelkämpfe nach Russland zu vergeben. Die IBU-Mitglieder taten dies dennoch mit dem Hinweis darauf, dass das IOC bereits bestehende Bewerbungen angeblich noch zulasse. Besseberg konterte Kritik daran stets mit dem Hinweis darauf, dass es keine Entscheidung der IBU-Exekutive gewesen sei, sondern eine des Kongresses, seine Kollegen und er könnten dies nicht einfach ändern. Nun können sie offenbar doch.

Besseberg und Co. hofften offenbar, dass der russische Verband RBU die WM ebenso freiwillig zurückgibt wie die Junioren-WM 2017 in Ostrow. Doch eine Jugendveranstaltung richtet man eh nur aus, um mehr Chancen auf eine Senioren-WM zu haben. Nach dem Zuschlag für die WM 2021 ließen sich die Titelkämpfe in Ostrow leicht zurückgeben. Jedenfalls leichter als die großen in vier Jahren. »Wir sind absolut dagegen, freiwillig auf die WM zu verzichten«, sagte RBU-Chef Alexander Krawtsow am Mittwoch der Nachrichtenagentur TASS. »Wir prüfen, ob wir Klage einreichen.«

Auf eine beschauliche WM kann die IBU eh nicht mehr hoffen: Am Mittwochabend hatte Österreichs Polizei die Unterkünfte des kasachischen Nationalteams durchsucht und zahlreiche Medikamente sichergestellt. Schon im Januar waren Beamte an einem Autobahnparkplatz auf einen Karton der Kasachen gestoßen - »mit einer beträchtlichen Menge an Einwegspritzen, Infusionen und Ampullen sowie handschriftlichen Aufzeichnungen, die auf einen Dopingvorgang schließen ließen«, wie die Polizei jetzt mitteilte.

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