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Ingwer und »Superfood«

Von Paula Irmschler

  • Von Paula Irmschler
  • Lesedauer: 2 Min.

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Als wir kleine asslige Ossi-Kinder waren, spielten wir noch draußen, ohne Pokémon, und Mutprobe war erstens, sich Würmer im Schulgarten reinzupfeifen und zweitens, das geplante Ausreißen vor der Verwandtschaft auf Überlebenschancen zu überprüfen, also alles zu essen, was sonst so aus dem Erdboden wuchs: Löwenzahn, Sauerampfer, Bucheckern, Gras und saisonabhängig Schnee. Heute tauchen Zutaten dieses Elendsbuffets in Listen von »Superfood«-Apologeten auf. »Superfoods« sind Lebensmittel, die mehr können als normale Lebensmittel. »Superfoods« sind ganz besondere Lebensmittel. Otto Normalverbraucher isst so gut wie nie »Superfoods«. Das steht auf der Webpräsenz des »Zentrums der Gesundheit«. Der bäuerliche Otto Normalverbraucher, dieses Opfer, hat einfach keine Ahnung von gutem Essen! Barbarisch und bemitleidenswert gibt er sich zufrieden mit Nudeln und Brot und Cola. Vermutlich kann er sich nichts anderes leisten, haha. Ekelhaftes Prekariat. »Wenn sie kein Brot haben, sollen sie doch ›Superfood‹ essen.«

Ganz oben auf der Liste der Spätkapitalismuslangeweile: Ingwer. Nicht nur, dass einem überall seit wenigen Jahren »Ginger« als It-Getränkezutat untergejubelt wird (Ginger Beer, Ginger Limonade, Gingerale), nein, jetzt ist es wirklich überall.

Hat man sich früher normal Obst und Aspirin zugeführt, wenn eine Erkältung zu befürchten war, darf es nun nur noch Ingwer sein. »Einfach Ingwer und Wasser drüber, alles andere ist doch Humbug!« Wow, wie crazy ist das? Ingwer gesund, wer hätte es gedacht? Mittlerweile ist es überall drin, sogar in jedem Essen, alles schon erlebt (Berlin).

Immer wieder werden neue alte Lebensmittel entdeckt und als die geilste Zutat in den Ring geworfen, auf die nun alle schwören sollen. Vor ein paar Jahren war es die Gurke. Die Gurke! Mittlerweile muss man an Bars sagen, wenn man den Gin Tonic nicht mit ebenjenem Grünwassergemüse, sondern mit klassischer Zitrone runterstürzen will. Dann kam Auftritt Avocado, von der seit ein paar Monaten jedoch gemunkelt wurde, dass sie vielleicht doch nicht so gut ist, und schließlich wurde alles Detox, ein Vorgang, der früher noch Entschlackung oder Durchfall hieß.

Was erlebt als nächstes Reunion? Spargel - einfach, gut! Der Apfel - was schon unsere Großeltern über ihn wussten! Die Kartoffel - dreckig, ungeschält, ein Energielieferant! Da würden sich Superfoodler und Otto Normalverbraucher dann zumindest wieder an einem Tisch treffen. Das geht so lange gut, bis jemand um die Ecke kommt und den Kartoffelneulingen »Cultural Appropriation« vorwirft. Dann implodiert dieser ganze Ernährungsirrsinn einfach und wir gehen alle wieder normal in die Pommesbude. Und dort gibt es dann Ingwerpommes, jede Wette.

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