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Nicht mehr aus der Welt zu schaffen

Chemtrails und jüdische Weltverschwörung - derlei Theorien wird wegen ihres einfachen Weltbildes geglaubt

In Ihrer 2015 erschienenen Dissertation befassen Sie sich u. a. mit der Frage, wie Verschwörungstheorien entstehen. Sie sagen, dass alle Theorien der Versuch oder die Behauptung seien, etwas sei von den Medien oder der Wissenschaft nicht richtig dargestellt worden. Können Sie ein Beispiel nennen?

An den »Protokollen der Weisen von Zion« kann man das gut beschreiben. Es handelt sich hierbei um einen fiktionalen Text. Und in weiten Teilen um ein Plagiat. Denn er bedient sich literarischer Vorlagen, die er antisemitisch umdreht. Er beansprucht, eine Sammlung von Protokollen von geheimen Treffen der Juden zu sein. Angeblich soll sich um die Wende zwischen dem 19. und 20. Jahrhundert eine Art weltweiter Rat der Oberrabbiner auf wechselnden Friedhöfen in Europa getroffen haben, um eine jüdische Weltverschwörung zur Übernahme der Macht zu planen. Der Topos der Theorie ist, dass die Juden über ganz Europa verstreut sind und die Treffen auf den Friedhöfen genutzt werden, um eine Verschwörung gegen den Rest der Welt zu initiieren. Das ganze natürlich im Geheimen und im Dunkeln. Das ganze Konstrukt wurde wahrscheinlich vom damaligen russischen Geheimdienst lanciert. Es ging diesem auch um die Abwehr von antizaristischen Bestrebungen.

Wie kann man sich denn erklären, dass ein so offensichtlich haltloses Konstrukt so eine Wirkung entfalten konnte? Die Protokolle haben seit ihrer Entstehung eine weltweite Bekanntheit erlangt und finden noch heute Menschen, die an ihre Existenz glauben.

Das ist vielschichtig begründet. Zum einen war die Zeit gegen Ende des 19. Jahrhunderts geprägt von einer starken Modernisierung der Gesellschaft - mit all den Ängsten der Menschen, die mit solchen Umbrüchen einhergehen. Dann kam auch noch die politische Strömung des Zionismus auf, die eine Heimstatt für die Juden gründen wollte. Gepaart mit einem jahrhundertealten Antisemitismus liegt es da quasi auf der Hand, dass eine solche Verschwörungstheorie unglaublich wirkmächtig werden konnte. Die Protokolle waren anschlussfähig an gängige Vorurteile und Denkmuster. Und dann hat natürlich die NS-Zeit ihren Beitrag dazu getan, denn in der Zeit wurden die Protokolle durch neue mediale Möglichkeiten einem breiten Publikum bekannt gemacht.

Spielt es den Verfechtern dieser Verschwörungstheorie dabei nicht auch in die Hände, dass der genaue Ursprung der »Protokolle« nicht mehr nachvollziehbar ist?

Ja, die Tatsache, dass man über die Ursprünge und Entstehungsgeschichte dieser Fälschung teilweise nur Vermutungen anstellen kann, wird als Beweis für die Existenz dieses »geheimen Plans« gesehen. Das trifft aber natürlich auf jedes Dokument zu, das ein bestimmtes Alter hat. Natürlich hatte der russische Geheimdienst gar kein Interesse daran, die Entstehung offen zu legen. Aber von solchen Argumenten lassen sich Verschwörungstheoretiker nicht überzeugen.

Viele Versatzstücke der »Protokolle« sind leider noch tagesaktuell.

Ja, das stimmt. Nehmen wir z. B. die Passage, in der die Juden angeblich planen, das Pressewesen zu übernehmen. Alle Zeitungen sollen sich in jüdischer Hand befinden. Die unterschiedliche Ausrichtung der Publikationen ist ebenfalls geplant, um der nichtjüdischen Bevölkerung Meinungsfreiheit vorzugaukeln. Gegen Kritik ist dieser Ansatz immun, denn er kann auf alles reagieren. Das geht dann weiter über die Behauptung, der Pluralismus sei erfunden worden, um die Nationalstaaten zu schwächen. Alles Versatzstücke, die heute in einer Welt der »einfachen Antworten« wieder Konjunktur haben. Die »Protokolle« sind nicht mehr aus der Welt zu schaffen.

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