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Im Bett mit Karl Marx

Der große Denker in einem emotionalen Unterhaltungsfilm

Diesen Marx gibt es bisher nicht im kollektiven Gedächtnis. Der für den deutschen Philosophen reservierte visuell-ästhetische Platz ist der des ergrauten, massigen und gesetzten Denker-Schwergewichts mit Löwenmähne und wildem Rauschebart - als sei er in dieser reifen Erscheinung auf die Welt gekommen. Nun setzt uns der Regisseur Raoul Peck ein neues, gänzlich anderes und völlig virtuelles, ja man kann sagen: willkürliches Bild in den Kopf. Denn kaum jemand hat je historische Vergleichsfotos des jungen Marx gesehen, die die Kinoversion korrigieren könnten. Und wenn es der vortreffliche August Diehl ausgeschlagen hätte, einen der wichtigsten und mutigsten Denker des 19. Jahrhunderts auszufüllen - wäre uns Marx dann etwa in der Gestalt Moritz Bleibtreus ins Hirn gepflanzt worden?

Insofern war das Unternehmen »Marx-Biopic« eine große Verantwortung, ein Risiko und ein Glücksspiel. Und das nicht nur für die Macher, die sich den Argusaugen der weltweiten Marxjünger und einem Misstrauen gegenüber dem Entpolitisierungspotenzial »großer« Kinobiografien ausgesetzt sehen. Sondern auch für das Publikum - denn das muss fortan mit Raoul Pecks und August Diehls neuem Marx leben, ob es will oder nicht: Wer aus dem Kino kommt, dem wird, sobald künftig der Pate des Kommunismus thematisiert wird, das neue Bild vor dem geistigen Auge erscheinen, einen Resetbutton gibt es nicht. Doch im Falle von »Der junge Karl Marx« ist dieses Spiel mit dem kollektiven Bewusstsein noch einmal glimpflich ausgegangen.

Die kommunistischen wie die neoliberalen Propagandisten haben bisher einen Bogen um den »gespielten« Marx gemacht. Es ist bemerkenswert, dass die westlichen Traumfabriken im Kalten Krieg nicht mit Spielfilmen versucht haben, das gültige Bild des gutmütigen Märchenonkels ästhetisch anzugreifen. Ebenso ist es verwunderlich, dass es außer Helmut Dziubas Kinderfilm »Mohr und die Raben von London« (1969) keine große fiktionale DEFA-Produktion gibt, in der Marx persönlich eine zentrale Rolle spielt. Aber vielleicht war hier die Sorge zu groß, mit dem falschen Schauspieler oder Skript Marx’ Legendenstatus leichtfertig zu trivialisieren.

Raoul Peck und sein Ko-Autor Pascal Bonitzer nutzen für »Der junge Karl Marx« die aktuell gültige Unterform des Biopics: Nicht das ganze Leben wird erzählt, sondern eine prägende, »symbolische« Episode. Doch ist die hier gewählte Spanne von 1844 bis 1848 (Veröffentlichung des »Kommunistischen Manifests«) repräsentativ? Bestehen Marx’ Verdienste nicht eher in seinen späteren komplexen Forschungen als in dem hier gezeigten Aktionismus und der im Manifest bewusst einfach genutzten Sprache? Oder aber sind Faszination und Verdienst des Films gerade, diesen unbekannten Sturm-und-Drang-Marx aus Fleisch und Blut endlich auch zu zeigen?

Wir sehen einen drahtigen und ungeduldigen 26-jährigen Revolutionär, den in dieser Altersklasse nur August Diehl so intensiv hätte spielen können. Auch wenn man diesem Marx bis zum Schluss etwas distanziert gegenübersteht, so verkörpert Diehl den rastlos vibrierenden, im Film durchweg sympathischen Kämpfer und Denker mit glaubhafter lauernder List - wenn sich das historische Vorbild in dieser Lebensphase denn tatsächlich so verhalten hat.

Die Inszenierung ist konventionell, wenn auch nicht hölzern. Es dominieren dezente, gedeckte Farben, der Film atmet Einfachheit und angenehme Zurückhaltung, trotz üppiger Ausstattung. »Der junge Karl Marx« ist eindeutig und gottlob ein emotionaler Unterhaltungsfilm und kein inhaltliches Seminar: Wissenschaft (und auch das Kommunistische Manifest) erhalten nur einige dürre Sätze aus dem Off, etwa gleich zu Beginn ein Artikel aus der »Rheinischen Zeitung«, die Marx aus Protest gegen die fehlende Radikalisierung verlässt, bevor er 1844 nach Paris geht.

In Frankreich erleben wir Marx nicht nur als brillanten und arroganten Denker, sondern, und das ist den Machern offensichtlich wichtig, auch als liebenden Ehemann und sorgenden, stets bankrotten Familienvater. Und als treuen Freund, der in Friedrich Engels (Stefan Konarske) einen intellektuellen und familiären Gefährten findet. Gemeinsam infiltrieren sie den »Bund der Gerechten«, wandeln ihn zum »Bund der Kommunisten« und schreiben dessen Manifest. Der Film beschreibt die Konflikte innerhalb der Linken vor allem als Kampf zwischen den eher wolkig-allgemeinen Heilsversprechen der damaligen Arbeiterbewegung und dem neuen kühl-konkreten Materialismus von Marx und Engels. Die Schilderung der Männerfreundschaft der beiden kippt hier und da kurz ins Banale.

Die Betonung der intellektuell und familiär zentralen Rolle von Jenny Marx tut dem Film dramaturgisch gut, auch wegen der herzlichen Darstellung durch Vicky Krieps. Doch auch hier stellt sich die Frage, ob die Schilderung in dieser Eindeutigkeit historisch verbürgt ist. Wie sollte man Bettgeflüster auch verifizieren?

Auf jeden Fall hat der unterhaltsame Film das Potenzial, eine ganz neue Neugier auf den Kommunismus zu entfachen. Auch wenn er keine Marx-Lektüre ersetzt - so könnte er doch letzter Anstoß sein, sie wieder zu beginnen.

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