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Zwickau schwingt die Abrissbirne

Sachsen: Im Rahmen eines Brachflächen-Landesprogramms soll der VEB »Aktivist« weichen

  • Von Claudia Drescher, Zwickau
  • Lesedauer: 3 Min.

Überall zerbrochene Scheiben und Müll, eingestürzte Mauern, ein ausgebrannter Dachstuhl: Die ehemalige Strickwarenfabrik im Zwickauer Stadtteil Oberplanitz, vielen besser bekannt als VEB »Aktivist«, hat ihre beste Zeit schon lange hinter sich. Nun ist das Aus für die Industrieruine beschlossene Sache. Dieser Tage gab der Bau- und Verkehrsausschuss der sächsischen Stadt grünes Licht für einen Komplettabriss, bei dem auch die Fundamente des vor mehr als 100 Jahren gegründeten Unternehmens beseitigt werden sollen. Damit rücken ab Ende des Monats die Bagger auf einer der letzten Zwickauer Brachen aus DDR-Zeiten an.

Im VEB »Aktivist« - im Jahr 1910 als Stickerei unter dem Namen Junghans und Rößel gegründet - wurden zu DDR-Zeiten Oberbekleidung und Unterwäsche sowie Badebekleidung produziert. Die Waren aus Oberplanitz landeten nicht nur in einheimischen Geschäften, sondern wurden auch in die Bundesrepublik exportiert. Der guten Qualität der Ware sei es zu verdanken gewesen, dass der Betrieb die Wendezeit zunächst überlebte, heißt es auf der Internetseite des Projekts »Industrie.Kultur.Ost«.

Dieses ehrenamtliche Netzwerk aus Hobbyhistorikern und Fotografen dokumentiert das industriekulturelle Erbe Ostdeutschlands. Demnach belieferte der Nachfolgebetrieb des VEB unter dem Namen Micado Strickwaren GmbH nach 1990 unter anderem Händler wie Quelle und Tchibo. 2002 musste der Betrieb jedoch Insolvenz anmelden, 2004 war endgültig Schluss. Trotz zahlreicher Bemühungen konnte kein Nachnutzer gefunden werden, die Fabrik verfiel.

Rund 1,2 Millionen Euro soll nun die Beseitigung der Gebäude und Altlasten kosten, sagte eine Stadtsprecherin. Dieser Tage rückten bereits die ersten Arbeiter an und richteten die Baustelle ein. Als nächstes werde mit der Rodung des zugewachsenen Grundstücks begonnen. Die Stadt selbst zahlt dafür lediglich rund 137 000 Euro, da 90 Prozent der förderfähigen Kosten über das Landesprogramm Brachflächenrevitalisierung finanziert werden. Sachsen hatte diese Förderung im Jahr 2009 eingeführt, um gezielt »Schandflecken« auf Arealen zu beseitigen, die aufgrund des strukturellen Wandels, der militärischen Abrüstung oder der Umgestaltung von Gemeindegebieten nicht mehr genutzt werden. »Bis 31. Dezember 2016 sind insgesamt rund 75 Millionen Euro Finanzhilfen an die Gemeinden ausgezahlt worden«, sagte eine Sprecherin des Innenministeriums. Im Doppelhaushalt 2017/2018 sind weitere 200 000 Euro eingestellt.

Die Finanzierung der Abrisse läuft über die Sächsische Aufbaubank. Wie viele Industriebrachen es insgesamt im Freistaat gibt, ist laut Innenministerium unklar. Eine zentrale Datenbank zu dem Thema sei im Entstehen, biete aber derzeit noch keine belastbaren Zahlen.

In Zwickau gibt es laut Stadtverwaltung neben der ehemaligen Stickerei noch sechs weitere Ruinengelände, die an die einstige industrielle Blütezeit erinnern, darunter ein altes Eisenwerk, eine Ziegelei oder Teile eines ehemaligen Betonwerks.

Gänzlich getilgt wird die Erinnerung an den »Aktivist« nicht: Ein Wandrelief des Zwickauer Künstlers Edgar Klier soll vor dem Abriss gesichert werden und einen neuen Standort in der Stadt finden: In einem ehemaligen Schwimmbad aus DDR-Zeiten, das derzeit zu einem Kompetenzzentrum für das Wohnen der Zukunft umgebaut wird. dpa/nd

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