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Raketendämmerung in Baikonur

Das größte Kosmodrom der Welt in Kasachstan bekommt Konkurrenz in Sibirien

  • Von Thomas Körbel, Baikonur
  • Lesedauer: 6 Min.

Wie ein Vorhang aus Stahl öffnet sich das Tor und gibt die Sicht frei auf die Rakete. Ein Pfeifsignal durchbricht die Stille. Gemächlich setzt sich eine Diesellok in Bewegung. Sie zieht die rund 50 Meter lange Sojus-Rakete aus der Montagehalle in die kasachische Steppe. An diesem eisigen Wintermorgen ist es noch finster. Während der Raketenzug im Schritttempo zur Startrampe fährt, enthüllt die Morgenröte das Herz der russischen Raumfahrt: den Weltraumbahnhof Baikonur in der kargen Weite Zentralasiens.

Vor 60 Jahren, im Oktober 1957, hatte die UdSSR hier mit ihrem ersten Satelliten »Sputnik« die Ära der Raumfahrt voll eingeläutet. Heute starten von Baikonur Menschen zur Internationalen Raumstation ISS. Doch kaputte Fenster und löchriger Asphalt auf dem Raketenbahnhof und in der Stadt lassen Sorgen ahnen. Seit dem Zerfall der Sowjetunion verblasst der Glanz des Kosmodroms. Seit Russland vor einem Jahr den modernen Weltraumbahnhof Wostotschny rund 5000 Kilometer weiter im Osten eröffnet hat, wächst die Konkurrenz. »Mit dem Ausbau von Wostotschny wird die Zahl der Raketenstarts von Baikonur stetig abnehmen«, sagt Igor Marinin vom Raumfahrtmagazin »Nowosti Kosmonawtiki«.

Maria Jarozkaja ist eine der wenigen, die sich noch an alle Etappen der Geschichte Baikonurs erinnern. Die 83-Jährige war Raketenspezialistin. Sie hat mitgewirkt am Aufstieg der Supermacht UdSSR. Nun erlebt sie den schleichenden Abstieg Baikonurs. »Als ich hierher kam, war ich 23 Jahre alt. Und das Erste, was ich gesehen habe, war Steppe, Steppe, Steppe.« Maria traf im September 1956 ein, anderthalb Jahre nachdem die Pioniere begonnen hatten, das Kosmodrom aus dem staubigen Boden zu stampfen. Die Rentnerin erzählt ihre Geschichte in einem Restaurant im Stadtzentrum. »Es gab kein Einkaufszentrum, keine Sauna.« Schmunzelnd schaut Maria ihren Begleiter Viktor Kulepjotow vom Veteranenverband an. Der 69-Jährige war früher ihr Chef. Jetzt erzählt er von ihrer Arbeit: Maria berechnete die Raketenflugbahnen. »Sie hat auch die Flüge von Sputnik und Juri Gagarin berechnet«, sagt Viktor.

Es war eine Weltpremiere, als die Sowjetunion am 4. Oktober 1957 einen Satelliten ins Weltall schoss. Die Piepssignale von »Sputnik« aus der Erdumlaufbahn bildeten den Auftakt für den Wettlauf im All zwischen den verfeindeten Großmächten in Ost und West. Das Rennen prägte diese Phase des Kalten Krieges. Vier Jahre nach dem Satellitenstart katapultierte die Sowjetunion Juri Gagarin in die Höhe - als ersten Menschen im Weltraum.

Gagarins Flug überraschte sogar Maria Jarozkaja, so streng war die Geheimhaltung. »Ich wusste nicht, dass ein Mensch in dieser Rakete saß.« Aus ihren Augen spricht auch Jahrzehnte später noch Entrüstung. »Als ich es später aus dem Radio erfahren habe, war es schwer zu glauben. Aber ich kann kaum beschreiben, wie stolz wir waren.« Viktor war 1961 erst 13 Jahre alt. Vor dem Start Gagarins sei der Name Baikonur nicht öffentlich bekannt gewesen, erzählt er. Um den Westen zu verwirren, hatte die Sowjetführung ihrem Weltraumbahnhof einen Tarnnamen gegeben. Viktor erinnert sich an US-Flugzeuge, die über der Steppe kreisten und nach dem Kosmodrom Ausschau hielten.

Maria hat verschiedene geheime Militärprojekte erlebt. Sie wuchs in Kapustin Jar auf, bei einem Raketentestgelände aus den 1940er Jahren. Das Areal nahe des heutigen Wolgograd war ebenfalls »top secret«. Dort rüstete sich die Sowjetunion für den Kalten Krieg. Maria wurde in »Kapi-Jar« zur Technikerin ausgebildet. Doch für die immer größeren Interkontinentalraketen der jungen Atommacht wurde »Kapi-Jar« bald zu klein. So fiel 1955 die Entscheidung, in der Steppe am Fluss Syrdarja nahe des Aralsees das »Forschungs- und Testgelände Nummer Fünf« zu bauen.

Baikonurs heutige Konkurrenz durch Wostotschny beobachtet Maria mit Sorge. Zwar sollen die ersten bemannten Starts dort nicht vor 2023 beginnen. Aber: »Wenn in Wostotschny die gleichen Raketen starten wie hier, dann schließen sie Baikonur über kurz oder lang. Dann haben die Leute hier keine Arbeit mehr.« Wenige sprechen die Probleme so offen an.

Von den einst 15 Startrampen sind noch fünf in Betrieb. An der Rampe Nummer 1, von der 1961 Gagarin gestartet war, herrscht bis heute Hochbetrieb. Von hier soll wenige Tage nach dem Gespräch mit Maria eine Sojus mit drei Raumfahrern zur ISS abheben. Unter den Blicken Hunderter Schaulustiger wird die Rakete aufgerichtet. Ein Priester segnet das Geschoss bei eisigem Wind.

In der Stadt grüßen pastellfarbene Raketenbilder von hohen Plattenbauten. Baikonur gleicht einem Museum: Satelliten und Denkmäler von Raumfahrern prägen die Plätze. Für die Menschen in Baikonur war das Ende der UdSSR ein Wendepunkt, der den Abstieg einleitete. Das Kosmodrom lag nun aus russischer Sicht im Ausland - in Kasachstan. Von einst über 100 000 Einwohnern schrumpfte die Bevölkerung vorübergehend auf rund 50 000. Erst ein Vertrag zwischen beiden Staaten brachte 1994 neue Ordnung. Seitdem pachtet Moskau das Areal für 115 Millionen US-Dollar im Jahr (rund 110 Millionen Euro). Russland verwaltet die Stadt. Der rasante Niedergang konnte gebremst werden. Heute hat Baikonur 73 000 Einwohner. 65 Prozent sind Kasachen, 35 Russen. Um das Zusammenleben zu erleichtern, gibt es russische und kasachische Schulen, Polizisten und Gerichte.

Die Alltagsprobleme jedoch betreffen alle. Wöchentlich gebe es Ausfälle bei Strom, Wasser und Gas, sagt Stadtsprecherin Jelena Mitrofanowa. Es gelten strenge Reisekontrollen. Am Stadtrand erhebt sich eine Mauer aus dem Steppensand. Der Betonwall umschließt den Ort. Raus geht es nur an Kontrollstellen. Der Exodus gehe weiter, sagt sie. »Jedes Jahr verlassen etwa 500 Menschen Baikonur.«

Gegen vergleichbare Probleme kämpfen in Russland viele Orte: sogenannte Monostädte. In der sowjetischen Planwirtschaft wurden sie auf einen einzigen Industriezweig ausgerichtet. In der heutigen Marktwirtschaft hat sich dieses Konzept überholt. »Monostädte sind ein System-problem, dessen Lösung Jahrzehnte benötigt«, sagt Natalja Subarewitsch vom Unabhängigen Institut für Sozialpolitik in Moskau. In Baikonur sind es vor allem junge und gebildete Leute, die weg wollen. Den 17-jährigen Michail zieht es fort, aber er sieht seine Zukunft in der Raumfahrt. »Ich will Raketen entwickeln«, sagt Michail. Stolz präsentiert er ein Sojus-Modell, das er gebastelt hat. »Ich will nach St. Petersburg und dort studieren. Mal sehen, in welchem Kosmodrom ich dann lande«, sagt der angehende Abiturient. Ob er zurückkommen oder in Wostotschny arbeiten will? »Ich will zurück, aber ob es klappt?« Für das Kosmodrom sind die Starts die Lebensgrundlage. Vorerst scheint der Betrieb gesichert. Im Dezember haben Russlands Präsident Wladimir Putin und sein kasachischer Kollege Nursultan Nasarbajew ein Papier zur Nutzung unterzeichnet. Bis 2050 läuft der Pachtvertrag, doch künftig dürften trotzdem immer mehr Raketen von Wostotschny abheben.

Bis 2024 ist der Betrieb der ISS geplant. Derzeit fliegen nur von Baikonur Menschen dahin. Das macht den Ort für den Westen wichtig, nachdem die USA ihr Shuttleprogramm gestoppt hatten. Flüge zur ISS spülen Geld in leere russische Kassen. Pro Platz in einer Sojus zahlen die USA 70 Millionen Dollar an Roskosmos.

Der Start einer Sojus ist ein Spektakel. Als dumpfes Klopfen schlägt die Vibration der Rakete auf die Brust. Mit der Kraft von 20 Millionen PS schießt sie in den Nachthimmel. In wenigen Minuten schrumpft der helle Feuerschweif zu einem roten Punkt und verschwindet im Dunkel. dpa/nd

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