Mit Kurt Marti ist ein aufrüttelnd sanfter Dichter verstorben

Schweizer Lyriker und Pfarrer starb im Alter von 96 Jahren

  • Von Hans-Dieter Schütt
  • Lesedauer: 5 Min.

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Robert Walser sprach von den Wegen am Abend, denen man ansah: Es sind Heimwege. Im Alter ist dies wohl wie eine letzte Arbeit: die Heim-Suchung. Und zwar im wahrsten Sinne des Wortes …

Der Berner Dichter und Pfarrer Kurt Marti zum Beispiel, er hat vor einiger Zeit »Spätsätze« veröffentlicht. Gedankensplitter. Sie erzählen vom »Abendleben« – und von drei Buchstaben, die eines letzten Tages herausfallen aus diesem Wort, wie haltlos gewordene Zähne. Aus Abendleben wird nämlich: Ableben. »Wer kein Heim mehr hat, geht in ein Heim. Was tut er dort? Wartet auf seinen Heimgang.« Berührende Heiterbitterkeit eines so weltbewussten wie selbstironischen Erdengastes, Jahrgang 1921.

Martis letzte Reflexionen waren feinste Verlustregungen. Beobachtungen im Nachlassen, im Loslassen. Und im Verlassensein. »Seitdem die täglich und nächtlich vertraute Zwiesprache aufgehört hat, schwinden mein Wortschatz und mein Ausdrucksvermögen.« Klare, unsentimentale Einsichten ins Unvermeidliche, ins nunmehr Fällige, das Hinfällige; die Bilanz: sich lange schon als »Rohstoff« der boomenden Altersindustrie gefühlt zu haben.

Doch betrieb Marti im Bewusstsein des Abschieds keine Niederreißung des noch immer tapfer Lebendigen, er plädierte ungebrochen: »Christliche Dichtung nicht im Museum, sondern an den Autostraßen!« Und weiter, so schrieb er, »verlaufe ich mich im Wald der Fragen und Widersprüche. Also lebe ich noch.« Sich gewissermaßen trotz großer Bewegungsmühe solcherart verlaufen zu wollen, verlaufen zu können – es klingt wie ein heiterer Widerstand gegen Heideggers »Vorlaufen in den Tod«. Im höchsten Alter sogar noch die Frage, warum es keine »erotische Theologie« gebe. Und immer wieder Sinn für Farben! »Im Licht der langsam entgleitenden Abendsonne wird der Zigarettenrauch märchenhaft blau.«

Alters Weisheit: Die Lust am Leben heilt nichts mehr wirklich, aber sie lindert, sie ist »heitere Resignation«, und für den Gläubigen Marti hob sich das Leiden an der Aussichtslosigkeit auf in der beruhigenden Aussicht, dass Vergänglichkeit doch auch etwas – Heiliges sei. Ja! Etwas Höhergewolltes. Gern verwies der Dichter auf das Erste Testament, das »radikal diesseits« sei, denn es »weiß nichts von einem individuellen Weiterleben nach dem Tod. Alt-Israels Gottesleidenschaft bedurfte keiner persönlichen Jenseitshoffnung«. In den Ausmalungen eines ewigen Lebens vermutete Marti einen »theologischen unbeholfenen Dank für unser verwitterndes, aber einmalig lebenswertes Dasein«.

Ein langes Leben! Viele Jahre im Berner Pfarramt. Ein kritisches politisches Engagement, das ihn über die Grenzen der Schweiz hinaus bekannt machte. Er forderte Reisen in den deutschen Osten (»DDR? schwamm darüber – und doch/ gab es im falschen sozialismus/ ein wahres christliches leben«). Und natürlich müssen die Impulse erwähnt werden, die er der jüngeren deutschschweizerischen Literatur gab, mit Mundartgedichten und erzählerischen Experimenten. Seine Lyrik lässt an Brecht und Erich Fried denken, sie geißelt Schweizer Militaristen ebenso wie den heuchlerischen Mythos einer Neutralität, die zu Hitlers Zeiten und danach nichts weiter war als nationalistischer Egoismus. Vietnam-Krieg, Umweltzerstörung, Prager Frühling, atomare Bedrohung – die aktuelle Schlagzeile befeuerte unablässig den lyrischen Zeilenschlag. Und immer war da ein großes Verständnis für den Menschen: Denn im Grunde sind wir alle unsicher – daher die Entschiedenheit, mit der wir Meinungen äußern.

Martis Werk stärkt die Gewissheit: Es kommt darauf an, Gott ohne besitzanzeigendes Fürwort zu denken. Einen solchen Gott freilich, der alle einschließt und den alle meinen dürfen, den muss man aushalten können, und es fragt sich, ob sich auf ihn eine Erlösungsglaube gründen lässt – »für mich ist Gott kein Monopolist«, schreibt Marti. 1972 brachte ihn die unangepasste Querdenkerei in seinem Tagebuch »Zum Beispiel Bern« vors Gericht, und als er im gleichen Jahr einen Wehrdienstverweigerer öffentlich verteidigte, wurde er in der Schweiz nicht nur als »Dreiviertelkommunist« beschimpft, sondern er musste auch auf einen in Aussicht gestellten theologischen Lehrstuhl verzichten.

»Leichenreden«, »Unter der Hintertreppe der Engel«, »Die Hoffnung geht zu Fuß« – dieser Dichterpfarrer, in frühen Jahren Gefangenenseelsorger in Paris, hat in seinen Versen, Tagebüchern und Reflexionen die Dimension des Religiösen ins Spielerische getrieben, er sprach von einer »geselligen Gottheit«. Gott demnach auch als ein großer Spielmeister, der in der Schöpfungsgeschichte nur das Notwendige festlegt und Spielraum offenlässt für Variationen. Eine beseelende Absage an parteipolitische Programmatiker und sämtliche Geschichtslehrer einer metaphysisch unbegabten und also dogmenwilligen Vernunft. Und ein Ausbruch aus der vorgeformten Gebotssprache der Kirche und der Theologie. »Liebe Gemeinde/ wir befehlen zu viel/ wir gehorchen zu viel/ wir leben zu wenig.«

Das Buch, das ich besonders liebe: »Högerland«. Ein Fußgängerbuch. Spaziergänge, die offenbaren: Wahrnehmung ist schon das Ereignis. Das Gehen als eine Lebensform der Tröstung. Ein Werk wie Uwe Grünings »Laubgehölz im November« oder Hanns Cibulkas »Wegscheide«: Das Flanieren als Wehr gegen eine (städtische) Welt, die durch fortlaufende ökonomische Vergewaltigungen ihre intimen Stellen längst eingebüßt hat – denn sie zeigt uns alles, und das ist schon auf den ersten Blick zu viel. Spaziergänger Marti erinnert daran: Früher richtete sich der Blick der Menschen auf die Dinge, heute richtet sich der Blick der Dinge auf den Menschen. Die Zudringlichkeit kassiert die betrachtende Distanz, und die Penetranz der Kaufappelle verwandelt das Flanieren in Fluchten. Marti aber ist der Dichter, der auf Umgebungen mit Diskretion besteht. Eine Verlustanzeige. Wie im »Tagebuch mit Bäumen«: Bewusstmachung, dass uns das Baumsterben an den Wurzeln unserer Weltauslegung trifft.

Gottvertrauen und Galgenhumor hat dieser gütige Mensch stets als Gemeinsamkeit gedacht. »Der Weg kommt, indem wir gehen.« Nun ist Kurt Marti im Alter von 96 Jahren gestorben.

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