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Die Geduld der Maultiere

An diesem Dienstag wird der sehr »operative Schriftsteller« Alexander Kluge 85 Jahre alt

  • Von Hans-Dieter Schütt
  • Lesedauer: 4 Min.

Der Dinosaurier und Lenin. Das geht zusammen. Der Saurier schafft sich eine Backentasche an, um Futter aufzubewahren. So entsteht die Wange. Schnitt. Lenin sieht in einer Sitzung eine Genossin »mit wunderschöner hoch sitzender Wange«. Ist fasziniert und denkt sofort, sie sei vom Klassenfeind eingeschleust, um ihn zu verführen. Ihm fällt blitzartig auf, dass er unter Verfolgungswahn leidet. »So entstand ein Moment der Selbstkritik.« Die Natur selbst, so Kluge, habe hier künstlerisch gearbeitet. »Indem sie aus dem Nutzwerkzeug Wange beim Dinosaurier über viele Zeiten hin die schöne Wange einer Frau gemacht hat. Dazu noch die Selbsterkerkenntnis bei Lenin.«

Eine typisch überdehnungsbesessene Alexander-Kluge-Phantasie: Unvereinbarkeiten verdichten sich. Ohne Rücksicht darauf, was als wahr oder nur als wirklich gelten darf. Ihn interessieren die Unwahrscheinlichkeiten, die aufeinandertreffen und gemeinsam ein Stück Leben ergeben. Oder Kunst. Er wehrt sich mit seinem Schreiben gegen das, was er in einem Filmtitel als »Angriff der Gegenwart auf die übrige Zeit« bezeichnete. Mangel an Selbstachtung entsteht für ihn dort, wo wir uns nicht mehr verwoben sehen mit allen Zeiten. Kluge kämpft wild wie ein Kind, ist selber so, wie er Rudolf Augstein beschreibt: »Er wurde nie älter als sein neugieriger Blick.«

Ob fiktiver Dialog, Report, Anekdote – für ihn ist es keine Schwierigkeit, zwischen den Jahrhunderten zu springen oder als Feldforscher in Revolutionen herumzugeistern. Von den Rändern aller Zeiten und Räume reißt Kluges Prosa kleine Reste Leben mit, verwickelt sie in Strudel, lässt sie auf dunkle Gründe sickern, und wo sie auftauchen, scheinen die Partikel plötzlich wie eine Botschaft vom fremdesten Planeten, den wir kennen: der Erde.

Das Überzeugendste und Wahrhaftigste an jeder Geschichte ist für ihn – die Gegengeschichte. Der Schriftsteller als Entfesselungskünstler: Er entfesselt vom Glauben, es gäbe Gesetze der Geschichte. Weil die gesellschaftliche wie die natürliche Evolution kein überlegenes Subjekt kennt und daher alles unvorhersehbar bleibt. Die Krise sämtlicher positiver Utopien hat eben hierin ihren Grund. Geschichte, ein immerwährend instabiler Zustand.

Dieser Fabuliernarr mit seinen vielen Filmen und Büchern fordert gleichsam dazu auf, den Historikern die Geschichte aus den Händen zu reißen und sie den Gebrüdern Grimm zu übergeben, den Sammlern, den Flohmarktstrategen, den Träumern, die Raum und Zeit mühelos durchschreiten. Das Sinnprägende ist ihm die Katastrophe: »Alle Verhältnisse werden im Augenblick ihrer Erschütterung für einen Moment durchsichtig daraufhin, dass sie falsch zusammengesetzt sind.« Denken wir an den Herbst 1989, und wir wissen, was Kluge meint. Anderen mussten für diese Einsicht andere Türme einstürzen. Er selbst, 1932 in Halberstadt geboren, überlebte 1945 einen Bombenangriff: »Zehn Meter entfernt der Einschlag – die Minimalabweichung, die mein Leben bestimmte. Privat- und Menschheitsgeschichte ist eine Sache winziger Verschiebungen von Koordinaten.«

Seine Geschichten arbeiten gegen ein Zentralarchiv des vermeintlich Logischen und Faktischen. In einem nd-Interview sagte er: »Mit der Straßenkarte von London den Harz durchwandern – das ist ergiebig insofern, als Sie sehr gut merken, wann Sie in den Abgrund fallen. Sie können mit einer falschen Karte viel erfahren. Wir können nie genau sagen, welche Karten richtig sind.« Stolpern ist gut. Wo man stolpert, denkt man nach. Und kommt aus der ersten und zweiten menschlichen Natur (Bodenhaftung und Ideenflüge) in die dritte: lernen, lernen, lernen. Vor allem, dass eine einzelne Bewegung kein Glück bringt. Nur Reibung bringt›s.

Den Beruf des Autors verband Kluge mit dem des filmischen Operateurs, den des Praktikers mit dem des Theoretikers (Tretjakow sprach einst vom »operativen Schriftsteller«). Er ist Jurist, Rechtsanwalt, TV-Produzent, war Kirchenmusiker, Adorno-Schüler (Kritische Theorie!), Fritz Langs Assistent, Mitschöpfer des »Oberhausener Manifests« der Autorenfilmer. Dieser eher kleine Mensch mit der weich einflüsternden Stimme und dem beschwörenden »ja?« hinter jeden Satz – er ist ein Philosoph des Gefühls. Was andere Zerfallszeit nennen, nennt er Übergang. Diese Dialektik des Lebens findet sich in seinen Lieblingsversen, von Karl Kraus: »Und ist einmal die schlimme Zeit – lang wie ein Alb – gebrochen,/ dann wird davon gesprochen,/ und einen Strohmann baun die Kinder auf der Heide/ zu brennen Lust aus Leide.«

Im Buch »Die Lücke, die der Teufel lässt« gibt es ein Foto: »Fünf Maultiere, vom Wasser des Missouri eingeschlossen, warten geduldig auf ihre Befreiung.« Das ist Kluges Bild für unsere ewig akute Situation. Sind auch wir Eingeschlossene? Wie weit ist es bis zum Ufer? Kommt Rettung? Wenn, von wem? Was wissen wir wirklich von der Gefahr, darin wir stecken? Kann man in einer Situation leben und zugleich etwas Entscheidendes über sie wissen? Was lehrt uns die Geduld der Maultiere?

An diesem Dienstag wird Alexander Kluge 85 Jahre alt.

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