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Wenn der Müllmann gar keiner ist

Auch die kleinteilige Thüringer Wirtschaft ist für ausländische Nachrichtendienste interessant, sagen die Behörden

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Bloß keine Namen! Am besten nicht mal einen Ortsnamen! Ach ja, am allerbesten auch nicht irgendwelche Details zur Angriffsmethode! Nur, und das wissen die Männer genau, die in dieser Geschichte zu Wort kommen: Wenn sie allzu vage bleiben, nimmt sie niemand ernst. Dabei wollen sie doch, dass den Thüringer Unternehmen durch Wirtschaftsspionage drohende Gefahren viel ernster genommen werden als bislang.

Also versuchen sich die Männer in einem Balance-Akt: Ein paar Details hier, ein paar Details da - aber nichts, was irgendwelche Rückschlüsse darauf zuließe, welche Firmen im Freistaat bereits Opfer von Wirtschaftsspionage geworden sind. So richtiger, echter, staatlich gelenkter Wirtschaftsspionage. Was bezeichnend für das Thema ist, ist es doch alles andere als einfach, mit Spionen umzugehen, die auf Unternehmen und deren Mitarbeiter angesetzt werden. Für die Betroffenen selbst, aber auch für die Sicherheitsbehörden.

Da ist zum Beispiel diese Geschichte, die sich vor einigen Jahren irgendwo in Mittelthüringen abgespielt hat. Vor allem Unternehmer hätten sie an jenem Abend vor Kurzem in Suhl hören können, als ein Mitarbeiter des Thüringer Verfassungsschutzes über die Bedeutung von Wirtschaftsspionage im Freistaat sprach. Doch der Saal war fast leer. Zu verbreitet ist offenbar der Glaube: »Was soll es bei uns zu holen geben?«

Der Abteilungsleiter International der Industrie- und Handelskammer (IHK) Südthüringen, Hartmuth Röser, bringt dieses Denken auf den Punkt: »Aus Sicht der IHK Südthüringen spielt dezidiert ›staatlich gesteuerte Spionage‹ bei Sicherheitsvorkehrungen der heimischen Firmen keine Sonderrolle.« In den Unternehmen sei die Sorge größer, Opfer von Kriminellen und konkurrierenden Firmen zu werden.

Der Fall aus Mittelthüringen: In der betreffenden Firma kam stets zu einem bestimmten Tag die Müllabfuhr. Konstruktionspläne, sagt der Verfassungsschützer, hätten dort zwischen all dem anderen Papier gelegen. Alles sei aus Sicht der Mitarbeiter gewesen wie immer. Bis ein paar Minuten nach der Müllabfuhr die echten Müllmänner bei dem Unternehmen nachfragten, wo denn der Papiermüll hin sei, den sie an diesem Tag sonst immer abholten. Der Nachrichtendienst welchen Landes hinter diese Aktion stand? China, Russland oder Iran - »einer von den Dreien war’s«, sagt der Verfassungsschützer.

Sein Amt ist immer dann mindestens auch zuständig, wenn es den Verdacht gibt, dass ausländische Geheimdienste hinter Fällen von Wirtschaftsspionage stehen könnten. Bis die Beweislast so konkret ist, dass Polizei und Staatsanwaltschaften eingeschaltet werden können oder müssen. Für rein private Wirtschaftsspione, die etwa ein Mitbewerber gegen ein Unternehmen einsetzt, ist der Verfassungsschutz dagegen nicht zuständig. Auch nicht für die Fälle von Internet-Kriminalität, bei denen die Täter zum Beispiel vom Ausland aus über diverse Betrugsmaschen versuchen, an das Geld von deutschen Firmen zu gelangen. Immer wieder freilich ist die Grenze zwischen Kriminellen und Mitarbeitern von Nachrichten- und Geheimdiensten fließend.

Diese Warnung trägt auch Hartmut Carl wie ein Mantra vor sich her. Er ist das geschäftsführende Vorstandsmitglied eines Vereins, der den Namen »Allianz für Sicherheit in der Wirtschaft - Mitteldeutschland« trägt. Eines Zusammenschlusses, der seinen Sitz, »nicht zufällig«, wie Carl sagt, in Jena hat, wo eine Vielzahl von großen und kleinen Technologie-Unternehmen beheimatet ist, die zweifellos interessant für staatlich gelenkte Wirtschaftsspionage sind - darunter: Carl Zeiss und Jenoptik. Von der Allianz heißt es zudem, dass auch mit Deutschland eng befreundete Staaten sehr wahrscheinlich in Thüringen aktiv seien - allen voran die USA.

Die Warnung des Nachrichtendienstlers und das Mantra von Carl lauten ungefähr so: Auch die kleinteilige Thüringer Wirtschaft ist als Ziel für die Spionage ausländischer Dienste interessant. Vielleicht nicht so sehr der Dachdeckerbetrieb oder das Familienunternehmen, das Heizungen installiert oder Autos repariert. Sehr viel mehr aber jedes Unternehmen, das neue Technologien auf den Markt bringt oder dessen Produkte, die sich etwa in der Rüstungsindustrie verwenden lassen. In keinem Fall sei es so, dass hier künstlich eine Bedrohung aufgebauscht werde, über die sich ein in die Kritik geratener Inlandsnachrichtendienst ein neues Betätigungsfeld suche, sagt Carl. Um das zu untermauern, kann auch er viele Geschichten erzählen.

Eine dieser Geschichten handelt von Männern, die sich in einem Unternehmen als Experten für Kopiergeräte vorstellten - und irgendwann all die Seiten vom internen Speicher eines Kopierers auslesen konnten, die dort zuletzt dupliziert worden waren.

Eine andere handelt von einem nur scheinbar zufälligen Treffen während einer Messe, bei dem der Mitarbeiter einer Firma beim Feierabendbier mit einem Mann ins Gespräch kam, den er vorher noch nie gesehen hatte - der sich aber auffallend für die Produkte jener Firma interessierte und erstaunliche Vorkenntnisse über diese besaß. Dem Mitarbeiter selbst sei gar nicht aufgefallen, dass er da ausgefragt wurde, sagt Carl. Erst einem Kollegen sei die Sache verdächtig vorgekommen. Der habe dann Schlimmeres verhindert.

Freilich sind Angriffe über das Internet nicht selten - aber auch für deren Erfolg müssen Menschen in der Regel auf Links oder Anhänge in dubiosen E-Mails oder auf eigenartigen Webseiten klicken. Doch ohne einen von sich aus aktiven, sogenannten Innentäter, sagt der Verfassungsschützer, könnten die meisten Fälle von Wirtschaftsspionage nicht erfolgreich sein. »Wenn Sie jemanden im Unternehmen haben, der drei Mal nicht befördert worden ist, dann staut sich bei dem ziemlich viel Frust auf, den sich Dritte zu Nutze machen können.«

Auch Carl sagt: »Die Hauptschwachstelle ist nach wie vor der Mensch.« Es gelte also, Menschen für die Gefahren durch Wirtschaftsspionage zu sensibilisieren. Weil es oft viel einfacher ist, in einer Firma für ein bisschen mehr Sicherheit zu sorgen, als E-Mails zu verschlüsseln: Türen und Schreibtische abschließen, Besucher nicht alleine durchs Haus wandeln lassen, ausländischen Delegationen bei allem Stolz auf das Erreichte nicht die allerneusten Prototypen zeigen - es sind simple Dinge, die helfen können, es Wirtschaftsspionen zumindest schwer zu machen. Ohne freilich über solche Vorsichtsmaßnahmen alle Mitarbeiter und Besucher unter Generalverdacht zu stellen. Der Umgang mit Wirtschaftsspionage ist eben immer ein Balance-Akt.

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