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8000 Menschen für mehr Gehalt

Warnstreik bringt Lehrer, Erzieher, und Polizisten auf die Straßen

  • Von Johanna Treblin
  • Lesedauer: 3 Min.

»Man freut sich schon, wenn Familien wegziehen oder abgeschoben werden«, sagt die Mitarbeiterin eines Jugendamts. »Mal ganz zynisch gesprochen.« Gemeinsam mit Kollegen und rund 8000 weiteren Mitarbeitern des Öffentlichen Dienstes in Berlin demonstriert sie am Dienstagvormittag zwischen Alexanderplatz und Brandenburger Tor für bessere Arbeitsbedingungen. Ihren Namen will sie nicht nennen, auch nicht, in welchem Bezirk sie tätig ist. »Wir müssen massenhaft Fälle bearbeiten«, erklärt sie ihren Unmut. Jeder Kollege sei für 80 bis 90 Familien zuständig. Eigentlich sollten es nicht mehr als 45 sein. »Allein in diesem Jahr habe ich fünf neue Fälle bekommen«, erzählt eine Kollegin. Gleichzeitig würden kaum Fälle wegfallen - nur bei Volljährigkeit, oder eben, wenn die Familien wegzögen.

8000 Lehrkräfte, Erzieher, Sozialpädagogen, Hochschulbeschäftigte und andere Angestellte im öffentlichen Dienst des Landes Berlin beteiligten sich am Dienstag nach Angaben der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) am Warnstreik, zu der sie kurz vor der dritten Tarifrunde im öffentlichen Dienst gemeinsam mit ver.di, der Gewerkschaft der Polizei (GdP) und der IG BAU aufgerufen hatte. Am Mittwoch soll der Streik fortgesetzt werden.

Mit dabei sind auch Mitglieder des Personalrats der allgemeinbildenden Schulen Charlottenburg-Wilmersdorf bei der Senatsverwaltung für Bildung. »Im letzten Jahr wurde anerkannt, dass Erzieher in Berlin Mangelware sind«, sagt Personalratsmitglied Hartmut Krüger. »Uns war das schon lange bekannt.« Das Problem: »Für schlechtes Gehalt will kaum jemand diese Arbeit machen.« Erzieher erhalten in Berlin brutto rund 430 Euro weniger als in anderen Bundesländern, etwa in Brandenburg. Krüger braucht zu seiner Arbeitsstelle in Charlottenburg etwa eine halbe Stunde. In der gleichen Zeit könne er auch nach Potsdam fahren und würde dort 420 Euro mehr verdienen, sagt der Erzieher. Aber: »Ich hänge an meinem Arbeitsplatz und an den Kindern. Die möchte ich nicht für mehr Gehalt verlassen.«

Auch Polizisten demonstrieren am Dienstag für bessere Arbeitsbedingungen. Unter ihnen sind nicht verbeamtete Mitarbeiter des Gefangenendienstes und der Verkehrsüberwachung sowie Objektschützer, beispielsweise vor Botschaften und jüdischen Einrichtungen. Sie fordern eine höhere Eingruppierung im Tarifvertrag als die bisherige Stufe E 4 und eine Entzerrung der Arbeitszeiten. »Wir arbeiten sieben Tage am Stück. Die letzte Nacht in den siebten Tag hinein wird aber nicht mitgerechnet, obwohl die Schicht bis 6 Uhr früh geht«, sagt Elton, der nur seinen Spitznamen nennen will. »Danach schläft man. Da fährt man nicht an die Ostsee.« Früher seien die einzelnen Schichten zwar länger gewesen, dafür hätte man aber häufiger und länger zwischen den Schichten frei gehabt. Elton würde gerne zumindest eine Nacht weniger am Stück arbeiten. Gut fände er auch eine 35-Stunden-Woche. Und wenn es mit der höheren Eingruppierung nicht klappt, dann könnte er sich eine höhere Zulage für den wechselnden Schichtdienst vorstellen.

Die Gewerkschaften ver.di, GEW, GdP und IG BAU wollen mit dem Warnstreik den Druck auf die Arbeitgeber in den laufenden bundesweiten Tarifverhandlungen erhöhen. Dort fordern sie für die Angestellten der Länder Gehaltserhöhungen im Gesamtvolumen von sechs Prozent. Die Tarifgemeinschaft der Länder (TdL) lehnt das als zu hoch ab. Am Donnerstag wird in Potsdam wieder verhandelt.

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